Nr. 11/2007 vom 15.03.2007

«Dann gehts wieder auf die Strasse»

Die Stromlobby ruft nach neuen Atomkraftwerken, und schon meldet sich der Widerstand - wenn auch erst langsam.

Von Noëmi Landolt

Die weisse Dampfwolke steigt senkrecht in den blauen Himmel. «Ihr habt Glück, dass der Ofen wieder an ist», sagt René Stefani. Die Aussicht auf den Kühlturm des Kernkraftwerks Leibstadt (KKL) ist hervorragend. Letzte Woche musste er abgeschaltet werden aufgrund einer Fehlfunktion der Ventile. Drei Tage lag er still, jetzt dampft er wieder. Leibstadt liegt wenige Kilometer von der deutschen Grenze entfernt mitten in der Anflugschneise auf Kloten. Ein Flugzeugabsturz wäre verheerend. Es ist das jüngste und grösste Kernkraftwerk der Schweiz. Mitunter auch das teuerste, nicht zuletzt wegen der zahlreichen Pannen.

Der Strickhof der Stefanis liegt in Reuenthal auf der Ebene eines achtzig Meter hohen Kalkfelsens, gut 1,5 Kilometer Luftlinie von Leibstadt entfernt. «Man gewöhnt sich an den Anblick», meint Denise Stefani. Das Problem liegt für das Bauernpaar vor allem in der auch nach fünfzig Jahren Atomenergie ungeklärten Frage der Entsorgung: «Man startet schliesslich auch kein Flugzeug ohne Landeplatz. Der Abfall, den wir selbst produzieren, soll auch bei uns bleiben. Es ist leichtsinnig, eine solche Fracht so weit zu transportieren.» Die Nagra bohrte 2001 in Leuggern auf der anderen Seite des Kalkfelsens nach möglichen Endlagern. Benken ist auch nicht weit weg.

Auch im AKW herrscht Angst

In ihrer Umgebung stossen die Stefanis weitgehend auf Unverständnis. In den Gemeinden um Leibstadt und Beznau wird für die Atomlobby der rote Teppich ausgerollt. Die Gemeinderäte arbeiten zum Teil selbst im Kernkraftwerk. Das KKL ist ein kräftiger Steuerzahler, bietet gut bezahlte Arbeitsplätze und Lehrstellen. In der Gemeinde Full-Reuenthal leben etwas mehr als 800 Personen. In fast jedem Haushalt gibt es eine Person, die mit dem KKL zu tun hat. «Aber auch die, die dort arbeiten, haben Angst. Ich kenne einige, die unsicher sind, ob sie hier überhaupt ihre Kinder grossziehen wollen», weiss Denise Stefani. Wenn im Werk ein gewöhnlicher Arbeitsunfall passiert, dann fährt der Krankenwagen ohne Blaulicht aufs Gelände, weil sonst Panik ausbrechen würde.

Der Widerstand findet im Kleinen statt. Stefanis haben auf ihrem Land zwei Energiewende-Open-Airs veranstaltet. Mit Musik und Reden gegen die grossen GegnerInnen der Atomlobby. An die tausend Leute kamen, nur wenige aus der Gegend. Das Schweizer Fernsehen filmte. Die Aufnahmen wurden jedoch nie gesendet, da gleichentags Lady Di verunglückte. Eine Idee, am Open Air entstanden, wurde jedoch weiterverfolgt: ein Windrad. Hinter dem Hof steht es auf dünnem Gestänge, hoch, aber eher mickrig. Es produziert zurzeit ein Zehntel des Stromverbrauchs auf dem Strickhof. Vier Jahre und die Gutachten von fünfzehn Experten waren nötig, bis die Bewilligung erteilt wurde. Denn wo kämen wir denn da hin, wenn jeder seinen eigenen Strom produzieren würde. Dann musste ein Elektriker aus Buchs AG anreisen, um das Windrad anzuschliessen. In der näheren Umgebung fand sich niemand, der bereit war, die Arbeit auszuführen. Vermutlich aus Angst, Aufträge des KKL zu verlieren.

Es wird viel von Angst gesprochen hier in Full-Reuenthal. Angst, mit der auf nationaler Ebene die Diskussion angeheizt wird: Angst vor einer Stromlücke und dem Verlust von Arbeitsplätzen auf der einen Seite, Angst vor Strahlen und schwerwiegenden Unfällen auf der anderen. Denise Stefani ist überzeugt: «Ich weiss nicht, ob wir die Energie haben, uns aktiv gegen ein neues AKW zu engagieren. Der Hof gibt viel zu tun. Ausserdem haben wir hier kaum eine Chance gegen die Befürworter.» Die Stefanis sind AKW-Gegner der zweiten Generation. René Stefanis Vater Walter, damals Gemeinderat, war 1971 aktiv im Aktionskomitee gegen das AKW Leibstadt.

Der grasgrüne Villiger

Zusammen mit Walter Stefani hat auch Heinrich Villiger gekämpft. Der Stumpen-Villiger. Der Bruder vom Kaspar, der unten in Full wohnt. Im Gegensatz zu seinem Bruder bezeichnet sich Heinrich Villiger als grasgrün. Noch immer. «Wir haben eine Petition eingereicht und gegen alles Mögliche Einspruch erhoben», erinnert er sich. Petition und Beschwerden wurden gewissenhaft ignoriert. Ihr Anwalt Markus Meyer teilte mit, man habe keine Chance, die Beschwerde ans Verwaltungsgericht weiterzuziehen. Meyer sass später im Verwaltungsrat von Atel. Die Energiefirma ist Teilaktionärin des KKL. War es ein Fehler, die Beschwerde nicht weiterzuziehen? Heinrich Villiger glaubt, damals richtig gehandelt zu haben: «Ich bin auch heute noch sicher, dass wir verloren hätten, wenn die Beschwerde weitergezogen worden wäre.» Zur Besänftigung wurden den betroffenen Gemeinden vonseiten der Bauherrin Elektrowatt AG drei Millionen Franken ausgeschüttet, für eine Bahnüberführung und Velowege.

Hinter den Bäumen um Villigers Weiher steigt die Dampfsäule des Kühlturms in die Luft. Zwei Drittel der produzierten Energie entweichen so. «In der Schweiz haben wir Jahre verbummelt, ohne uns richtig um alternative Energiequellen zu kümmern», sagt Villiger. «Atomkraftwerke sind ein Irrweg. Aber ich bin schon über siebzig. Ich fange nicht noch einmal an, Opposition zu organisieren. Wir haben zu viele Gegner, zu viele Menschen hier sind abhängig von der Stromindustrie.»

Etwas mehr Kampfgeist finden wir wenige hundert Meter dorfauswärts auf dem Biobauernhof von Hanspeter Meier. Auch von hier ist der Kühlturm zu sehen. «Ich habe nicht einmal gemerkt, dass sie das Kraftwerk abgeschaltet haben», sagt Hanspeter Meier. «Wenn ich jeden Tag genau hinschauen würde, hätte ich schon lange durchgedreht.» Und wenn nun ein weiteres Kraftwerk gebaut werden soll? «Dann müssen wir wieder auf die Strasse!», das ist klar für Martin Suter, «auch so ein Altachtundsechziger», wie Hanspeter Meier ihn uns vorstellt, der jeden Freitag auf dem Hof hilft. «Unglaublich, dass man heute wieder auf eine Technologie aus den sechziger Jahren setzen will.»

Martin Suter war damals bei der Besetzung der Beznauer Werkgeleise dabei. Das war vor zehn Jahren, im März 1997, nachts um drei. Zuerst ist Hanspeter Meier vorbeigekommen und hat den BesetzerInnen Essen gebracht. Dann kam die Polizei, gut vermummt und lautlos auf Fahrrädern, und räumte gründlich auf. «Die Aktion hat nichts gebracht. Der Atommüll wurde abtransportiert und wir traumatisiert», erinnert sich Martin Suter, der «auch schon bei Kaiseraugst dabei war».

Auch Hanspeter Meier erinnert sich an Schikanen, als er Anfang der achtziger Jahre ein Podiumsgespräch in Zurzach organisierte. Eine Stunde vor Veranstaltungsbeginn fuhr ein Transporter mit Angestellten aus Leibstadt vor. Flugs wurden Stellwände aufgestellt, die die Atomenergie anpriesen. Sie hätten die Genehmigung der Gemeinde, sagten die Angestellten damals, es sah danach aus, als sei die Veranstaltung vom KKL organisiert worden. Meier und Suter erinnern sich auch an die Grundsteinlegung fürs KKL: «Auf der einen Seite der Absperrung die Offiziellen, auf der anderen Seite 50 Demonstranten. 48 Deutsche und der Martin mit seiner Freundin.»

Egal was, irgendwas muss man tun. Auch kleinen Utopien nachhängen: «Man müsste eine AG gründen, die einen Teil der Transportleitung kauft und so Einfluss auf die Art der Stromversorgung ausübt.» So geschehen im süddeutschen Schönau. Martin Suter denkt seinerseits, dass der Widerstand auf Sparflamme vor sich hin köchelt: «Die Leute von damals lassen sich wieder aktivieren. Hoffentlich auch die Jungen. Und wir haben auch noch viele Kontakte nach Deutschland. Die waren immer schon besser organisiert. Wir Schweizer waren zwar motiviert, aber ein wilder Haufen.» Überhaupt, in Deutschland seien die Leute auch konsequenter. Meier, der verschiedene Markthändler mit Biogemüse beliefert, findet kaum Absatz in Deutschland. «Die sagen: HP, dein Gemüse wächst auf verseuchtem Boden, das nehmen wir nicht. Dabei ist das Gemüse gar nicht lange genug im Boden, dass man ihm etwas anmerken könnte. An den Bäumen und ihren Jahresringen sind Auswirkungen von Strahlen wahrscheinlich eher sichtbar.»

Erfolg vor der Haustür

Die ehemalige SP-Grossrätin Eva Kuhn hat auch gegen das AKW gekämpft, auf politischer Ebene. Sie wohnt ebenfalls in Full. «Der Anblick des Atomkraftwerks ist ein täglicher Denkanstoss für mich», sagt die ehemalige Präsidentin der Schweizerischen Energiestiftung (SES). Die Diskussion über neue AKW ist auch für Kuhn sowohl überraschend wie abwegig. «Es ist ein Zeichen dafür, dass die Energiebranche fantasielos ist.» Sie wird sich auch künftig gegen Atomenergie einsetzen. Mit Demonstrationen, Leserbriefen und Unterschriften. Aber: «Ich war nie eine Aktivistin», sagt sie von sich. Ihr Engagement hat keine negativen Auswirkungen auf ihr Leben und ihre Arbeit als Bezirksschulleiterin. Letztes Jahr war sie in den Gemeinderat von Full-Reuenthal gewählt worden, obwohl sie nicht kandidiert hatte. Sie hat das Amt jedoch nicht angenommen.

Auf der anderen Seite des Rheins, in Waldshut in Deutschland, wo der Widerstand organisierter sein soll und Hanspeters Gemüse nicht verkauft wird, lebt Bernd Friebe, ehemaliger Kreisrat der Grünen, sozusagen im Schatten des Kühlturms. Je nach Sonnenstand ist das wörtlich zu nehmen. Auch er hat in den siebziger Jahren in der Bürgerinitiative gegen Atomkraftwerke und Umweltgefährdung Hochrhein gegen das AKW in Leibstadt gekämpft. Auf dem amtlichen Weg mit Beschwerden bis an den europäischen Gerichtshof, auf der Strasse an den sogenannten Pfingstmärschen. «Den Erfolg sehen sie vor meiner Haustür», meint er lakonisch.

1984, als das KKL den Betrieb aufnahm, ist der Widerstand von deutscher Seite zusammengefallen. Von einem kurzen Aufflackern abgesehen, als die Nagra in Böttstein und im Fricktal nach möglichen Endlagern bohrte. Vor gut zwei Jahren löste sich die Bürgerinitiative endgültig auf. «Atomkraft ist eine unbeherrschbare Technologie», sagt Friebe. «Die Abschaltung des KKL letzte Woche ist die beste Bestätigung.» Auch Bernd Friebe hat Angst: Vor einem grossen Unfall, wie er sagt. Aber fast noch mehr davor, dass sich keine Leute finden, um gegen ein neues AKW zu kämpfen: «Viele sind heute zu beschäftigt mit dem Alltag.» Die deutlichsten Worte braucht Heini Glauser. Der Energieingenieur wohnt zwar in Windisch, aber man kennt ihn gut in der Nähe von Leibstadt. Er hat die Energiewendefestivals mitorganisiert, sich für das Windrad der Stefanis stark gemacht, und er war Vizepräsident der SES, die eng mit dem Bürgerkomitee in Waldshut zusammengearbeitet hat. Auch er ist nicht sicher, ob in den nächsten Jahren ein breiter Widerstand möglich ist. «Es ist naiv zu glauben, dass man Kaiseraugst wiederholen könne», sagt Glauser. «In den siebziger Jahren herrschte eine Aufbruchstimmung. Es war den Studierenden egal, wenn sie ein Jahr später abschlossen und dafür bei der Besetzung dabei sein konnten. Heute wiegen der finanzielle und der zeitliche Druck allgemein viel schwerer. Auch in der Arbeitswelt: Die einen wollen um jeden Preis aufsteigen, die anderen befürchten den Abstieg. Die Frage ist, ob die Leute überhaupt noch mobilisierbar sind.»

Das sind keine guten Voraussetzungen für eine Basisbewegung. Aber wenn sich etwas verändern soll, dann muss vor allem auf der politischen Ebene gearbeitet werden. Glauser: «Die rot-grünen Parteien machen zu wenig. Eine Konzentration auf Windenergie als Hauptalternative zu AKW ist zu eng und schafft viele neue Probleme wie Grosstechnologie, lange Stromtransporte, Pumpspeicherung und Landschaftsbeanspruchung. Wir müssen sämtliche Energiequellen in Betracht ziehen und somit auch die fossile Energie effizienter nutzen, zum Beispiel durch Wärme-Kraft-Kopplung. Unsere Seite verliert viel vorhandenes Know-how. Die momentane Energiepolitik gleicht einem potemkinschen Dorf.»

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