Nr. 01/2006 vom 05.01.2006

Fast erpresserischer Aufruf

Von Pit Wuhrer

«Habe mein Volontariat auf der WoZ beendet. War den Dezember über dort. Hat mir gefallen. Klima gesund, d.h. manchmal rauh. (Aber nicht, weil ein Verleger murrt oder die Geschäftsleitung eingreift.) Lohn schlecht, aber genügend. Man wird nicht bewundert, sondern gebraucht. Anregungen den ganzen Tag. Viel schöner Streit, keine Gallenkoliken. Bin gefördert worden, konnte auch paar An-Stösse geben. Fast keine Hierarchie. Trotzdem oder deswegen Kritik (gegenseitig) in der Redaktion; meist von der bekömmlichen Art. Entwicklungsmöglichkeiten.»

Mit diesem Blick ins Innenleben der damaligen WOZ-Redaktion begann Niklaus Meienberg seinen «fast erpresserischen Aufruf» an die «Kolleginnen und Kollegen». Veröffentlicht wurde er in der ersten Ausgabe des Jahres 1984. Aber was heisst veröffentlicht - versteckt haben sie ihn fast. Denn die Redaktion, die er so sehr lobte, platzierte seinen Text auf der Leserbriefseite, die damals Beiträge enthielt wie den von einer «Maja, Zürich»: «Ich habe gehört, dass ihr das Layout 1984 noch übersichtlicher gestalten wollt. Das tönt ja nach einer richtig bürgerlichen Zeitung, was ihr zwar eh schon bald seid mit allen üblichen Schnickern und Schnackern.» Mit Berühmtheiten hielt man es damals nicht so, und das war auch gar nicht schlecht. Obwohl Meienberg einiges zu sagen hatte:

«Höre oft (von Schriftstellern & Journalisten): Gut, dass es die WoZ gibt! Was machen die Kolleginnen und Kollegen, damit es die WoZ gibt? Fordere sie also auf, für die WoZ zu schreiben. Immer zuerst an die WoZ denken! (Wenn sie einmal etwas nicht nimmt, können immer noch ‹Tagi› und ‹Weltwoche› bedient werden.) Möchte jedem Schriftsteller und/oder Journalisten, der die WoZ lobt, auf diesem Weg ein schlechtes Gewissen verschaffen. Erpressung als Marketing.»

Die Reichweite sei gross, argumentierte Meienberg damals, die WOZ werde intensiver und «pro Exemplar von mehr Leuten gelesen als die grossen Zeitungen» (das ist auch heute noch der Fall), und kam dann zum Kern der Sache («Das ist kein moralischer, sondern ein politischer Appell.»), denn: «Die Redaktion macht diese Zeitung nicht, weil sie zur Selbstkasteiung neigt und gern wenig verdient, sondern, weil das Schreiben in Freiheit Spass macht. Sie ist so frei, Lust zu empfinden. Deshalb glaubt sie, dass auch den FREIEN Mitarbeitern das unzensurierte Schreiben ziemlich viel Lust, evtl. auch Befriedigung, bringt oder bringen könnte. Kleines Honorar, grosser Lust-Gewinn.»

Auch für die Redaktion könne «ein Volontariat von 1, 2, 3 Wochen förderlich sein», denn sie «braucht Kritik, körperliche Präsenz von Leuten, die schreiben können und Manuskripte akquirieren und sich einige Zeit in der Redaktion niederlassen und Ideen bringen. Ohne frische Zulieferung vertrocknet die Redaktion.»

Was Meienberg damals schrieb, gilt heute noch. Nur Details haben sich geändert: «Für eine körperliche Präsenz (...) von einem Monat bietet die Redaktion ein normales WoZ-Salär von neu Sfr. 2000.-», informierte Meienberg seine KollegInnen Anfang 1984. Heute beträgt das WOZ-Salär 3900 Franken. Aber das Schreiben in Freiheit macht immer noch Spass: In den folgenden 22 Jahren wechselten noch viele Leute aus gutbezahlten Redaktionsposten zur WOZ. Auch Niklaus Meienberg ist der WOZ (mit kurzen Unterbrüchen) bis kurz vor seinem Tod im September 1993 treu geblieben.

PS: Anfang der achtziger Jahre erschienen in der jeweiligen Nummer 1 der WOZ eine ganze Reihe weiterer bemerkenswert aktueller Texte. So analysierte beispielsweise Jürg Frischknecht in der ersten Ausgabe von 1982 die Verbindungen von James Schwarzenbach und anderen Honoratioren zur Neonaziszene (Anlass war ein Waffenschmuggel an der schweizerisch-deutschen Grenze am Hochrhein, bei dem ein Neonazi zuerst zwei Beamte und dann sich selber erschoss). In der Nummer 1 von 1983 berichteten Alex Grass (heute Radio DRS) und Agathe Bieri über die Ausschaffung von kurdischen Flüchtlingen in den damaligen Militärstaat Türkei. Die Flüchtlinge verfügten zwar über eine Aufenthaltserlaubnis, hatten aber von einem Schweizer Bauern den vorenthaltenen Lohn eingefordert und wurden deshalb von der Polizei ins Flugzeug gesetzt. Und in der ersten Ausgabe von 1985 schrieb die heutige Istanbuler NZZ-Korrespondentin Amalia van Gent unter dem WOZ-Pseudonym «Georg Schwarz» über Gewerkschaftsarbeit unter dem Ausnahmezustand.

Bis zu unserem Jubiläum im Herbst werden wir an dieser Stelle eine kleine Auswahl der Highlights vorstellen, die in den letzten 24 Jahren in der jeweiligen Kalenderwoche in der WOZ erschienen sind. Diesmal: Kalenderwoche 1.

Den vollständigen Text von Niklaus Meienbergs Aufruf finden Sie hier www.woz.ch/dossier/25jahrewoz/12755.html

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch