Nr. 50/2006 vom 14.12.2006

Wie fühlt ein Gotteskrieger?

Von Eva Pfister

Für Islamisten gehört die Welt der Ungläubigen zum «Haus des Krieges», das mit Feuer und Schwert ins «Haus des Islams» verwandelt werden soll. Dafür kämpft auch Jochen Abdallah Sawatzky. Aus dem Versteck in der Wüste bricht er auf, um in Luxor den grossen Tempel zum Einsturz zu bringen. Der Schlag gegen den Tourismus soll die Regierung stürzen und aus Ägypten einen Gottesstaat machen.

Der 1966 in Kalkar geborene Christoph Peters schildert in seinem Roman eindringlich, wie die neun verschwitzten Krieger den langen Marsch ins Niltal auf sich nehmen, wie sie ihre Nervosität überwinden, betend ihre Angst bekämpfen - und im Uferschilf von ägyptischen Soldaten aufgespürt und überwältigt werden. Als Actionthriller kommt dieser erste Teil des Romans daher, geschrieben aus der Sicht des Konvertiten Abdallah, ehemals ein Junkie und Drogendealer, der mit dem Koran (und der Liebe zur Muslimin Arua) zur Ruhe kam. Allerdings erschliesst sich den LeserInnen, trotz der Zitate aus dem Koran, nicht so recht, was Jochen den fanatischen Glauben eingab.

Auch Claus Cismar kann Jochen Sawatzky nicht verstehen. Der deutsche Botschafter in Kairo ersucht die ägyptischen Behörden um Auslieferung des Angeklagten. Das ist seine Pflicht. Weit darüber hinaus gehen allerdings seine wiederholten Besuche im Hochsicherheitsgefängnis und seine langen Gespräche mit Abdallah. Dass der nicht zu retten ist, müsste Cismar schnell begriffen haben, denn trotz Folter und drohendem Todesurteil weicht der Konvertit (der als ungebildeter Exjunkie verblüffend intellektuell reden kann) nicht von seinen Überzeugungen ab. Immer deutlicher wird, dass der Diplomat den Gläubigen unbewusst um seine Kompromisslosigkeit beneidet. Zumal Cismar selbst alle Ideale seiner Jugend verloren hat: 1968 sympathisierte er mit den Linksterroristen, nur Feigheit schreckte ihn vor aktiver Teilnahme zurück. Danach ging er in den Staatsdienst.

Es sind zwei Symbolfiguren, die Christoph Peters in seinem Buch präsentiert, keine Menschen aus Fleisch und Blut, und ein wirklicher Einblick in den Kopf oder gar in die Seele eines Gotteskriegers ist ihm nicht gelungen.

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