Durch den Monat mit Andrea Barnetta (Teil 2) : Nervös?

Nr. 23 -

WOZ: Frankreich steht an. Was tippen Sie?
Andrea Barnetta: Es wird knapp. Ich tippe 2:1 für die Schweiz.

Barnetta trifft auf Zidane. Die beiden kennen sich. Sie werben gemeinsam mit David Beckham für Adidas. Wird Ihr Sohn einer der Galaktischen? Tranquillo Barnetta zu Real Madrid?
Da fragen Sie mich zu viel. Einerseits macht es mich natürlich stolz, den eigenen Jungen neben Zidane und Beckham sitzen zu sehen. Andererseits merke ich, dass Zidane und Beckham auch nur ganz normale Menschen sind. Für mich macht dies eher die Stars normaler als meinen Sohn zum Star. Es sind die Medien und die Werbung, die diesen Glamour produzieren.

Der Hype ist gross. Nervt Sie das, wenn im Magazin über Ihren Sohn steht: «Mit dreissig wird er feist im Gesicht und eine Wampe kriegen. So spiessig sein, dass sich keiner vorstellen kann, dass er mal eine Hochphase hatte.»
Stand das dort? Ach ja, stimmt, sein Bruder hat sich ziemlich genervt. Ich habe es überflogen. Da lache ich nur. Ich kenne meine Stärken und meine Schwächen. Ich kann gut über mich selbst lachen. Und meine Söhne sicher auch. Was solls? Humor ist Ansichtssache.

Sie waren mit sechzehn schwanger. Wie haben Sie das eigentlich bewältigt?
Ich besuchte damals die Handelsschule in St. Gallen. Der Rektor und die Familien von beiden Seiten unterstützten mich. So schaffte ich den Abschluss.

Wo haben Sie Ihren Mann kennen gelernt?
In der Schule. Im Schulhaus Rotmonten.

Tranquillo – mit solch einem Namen muss man ja berühmt werden. Wie kamen Sie auf Tranquillo?
Mein Mann ist Italiener. Er heisst Tranquillo. Sein Vater hiess ebenfalls Tranquillo. Und sein Sohn heisst Tranquillo. Dreimal Tranquillo – das ist italienische Tradition.

Ihr Sohn gilt als heimlicher Star des Teams. Was wünschen Sie ihm an der WM?
Ich hoffe vor allem, dass er sich nicht verletzt. Darf ich Sie was fragen? Was machen Sie eigentlich mit mir, wenn er sich in den nächsten Tagen verletzen sollte?

Wieso?
Man kann ja nie wissen. Das gehört zum Berufsrisiko. Über was wollen wir dann reden? Brauchen Sie mich dann noch?

Für den Verlauf des Interviews wäre ein verletzter Barnetta wohl bedeutend weniger schlimm als für das Abschneiden der Schweizer Nationalmannschaft an dieser WM ...
Gut. Sollte dieser Fall also eintreffen, was ich natürlich nicht hoffe, dann werde ich nicht am Boden zerstört sein. Man muss das Leben nehmen, wie es kommt. Das ist mein Motto. Es kommt, wie es kommt. Sie könnten ja dann uns beide interviewen.

Hoffen wir das nicht. Apropos: Wie war das, als Ihr Sohn im WM-Qualifikationsspiel gegen Israel übel gefoult wurde und sein Kreuzband riss?
Für mich selbst war das nicht so schlimm, da er schnell wieder aufstand. Das war schon mal gut. Wir alle aus seinem näheren Umfeld waren überrascht, wie positiv er mit der Verletzung umging. Schon beim Anruf aus der Kabine nach der ersten Diagnose war er erstaunlich gefasst. Geduld ist in solchen Situationen enorm wichtig. Und nach sechs Monaten war er wieder gesund.

Die Sorgen halten sich also in Grenzen?
Absolut. Ausser vielleicht beim Barrage-Spiel gegen die Türkei: Da waren wir schon ziemlich angespannt. Man weiss ja nicht: Sind die TV-Bilder schlimmer, als es wirklich ist? Oder ist es umgekehrt? Wir feierten mit einem flauen Gefühl im Magen.

Die WM beginnt. Wie sehen Ihre nächsten Wochen aus?
Jeder Spieler konnte für jedes Spiel einige Tickets kaufen. Das haben wir natürlich genutzt. Nach dem ersten Spiel in Stuttgart werden wir wieder nach Hause fahren. Dann, für die Spiele in Hannover und Dortmund, reisen wir nach Köln und wohnen in Tranquillos Kölner Dreizimmerwohnung. Das ist fix. Das weitere Programm ist offen. Natürlich hoffen wir auf weitere Schweizer Spiele.

Schon nervös?
Noch nicht.

Was trauen Sie der Mannschaft zu?
Ich traue ihr viel zu. Sehen Sie, die Mannschaft hat einen wirklich guten Teamgeist. Da geht jeder für den anderen. Vielleicht ist das ja ein Vorteil in diesem Turnier. Jede WM hat ihre Überraschungsmannschaft. Vielleicht ist es heuer die Schweiz.

Teamgeist – trotz Yakin?
So was können Sie doch mich nicht fragen! Aber: Sicher, trotz Yakin, da bin ich überzeugt. Tranquillo und Hakan verstehen sich sehr gut. Und zurück zu Ihrer ersten Frage: Ich glaube, dass sie den Einzug ins Achtelfinale schaffen.

Das wäre auch gar nicht schlecht für den weiteren Verlauf des Interviews.
Ich werde es meinem Sohn ausrichten.

Andrea Barnetta, 43, lebt in St. Gallen. Am 13. Juni [2006] spielt die Schweiz mit ihrem Sohn Tranquillo Barnetta im rechten Mittelfeld in Stuttgart gegen Frankreich. Wegen «des Trubels» möchte sie nicht fotografiert werden.