Nr. 22/2006 vom 01.06.2006

Berichte aus dem Innern des Ungeheuers

Von Sina Bühler

«Corporate Blogs, offizielle Weblogs von Unternehmen, sind vor allem bei IT-Unternehmen in den USA ein immer beliebteres Instrument der Unternehmenskommunikation. Das Unternehmen kann dadurch direkt mit Händlern und Kunden kommunizieren und gibt sich transparent und offen.» So schrieb der «Klein Report» im Sommer 2005. Frosta beispielsweise, eine Tiefkühlnahrungsproduzentin, lancierte ihren Blog im Juni 2005 mit folgenden Worten (des Marketingvorstandes): «Die Frosta-Mitarbeiter und Sie sollen hier spontan Gelegenheit haben, miteinander zu kommunizieren. Ich glaube, dass wir durch diesen direkten Kontakt viel voneinander lernen können.»

Die WOZ war Frosta, Microsoft, Google und den anderen um Jahre voraus. In Transparenz und Offenheit seit je, im öffentlichen Tagebuchführen seit 2001. Am Anfang jenes Jahres begannen die GenossenschafterInnen ein WOZ-online-Tagebuch zu schreiben. Im wöchentlichen Turnus fassten die Mitarbeitenden den Auftrag, vom Nebenbei zu erzählen, von den Geschichten hinter den Geschichten und dem Leiden an der Zeitungsproduktion. «Das öffentliche Firmentagebuch als Imageträger» wird die Methode vom «Klein Report» genannt - offen und transparent à la WOZ heisst das: «Berichte aus dem Innern des Ungeheuers». In der Woche 22/02 war die damalige Korrektorin und heutige Inlandredaktorin Bettina Dyttrich an der Reihe: «22 Uhr beim Kühlschrank: Soll ich das Coop-Naturaplan-Zwetschgenjogurt essen? Oder den Apfel daneben? Aber wenn das jetzt das Mittagessen von x ist? Für den Montag? Das linke Bewusstsein hält mich davon ab ...»

«Wen soll das bloss interessieren?», konnte man sich natürlich fragen - die Antwort lieferten die WebsurferInnen. Nichts wurde auf www.woz.ch öfter angeklickt als das Tagebuch. Die Antwort lieferten auch die NachahmerInnen. Einen Blog (auf gut Deutsch Tagebuch) führt mittlerweile jeder Strickverein und jede Krabbelgruppe. Natürlich «interessieren» die privaten Notizen, natürlich will man wissen, was denn sonst noch so läuft und wer und mit wem und überhaupt. Und so kamen die LeserInnen zu den bestgehüteten Geschäftsgeheimnissen: dass die WOZ-Woche an Donnerstagen beginnt und dass die Redaktion chronisch zu spät abgibt und dass «zu spät» bei den Abgabegewohnheiten der Familie Monster noch ein ganz eigenes Bedeutungsuniversum hat.

Die TagebuchschreiberInnen wiederum nutzten die Chance, über geklaute Jogurts (das vergammelte, gestohlene oder gespendete Jogurt war ohnehin ein über Jahre wiederkehrendes Element), über Eintagsfliegen in der Stehlampe und verrauchte Sitzungsräume zu maulen. Oder aber sie setzten die Buchstaben für intensives Lobbying ausserhalb der WOZ-Mauern ein. Zum Beispiel als die (älteren) WOZ-GenossenschafterInnen neue Seiten für die (jüngeren) WOZ-Lesenden vorschlugen: «Was auf den neuen Seiten stehen soll, darüber ist sich das WOZ-Plenum allerdings noch nicht einig. Einer der Vorschläge war eine Jugendseite. Als jüngstes Genossenschaftsmitglied bin ich dafür doch die Expertin! TIRADE GEGEN EINE JUGENDSEITE.» Wahrscheinlich hoffte Bettina Dyttrich auf LeserInnenbriefe, die allerdings nie kamen. Genauso wenig wie die Jugendseite übrigens, aber die Liste der noch unrealisierten Geistesblitze und genialen Ideen in der WOZ ist mindestens so lang wie die Liste der heute aktiven BloggerInnen. Oder sie wurde von der Aktualität inzwischen überrannt, wie auch das WOZ-Tagebuch, in dem seit Mitte 2003 niemand mehr schreibt. Aber schliesslich ist die WOZ Avantgarde - und Geistesblitze, die zu langweiligen Trends geworden sind, wie Sudokus, Horoskope oder eben Blogs, die sind unser Ding nicht mehr.

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