Nr. 38/2007 vom 20.09.2007

Mit Holz heizen?

Interview: Sina Bühler, Foto: Ursula Häne

Michel Seiler: «Es ist wichtig, dass ein Kind wieder Strukturen hat.»

WOZ: Was ist anders auf der Stärenegg?
Michel Seiler: Wir sind sicher nicht besser als andere Heimschulen, was die pädagogische Arbeit betrifft. Wir haben es einfach viel gäbiger eingerichtet. Auf den Högern und in den Hängen lernen die Kinder selbstständiger stehen als im Flachen, auf dem geteerten Boden. Die Welt hier oben ist überschaubar.

Sie haben hier Kinder, die in Heimen durch Gewalttätigkeit aufgefallen sind. Hört das hier einfach so auf?
Es gibt auch hier Gewalt, wie überall.

Aber nur zu Beginn?
Nein, immer wieder.

Und wie reagieren Sie da?
Sicher mit Geduld. Aber auch mit Klarheit. Die Handarbeit befreit Stauungen und Angst. Es ist sehr wichtig, dass ein Kind wieder Strukturen hat, dass es gebraucht wird.

Musste auch schon ein Kind weggeschickt werden?
Ja, das gab es auch schon. Wenn jemand so gewalttätig war, dass es fast vier 
Erwachsene brauchte, um ihn zu bändigen. Da konnten auch wir ihn nicht behalten. Er ist jetzt in der Psychiatrie – das ist auch keine Lösung. Wir hätten gerne einen guten Ort in seinem Heimatland organisiert.

Im Heimatland – betreiben Sie deshalb auch Höfe auf dem Balkan?
Nein, das war eine Antwort auf den Krieg. Wir wollten hier ein paar Kinder aufnehmen, die kein Zuhause mehr hatten, und das wurde uns nicht bewilligt. Also haben wir dort geholfen, Höfe aufzubauen. Wir platzieren auch immer wieder Jugendliche aus der Schweiz, auch mit Wurzeln auf dem Balkan.

Sie heizen mit Holz und finden, das wäre eine gute Idee für die Schulhäuser.
Es würde viel verändern, wenn in jedem Schulzimmer ein Holzofen stehen und das Holz dafür selbst zubereitet würde. Beim Holzspalten geht sehr viel aufgestaute Energie weg, das merken wir bei den Jugendlichen immer wieder. Das Sägen ist etwas, was man in Zusammenarbeit tun muss, das Aufschichten ist eine Fleiss- und Gestaltungsarbeit. Man muss bei den einfachen Sachen beginnen, und es braucht dann nicht noch einen Sozialarbeiter im Schulhaus.

Das tönt danach, als wäre früher alles besser gewesen.
Nicht unbedingt. Man kann in der Stadt auch sehr weltoffen aufwachsen. Oder auf dem Land ganz weltfremd sein. Es reicht nicht, hier zu sein. Aber auch in den Städten könnte man beispielsweise die Schulwege gestalten.

Was stimmt denn jetzt nicht in den Städten?
Dort ist einfach zu viel Konsum. Alles schreit: Wir brauchen Wachstum! Kauft mich! Nur noch das ist gefragt. Und schön Gestaltetes, Kreatives, das kein Geld verlangt, gibt es immer weniger.

Heute können sich einfach mehr Leute den Konsum leisten.
Ja, aber das Erlebnis ist nicht das grössere. Früher hatte man vielleicht an weniger Freude.

Früher war also doch alles besser.
Ja und nein. Ich finde diese Welt sehr interessant. Aber es ist bedenklich – 
diese Kinder erleben schon eine Welt, 
in der man sich fragt: Gehts überhaupt noch weiter? Aufzuwachsen und Perspektiven zu haben, ist schwieriger 
geworden.

Sie kandidieren für den Nationalrat – sind Sie ein politischer Mensch?
Bei uns wurde daheim immer politisiert. Mit siebzehn, achtzehn war ich kurz bei der FDP, aber das war mir zu wenig freisinnig. Dann ging ich zur 
Demokratischen Alternative hier im Kanton Bern, und jetzt bin ich bei den Grünen. Es gibt in einigen Parteien ganz gute Leute, mit denen man zusammenarbeiten kann. Ich bin grünliberal, ich will dem einzelnen Menschen mehr Verantwortung und Gestaltungsfreiheit übergeben. Der Starke soll dem Schwachen helfen. Die Linksgrünen, das ist nicht meine innerste Welt, da ist zu viel Staatsgläubigkeit.

Aber Sie politisieren nicht in der Mitte wie die Zürcher Grünliberalen?
Ich kenne sie zu wenig, aber eher in diese Richtung, doch. Für mich zählen Nachhaltigkeit, Freiheit und Solidarität – und es kommt immer darauf an, wo was. Die Wirtschaft muss grün sein, nachhaltig mit den Ressourcen.

Das verträgt sich dann aber schlecht mit dem Liberalen.
In der Wirtschaft ist nicht der Liberalismus das Wichtigste, sondern, dass man etwas füreinander produziert. Nicht aus Zwang, wie im Kommunismus, sondern aus einer Freiheit, der Brüderlichkeit heraus. Brüderliches und schwesterliches Denken und Handeln ist, wenn man ganzheitlich denkt.

Aber Ihre Nationalratskandidatur ist eher ein Gag?
Nein, die ist ernst gemeint. Ich hatte grad die Nationalratskommission für soziale Sicherheit und Gesundheit in der Stärenegg zu Besuch. Ich habe 
sie zwei Stunden rumgeführt, und die haben sehr interessiert zugehört und Fragen gestellt. Ich denke, ich kann 
denen schon etwas bringen!

Bedeutet die Kandidatur auch, Verantwortung zu übernehmen?
Das gehört dazu. Ich bin ja auch Gemeindepräsident von Trubschachen: Ich will Verantwortung für ein Ganzes übernehmen und nicht nur in meinem kleinen Kreis. Aber nicht jeder in der Gemeinschaft muss politisieren.

Michel Seiler (58) leitet im Emmental den Berghof Stärenegg, ein Heim für Kinder aus schwierigen Verhältnissen. Er ist Grüner Gemeindepräsident von Trubschachen und kandidiert für den Nationalrat.

Siehe auch die Reportage vom Berghof Stärenegg aus WOZ Nr. 15/14

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