Nr. 47/2007 vom 22.11.2007

Ein Emanzenladen?

Interview: Benjamin Shuler

WOZ: Welches Sortiment führt Ihr Buchladen Rapunzel?
Maya Itin: Wir sind eine allgemeine Buchhandlung. Unsere KundInnen sollten möglichst für alle ihre Interessen etwas bei uns finden. Wir haben eine grosse Auswahl an Belletristik, aufgeteilt nach Herkunftsländern der Autorinnen und Autoren, auch aus Ländern, aus denen nicht so oft übersetzt wird. Ebenso findet man bei uns Sachbücher und eine kleine Kinderbuchabteilung, weil uns auch diese Bücher am Herzen liegen.

Und was läuft am besten?
Unsere KundInnen kaufen viel Schweizer Literatur, sowohl Belletristik als auch Sachbücher. Besonders schön ist es jedoch, wenn wir etwas speziellere Bücher verkaufen können. Solche, die wir einkaufen, weil wir sie wichtig finden oder einfach weil sie uns besonders gefallen. Manchmal kaufen wir ein Buch auch mit dem Gedanken an eine bestimmte Kundin ein – wenn es ihr dann gefällt, haben wir unsere Arbeit gut gemacht.

Das Rapunzel hat den Ruf, ein Emanzenladen zu sein.
Ja, das meinen noch viele. Aber das hat weniger mit dem Sortiment zu tun als mit der Tatsache, dass Frauen eine Buchhandlung ohne Männerbeteiligung gegründet haben. Frauenbücher zu führen, war damals in fortschrittlichen Buchhandlungen sehr üblich. Ich finde es immer toll, wenn ich im Archiv Korrespondenz aus diesen Zeiten entdecke. In den achtziger Jahren war es offensichtlich noch üblich, dass man in Geschäftsbriefen nur «Sehr geehrte Herren» schrieb. Solche Briefe haben unsere Vorgängerinnen jeweils gar nicht beantwortet, sondern nur korrigiert und zurückgeschickt.

Hat denn im Rapunzel nie ein Mann gearbeitet?
Nein, den Laden gibt es seit bald dreissig Jahren, und es haben ausschliesslich Frauen hier gearbeitet.

Aber das ist ja diskriminierend.
Die emanzipierte Frauengruppe, die das Rapunzel gegründet hat, wollte keinen Chef über sich haben und entschied sich aus verschiedenen Gründen für ein Frauenteam. Dabei sind wir geblieben. Ausserdem arbeiten im Buchhandel allgemein viel mehr Frauen als Männer.

Wie sieht denn die Geschlechterverteilung bei der Kundschaft aus?
Aus dem Bauch heraus würde ich sagen, dass Frauen etwas stärker vertreten sind als Männer.

Ist das Provinzstädtchen Liestal der richtige Standort für eine kleine, alternativ angehauchte Buchhandlung? Oder anders gefragt: Weshalb seid ihr nicht in Basel?
Ich glaube, das war ursprünglich weniger eine Entscheidung für eine Ortschaft als eine Entscheidung für ein Domizil. Die Gründerinnen hatten einfach die Gelegenheit, im damals fast neuen Kulturhaus Palazzo dieses Geschäft zu übernehmen. Aber wie man hört, hatten sie es am Anfang schwer, denn vor dreissig Jahren war Liestal schon noch bürgerlicher. Das Palazzo war für viele ein Schandfleck, das ist heute nicht mehr so.

Aber in einer grossen Stadt gäbe es doch mehr potenzielle Kundschaft!
Ich glaube, dass es ein Vorteil ist, dass wir in einer Kleinstadt sind. In grossen Städten hat man neben den grossen Buchhandlungsketten eher eine Chance, wenn man spezialisiert ist, und das sind wir nicht. Ausserdem haben wir in Liestal viele Schulen und Bibliotheken, die bei uns Bücher beziehen und für uns ein wichtiges Standbein sind.

Sie selbst wohnen allerdings in Basel. Weshalb?
Ich mag meinen Arbeitsweg, auf dem ich Zeit für mich habe, sei es zum Lesen oder um meinen Gedanken nachzuhängen. Ausserdem schätze ich das kulturelle Angebot der Stadt und die Spontaneität, die sie mir ermöglicht.

Wie und wo finden Sie denn in der Freizeit den Ausgleich zur Arbeit?
Dass Lesen zu meinen liebsten Freizeitbeschäftigungen gehört, muss ich wohl nicht mehr erwähnen ... Daneben ist mir die Zeit, die ich mit Freundinnen verbringe, sehr wichtig. Wir gehen zusammen ins Kino, an ein Konzert oder wandern, natürlich nie ohne ein Buch im Rucksack. Ich spiele Volleyball, und da meine Eltern einen Bauernhof haben, bin ich dort auch ab und zu beim Helfen anzutreffen.

Maya Itin (27) ist Genossenschafterin 
des Buchladens Rapunzel in Liestal.

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