Nr. 36/2006 vom 07.09.2006

Weltmeisterschaft der «geistig Behinderten»

Von Thomas Wagner

Manche Spieler der deutschen Fussballnationalmannschaft legen eine Lässigkeit an den Tag, wie sie Günter Netzer immer nur unterstellt worden ist. Auf die Frage eines Reporters, wie er sich fit halte, soll ein Spieler geantwortet haben: «Ich gehe ab und zu tanzen.» Nationaltrainer Willi Breuer muss zudem während der ohnehin knapp bemessenen Trainingseinheiten immer damit rechnen, dass der eine oder andere Spieler mal wieder den Termin vergessen hat oder vom Bahnhof abgeholt werden muss. Trotz dieser sympathischen Tendenzen zum Chaos unterliegt die Gastgebermannschaft der vierten Fussballweltmeisterschaft der Menschen mit einer geistigen Behinderung ganz eigenen Zwängen. So hatten die Spieler sich einem IQ-Test zu unterziehen. Ob Oliver Kahn oder Michael Ballack einen Intelligenztest über sich ergehen lassen würden, um an einer Fussball-WM teilnehmen zu dürfen?

Die als behindert geltenden deutschen Nationalspieler hatten diesbezüglich keine Wahl, genauso wenig wie die Spieler der fünfzehn anderen Mannschaften. Wer an der seit dem 29. August und noch bis zum 16. September dauernden Weltmeisterschaft teilnehmen wollte, musste sich buchstäblich für doof erklären lassen. Der Weltverband INAS-FID schreibt einen solchen Nachweis verbindlich vor. Nur wem ein IQ unter 75 bescheinigt wird, darf an der WM teilnehmen. Fraglich ist, ob dies überhaupt dem allgemeinen Verständnis von Menschenwürde gerecht werden kann. Darüber hinaus sind die üblichen Testverfahren in hohem Masse manipulationsanfällig. Auch ein durchschnittlicher Spieler der Schweizer Super League dürfte nach einem entsprechenden Briefing in der Lage sein, die angestrebte Zielmarke von 75 minus zu erreichen.

Zudem ist in der fussballerischen Praxis längst erwiesen, dass der Intelligenzquotient als ein gänzlich sachfremdes Kriterium angesehen werden muss: Einige deutsche Nationalspieler kicken normalerweise nämlich gemeinsam mit Nichtbehinderten. Der 31-jährige Andreas Timm etwa, der schon bei der ersten WM der geistig Behinderten 1994 in den Niederlanden dabei war, spielt sonst als Stürmer beim ESV Essen-Frillendorf in der Kreisklasse A.

Ärgerlich ist die Zielsetzung der begleitenden sozialen Kampagne. Die Weltmeisterschaft der geistig Behinderten soll den Vorstellungen über das Leistungsvermögen der Menschen mit geistiger Behinderung ein Gesicht geben, dadurch Sympathie erzeugen und für ein ehrenamtliches Engagement werben. Stimmen aus der radikalen Behindertenbewegung kritisieren derartige «Normalisierungsversuche» schon seit Jahren. Denn die Leistungen behinderter AusnahmeathletInnen bestätigen bloss die diskriminierenden Leistungsnormen.

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