Nr. 43/2014 vom 23.10.2014

Die Gärtnerin vom Petersgraben

Annemarie Pfister führt seit vierzig Jahren einen Buchladen in Basel. Wie hat ihr Geschäft die Liberalisierung der Branche überlebt? Porträt einer beharrlichen Buchhändlerin mit grosser Leidenschaft für das gesellschaftspolitische Buch.

Von Anna Wegelin (Text) und Andreas Bodmer (Foto)

«Ich lasse mich nicht einfach so definieren, das geit niid»: Annemarie Pfister in ihrem Buchladen in Basel.

«Bücher, neu und antiquarisch» – Annemarie Pfisters Laden befindet sich am Petersgraben in Basel, das Haus links war bis vor kurzem ein WG-Haus der studentischen Wohnvermittlung, und rechts ist ein Rahmenatelier. Seit vierzig Jahren ist ihre Buchhandlung ein Stück Heimat für Menschen, die Lesen zum Leben brauchen und dem Weltgeschehen gegenüber wach bleiben wollen. Neulich hat sie ihre treue Kundschaft zu einem Fest zum 40. Geburtstag ihres Buchladens eingeladen: «Wir sind miteinander älter geworden», sagt sie, «dafür wollte ich mich bei ihnen bedanken.»

Pfister stellt ihr Velo ab und trägt eine Kiste Bücher die Treppe hinauf ins Ladenlokal im Hochparterre: eine gemütliche Stube mit unendlich viel Lesestoff. Auch heute trägt sie schwarze Kleidung. «Um Bücher herum wird man schnell dreckig», meint sie lachend. Früher habe sie zum Schwarz auch Rot getragen. Rot wie die linke Frauenbewegung in den Siebzigern, in der auch sie mitwirkte: «Ich konnte noch drei Jahre lang nicht abstimmen, das hat mich sehr geprägt.»

Den Fahrenden nachreisen

Wir setzen uns auf die eingebaute Holzbank in einer Ecke: «Das Zentrum des Ladens. Hier kannst du zusammen reden, Bücher anschauen oder dich mit dem Vertreter treffen.» Auf dem Weg zur Sitzbank zupft Pfister den Blumenstrauss auf einer Ablage zurecht, während die eine ihrer zwei Mitarbeiterinnen den Laden öffnet. Das Bouquet ist ein Tanz in Rot-Gelb: Sommerflieder und Herbstastern, Californian Poppies und Malven.

Annemarie Pfister wuchs in Trubschachen im Emmental auf. Ihr Vater war Dorfschullehrer, die Mutter schaute nach Annemarie und ihren drei Brüdern. Sie verbrachte eine glückliche Kindheit. Ihre Eltern waren Mitglieder der linken Büchergilde Gutenberg. Mit zehn Jahren schaute sie sich den Band «Tsiganes» von Matéo Maximoff an: «Da kam mir die Idee, dass ich eines Tages mit den Roma aus der geschlossenen Dorfgesellschaft wegkann.» Sie schlief ein halbes Jahr ohne Decke: «Ich dachte, wenn dann die Fahrenden kommen, bin ich sofort parat.»

Am Tag nach dem Abschluss ihrer BuchhändlerInnenlehre in Bern reiste sie ins Ausland. Sie jobbte in Italien und Frankreich. Anfang der siebziger Jahre blieb sie in Basel hängen. 1974 eröffnete sie ihr Geschäft mit neuen und gebrauchten Bänden. «Buecher Pfister» war schweizweit der erste Frauenbuchladen, der allerdings immer auch für Männer offen gewesen sei, so Pfister. Eine schwierige Position: «Ausschliesslichkeit war damals viel einfacher.» Sie gründete mit anderen Frauen das Frauenzentrum und das «Frauenzimmer», eine Beiz. Später war sie in der Antiatomkraftbewegung aktiv und sass für das Grüne Bündnis im Basler Grossen Rat, blieb aber parteilos: «Ich lasse mich nicht einfach so definieren, das geit niid», sagt sie auf Berndeutsch.

«Mein Buchladen ist ein Stück Garten, in dem ich werken und wirken kann», sagt sie. Ihr Sortiment umfasst Sachbücher und Belletristik, Schweizer und Weltliteratur. Bücher der Verlage Lenos und Limmat, Rotpunkt oder Union sind ihr seit jeher wichtig: «Auf die bin ich angewiesen, mit denen bin ich gross geworden.» Zweimal im Jahr durchforstet sie zweieinhalb bis drei Meter Verlagsprospekte. Welches sind ihre Auswahlkriterien? «Gesellschaftspolitische Bücher sind ein wichtiges Standbein meines Sortiments», antwortet sie. Auch Bücher zu den Themen Wandern, Urban Gardening oder zum Alltag von Älplerinnen gehören dazu.

Authentische Auswahl

Führt sie deshalb eine linke Buchhandlung? «Das ist ein sehr dehnbarer Begriff», antwortet sie und präzisiert: «Nicht das Thema an sich ist links, sondern die Sichtweise auf das Thema; hier vertrete ich einen linken Standpunkt.» «Authentisch» müsse die Auswahl sein und zum Beispiel die Handschrift ihres persönlichen Interesses für die Ursachen und Zusammenhänge von aktuellen Konflikten tragen: der deutsch-syrische Autor Rafik Schami neu gelesen oder Literatur aus dem früheren Galizien, das heute zur Ukraine gehört. «Ich will Bücher anbieten können, die mir wichtig sind und politische Inhalte vermitteln.»

Über den geschäftlichen Teil ihres Ladens spricht Pfister wenig. Aber natürlich müsse die Kasse am Ende stimmen, meint sie. Der Buchhandel ist für kleine Geschäfte wie das ihrige nicht lukrativ; in der Schweiz machen jährlich rund zehn Läden zu. Annemarie Pfisters Buchhandlung hat sich all die Jahre gehalten. Aber den neoliberalen Geist, der durch die Buchbranche weht, bekommt auch sie zu spüren.

Die Abschaffung der Buchpreisbindung 2007 bezeichnet sie als die «einschneidendste Veränderung» seit den siebziger Jahren. Die Preisbindung sei ein wichtiges Gut gewesen: «Als Kundin weiss ich, ein Buch kostet überall gleich viel, und ich muss nicht zuerst herausfinden, wo es zwei, drei Franken billiger ist.» Die liberalisierte Preispolitik habe dazu geführt, dass Bücher insgesamt teurer geworden seien, kritisiert sie mit Verweis auf die hohen Margen bei der Buchhandelskette Thalia. «Als Buchhändlerin musst du heute die Dinge aushandeln», sagt sie auch in Bezug auf die Bibliotheken, die sie beliefert. Während man früher fünf Prozent Rabatt gab, sei es heute mindestens das Doppelte samt weiteren Dienstleistungen.

Aber entmutigen tut sie das alles nicht. Auch nicht der Onlinehandel und die E-Books – geschätzte fünf Prozent ist ihr Anteil mittlerweile in der Deutschschweiz. Solange sie leicht an haptische Bücher gelange, komme sie noch ohne deren elektronische Version aus. Aber praktisch seien E-Books schon: «Man reist, hat zehn Bücher auf dem Lesegerät, viel Platz im Koffer und kein zusätzliches Gewicht.»

Unterwegs bleiben – Beständigkeit und Veränderung sind die Prinzipien ihrer Buchhandlung. Annemarie Pfister sagt: «Konstanz ist etwas Fliessendes. Die Substanz bleibt, aber sie entwickelt sich weiter.»

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