Nr. 25/2006 vom 22.06.2006

Gefeiert?

Interview: Daniel Ryser

WOZ: Ein 1 : 0 gegen Togo hätte nicht viel gebracht. Um Südkorea von der Spitze zu verdrängen, brauchte es ein zweites Schweizer Tor. Und das kam. Durch Ihren Sohn Tranquillo in der 88. Minute.
Andrea Barnetta: Ich kann es immer noch nicht ganz fassen.

Wie war das, als Ihr Sohn die Fussballbegeisterten der Schweiz ins Glück schoss?
Wir waren im Stadion. Das Spiel war extrem spannend. Ich war wahnsinnig nervös. Die Mannschaft lag in Führung, doch wir wussten, dass es das zweite Tor braucht, um Südkorea aufgrund des besseren Torverhältnisses von der Tabellenspitze zu verdrängen. Dann schoss Tranquillo kurz vor Schluss dieses entscheidende Tor. Ich sprang auf. Ich umarmte alle, meinen Mann, meinen Sohn Alessandro. Ich konnte es kaum fassen. Ich dachte: Das kann nicht wahr sein! Dass er hier ein solches Tor schiessen darf! Das waren zu viele Emotionen. Ich konnte die Tränen nicht zurückhalten.

In der ersten Halbzeit hatte Ihr Sohn bereits den Pass zum Führungstreffer gegeben.
Ich bin von all dem überwältigt. Es ist ein gutes Gefühl, sich mitten in diesem Strudel zu befinden. Seit zwanzig Jahren wohnen wir im selben Quartier, im selben Block und führen ein einfaches Leben als Fussballfans, als Fans unserer beiden fussballbegeisterten Söhne. Und dann das ... Mir fehlen die Worte.

Wir hatten zu Beginn dieser WM über verschiedene Möglichkeiten gesprochen. Auf die These, er könnte an dieser WM brillieren, antworteten Sie vorsichtig: Er könnte sich noch vor dem ersten Spiel verletzen.
Unerwartetes passiert ja ständig. Natürlich hofft man, dass sich die Spieler nicht verletzen. Dass sie gut spielen, dass sie als Kollektiv funktionieren und als Team gewinnen. Und natürlich träumt man auch davon, dass der eigene Sohn an einem solchen Turnier vor solch einer Kulisse, vor 65 000 Fans, ein solches Tor schiesst. Dabei hatte der Tag gar nicht so gut begonnen.

Was war passiert?
Nichts Ernstes. Wir wohnen während der WM zu sechst in Tranquillos Kölner Wohnung. Dort hatten wir am Morgen des Spiels kleine sanitäre Probleme. Wasser lief aus einem Rohr. Wir mussten auf den Klempner warten. Dann wäre uns auf der Autobahn auf der Fahrt nach Dortmund beinahe das Benzin ausgegangen. Mit dem letzten Tropfen fuhren wir auf eine Raststätte. Spätestens da dachten wir: Jetzt muss es ja gut kommen.

Es hätte nicht besser kommen können.
Wir sassen nach dem Spiel noch lange im Stadion auf unseren Sitzen und versuchten zu begreifen, was gerade passiert war. Es war ein wunderbares Gefühl. Am nächsten Tag wachte ich auf und fragte mich: War das nur ein Traum? Nein! Und ich glaube jetzt, dass die Mannschaft den Einzug ins Achtelfinale schaffen kann. Ich glaube, dass sie gegen Südkorea gewinnt. Obwohl die Schweizer, das muss man zugeben, gegen Togo ziemlich viele Fehler machten. Dafür waren sie zweimal im richtigen Moment zur Stelle. Das ist Fussball.

Haben Sie nach dem Spiel gefeiert?
Wir wollten eigentlich noch ein wenig unter die Leute. In Dortmund muss ja ziemlich was los gewesen sein. Doch nach dem Spiel begann es zu regnen. Mein Mann, mein Sohn Alessandro, meine beiden Schwäger, eine Freundin und ich sind dann nach Köln zurückgefahren und haben dort in einer Bierbrauerei zu Abend gegessen. Wir haben nicht ausgelassen gefeiert. Vielleicht war alles ein bisschen zu viel.

Nun wird alles sehr schnell gehen. In zwei Wochen ist die WM vorbei. Haben Sie, in dieser Euphorie, Angst vor dem Moment, wenn die Uhr plötzlich gegen die Schweizer Mannschaft läuft? Zum Beispiel im Achtelfinal.
Natürlich ist ein Ausscheiden an einem solchen Turnier hart. Aber ich denke, wenn sie die Gruppenspiele überstehen, ist der Rest Zugabe. Kann man es einer Schweizer Mannschaft vorwerfen, wenn sie im Achtelfinal einer WM ausscheidet? Ich denke, sie können dann stolz aus Deutschland abreisen, egal, wie schnell das Abenteuer WM 2006 zu Ende geht. Ab dem Achtelfinal ist alles möglich. Spiele nach Cup-System sind unberechenbar.

Kommen Sie eigentlich zur Ruhe?
Auf jeden Fall. In Köln können wir uns trotz der WM sehr gut zurückziehen. Uns kennt niemand, wir sind ja keine Fussballer! Wir spazieren, jassen und freuen uns auf das nächste Spiel. Die WM geht in die entscheidende Phase.

Andrea Barnetta, 43, lebt in St. Gallen. Sie ist bei allen Spielen mit Schweizer Beteiligung im Stadion mit dabei. Sie will sich – «wegen des Rummels» – nicht fotografieren lassen.

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