Nr. 07/2008 vom 14.02.2008

«Den blos i um»

Mit «Rock me Amadeus» wurde der österreichische Popstar weltberühmt. Danach wechselten sich Alkoholexzesse und kreative Phasen ab - Letztere wurden immer seltener. Falco starb vor zehn Jahren bei einem Autounfall.

Von Marco Lauer

Auf einmal ist er wieder da. Aufgetaucht aus der Versenkung. Es war still geworden um ihn, obwohl er mal ein Grosser war, der grösste Popstar, den Österreich je hatte. Sechzig Millionen verkaufte Platten und der einzige, der je mit einem deutschsprachigen Lied an die Spitze der amerikanischen Charts kam. Aber Erfolg ist ein Stück Seife, kaum festzuhalten, auch nicht von ihm. Nun, 1998, ist er zurück in den Schlagzeilen, zwölf Jahre nach seinem Welthit. Doch die Meldung, die von ihm an diesem 6. Februar durch die Medien geht, ist keine gute: Falco ist tot.

Er starb in der Dominikanischen Republik, in die er sich zwei Jahre zuvor zurückgezogen hatte, um der negativen Presse in Österreich zu entfliehen und Ruhe zu haben für ein neues Album, das ihm endlich zurückverhelfen sollte zu alten Höhen. Oder vielleicht floh er auch nur vor der Stille, die dort um ihn entstanden war. Als er mit seinem Mitsubishi-Jeep vom Parkplatz der «Turist Disco» in Monte Llano rückwärtsfährt, rammt ihn ein Autobus. Die Obduktion ergab mutmasslich 1,5 Promille Alkohol im Blut und Spuren von Kokain. Ansonsten aber: ein ganz normaler Unfall. Kein grosser Abgang. Ausgerechnet für ihn, dem zeit seines Lebens nichts mehr verhasst war als Normalität.

«Sterben, um zu leben?»

Aber immerhin erinnern sich viele plötzlich wieder: stimmt, Falco. «Rock me Amadeus», «Jeanny», «Der Kommissar». Noch dazu gelingt ihm posthum, was ihm längst schon nicht mehr gelungen war: ein Hit. Die Single «Out of the dark», zwei Jahre vor seinem Tod geschrieben und zurückgehalten wegen mangelnder Erfolgsaussichten, schiesst in den deutschen und österreichischen Charts nach oben. Vor allem des Textes wegen, der Gerüchte aufkommen liess: «Kein Weg zurück. Das weisse Licht rückt näher Stück für Stück. Will mich ergeben. Muss ich denn sterben, um zu leben?»

Wien, 1971, Falco ist noch Hans Hölzel und 14 Jahre alt. Als er von seiner Lehrerin gefragt wird, ob er schon Vorstellungen habe von seiner beruflichen Zukunft, antwortet er: «Popstoar!» Es platzt förmlich aus ihm heraus, als ob er schon lange auf diese Frage gewartet hätte und seine Ambitionen nun endlich auch einem Publikum mitteilen könne. Auch wenn das vorerst nur aus der achten Klasse des Rainer-Gymnasiums besteht. Ganz in der Nähe, ebenfalls im kleinbürgerlichen fünften Wiener Bezirk, liegt die Wohnung der Hölzels, Ziegelofengasse 37. Dreissig Jahre später wird an deren Hauswand eine graue Gedenktafel auf den grossen Sohn der Stadt hinweisen. 1971 ist das noch Traum.

Trotzdem glaubt Hans schon damals, dass für ihn mehr bereitsteht als ein Schulabschluss, vielleicht ein Studium, danach ein Job für vierzig Jahre, konstant, ohne Hoch, ohne Tief. Und am Ende namenlos ins Gras beissen. Das Leben muss mehr hergeben für ihn. Vielleicht nimmt er es auch deshalb an, weil er zu Hause abgöttisch geliebt wird und seine Mutter mit der Grossmutter um die Zuneigung des Jungen buhlt. Um diesen Kerl mit den dunklen, eindringlichen Augen und dem schwarzen Haar. Es ist schon bei Hans Hölzel zu erkennen, was sein Biograf Peter Lanz «Falcos lebenslangen Widerstand gegen die Banalität» nennt.

Die gefürchtete Bürgerlichkeit

Deshalb wohl war auch sein Wunsch so gross, berühmt zu werden. Bloss nicht zu versinken in der Masse. Der frühreife Junge setzt sich schon zeitig dem Druck aus, dass er seinen Ansprüchen nur gerecht werden kann, wenn er genau das schafft. Er will es mit der Musik schaffen. Klavier spielte er von Kindheit an (seine Lehrerin attestierte ihm ein absolutes Gehör), singen konnte er gut, und mit vierzehn beginnt er, Bassgitarre zu lernen.

Als er drei Jahre später immer noch in der Schule sitzt und also noch immer keine Bühne hat für sich und sein Talent, überkommt ihn das Gefühl, dass ihm die Zeit davonrennt. Er möchte vermeiden, den Absprung aus der gefürchteten Bürgerlichkeit zu verpassen. Noch vor der Matura bricht er die Schule ab und beginnt seine Karriere, auch wenn der erste Schritt gemässigt anmutet: Er geht auf das Wiener Konservatorium, um an seinem Spiel am Jazzbass zu feilen.

Einer, der ihn seit dieser Zeit kennt, ist Thomas Rabitsch. Rabitsch sitzt im schallgedämpften Studio seines Hauses im ruhigen Wien-Ottakring.

Auf einer Leinwand vor ihm läuft die DVD «Falco Symphonic», die er gerade als Hommage zu Falcos zehntem Todestag produziert: Falcos letztes grosses Konzert in der Wiener Neustadt, 1994, vor über 10 000 Fans. Rabitsch, 55 Jahre alt, gross, dünn, Zigarette in der Hand, lächelt und nickt mit dem Kopf zum Takt. Das Nicken wirkt wie eine Bestätigung: War schon gross mit Falco. Rabitsch stand damals mit auf der Bühne, als Keyboarder in Falcos Band.

Weisser Anzug, mysteriöser Blick

Anfangs war es umgekehrt. Zusammen mit seinem Bruder Bernhard hatte Rabitsch damals eine Combo, Spinning Wheel, die in Hotels und Wintersportorten mit populären Liedern zum Tanzen und Saufen aufspielte. Bernhard erzählte seinem Bruder, er habe am Konservatorium einen besonderen Typen kennengelernt.

Ein paar Wochen später steht Hans Hölzel auf der Bühne. Spinning Wheel wird seine Generalprobe. Zum ersten Mal kann er sich präsentieren vor Publikum, seine Wirkung testen. Er wirkt. Und ist sofort das neue Zentrum der Gruppe. Mit eng geschnittenem, weissem Anzug, seinem mysteriösen Blick, der immer alles fixiert und gleichzeitig in unbekannte Ferne gerichtet ist. «Musik war für den Hans von Anfang an auch Inszenierung», sagt Rabitsch.

Spinning Wheel wurde mit ihm immer erfolgreicher. Doch die Gegenwart war selten der Ort, an dem er sich wirklich wohl fühlte. Er wollte weiter. Wollte vor allem etwas Eigenes: eigene Musik, eigene Texte. Zunächst aber löst er am Neujahrstag 1977 ein anderes Problem, das er schon seit längerem mit sich trägt: seinen Namen. Hans Hölzel - so heisst kein Star. Beim Neujahrsskispringen in Garmisch sieht er im Fernsehen Falko Weisspflog, zu der Zeit der beste Skispringer. Auch an diesem Tag macht er den weitesten Satz. Hans imponiert er. Also: Falko. Und falls er doch mal über Österreich hinaus bekannt werden sollte, in den USA: Falco. Sein zweites Ich wird geboren. Jenes, das Hans Hölzel fortan in den Hintergrund drängt.

Ein Rapsong und ein Kinderlied

Falco schreibt 1981 an einem Song, den er den «Kommissar» nennt und mit dem er endlich auch als Solokünstler bekannt werden will. Es ist ein abenteuerlicher Mix aus Hochdeutsch, Wienerisch und Englisch. Ein Rapsong, gesungen von einem Weissen. Etwas ganz anderes, etwas noch nicht Gehörtes, etwas Unerhörtes. Er schickt ihn ein beim nationalen Radiosender Ö3 und bekommt rasch Antwort: ein Kinderlied, sorry.

Im Grandhotel Wien sitzt Horst Bork bei grünem Tee und Frühstücksei. Bork, ein gemütlicher Mann von Ende 50, managt heute vor allem Popsternchen. «So einen wie ihn gibt es halt nicht an jeder Ecke», sagt Bork. Von 1979 an war er fünfzehn Jahre lang Falcos Manager, bekam hautnah dessen Höhen- und Sturzflüge mit. Seine Alkoholexzesse, seine grenzenlose Überheblichkeit und gleichzeitig seine Furcht vor Kritik. Er erlebte mit, wie Falco als Weltstar vergöttert wurde, aber auch das spöttische Mitleid, als er ein gefallener Held war. Kannte seinen sehnlichen Wunsch nach Familie und seine Angst vor deren Banalität, die zur Bedrohung für das Schaffen des Künstlers wird. Seinen Anspruch auf absolute Perfektion, das damit verbundene, oft wochenlange Ringen um jede Liedzeile. «Der Hans», sagt Bork, «hat ein Leben geführt, das reicht normalerweise für drei.» So richtig auf die Überholspur wechselte Falco aber erst mit der Fahrt zu Horst Bork nach Hamburg. Auf dem Beifahrersitz seines Käfers liegt das zuvor abgelehnte Demotape des «Kommissars». «Dürfte ich Ihnen mal was Gutes vorspielen?», fragt ihn Falco.

Kein Kinderlied, befindet Bork. Kurze Zeit später schiesst «Der Kommissar» an die Spitze der österreichischen und deutschen Charts. Jetzt ist Falco endlich ein Popstar. Die beiden produzieren sofort ein ganzes Album, «Einzelhaft». Auch das wird ein Megaseller. Falco beginnt abzuheben. 1982 geht er auf Tour. Solo. Er geniesst es, ganz oben zu sein. Zeitungen schreiben über ihn, Fernsehinterviews, er sieht sich überall. «Sein Wohnzimmer war von da an ganz Österreich», sagt Bork. Falco habe ihm damals gesagt, halb im Spass, halb im Ernst: «Wenn sich jemand in meinen Weg stellt, da zünd i mir a Zigaretten an und blos ihn um.» Er habe schon auch ein arrogantes Arschloch sein können, sagt Bork und lächelt heute milde darüber.

«Einmal g'spritzt, dann wieder klar»

Als er von seiner grossen «Kommissar»-Tour zurückkehrt nach Wien, in seine neue Wohnung, wird die monatelange Adrenalinzufuhr gekappt. Seinem Freund Billy Filanowsky, einem reichen Kaufmannssohn und laut Falcos Vertrauten von damals seinem einzigen wahren Freund, gesteht er 1983: «Ich hab auf meiner ersten Platte mein ganzes Leben erzählt. Jetzt bin i leer. Absolut leer.» Da offenbarte sich zum ersten Mal, wie die restlichen fünfzehn Jahre in Falcos Leben aussehen würden. So, wie er in seinem Lied «America» singt: «Einmal hoch und einmal tief. Einmal g'spritzt, dann wieder klar.»

Markus Spiegel, Falcos ehemaliger Plattenboss, ein kleiner, lustiger Mann, der schnell ins Schwitzen gerät, erzählt von jenem Tag, als aus Falco, dem Popstar, Falco, der Weltstar, wird, die Ikone. Am 20. März 1986 ruft er bei Falco an und schreit durch das Telefon: «Hans, du bist eins in Amerika.» Sein Hit «Rock me Amadeus» hatte es geschafft, als erster und bis heute einziger deutschsprachiger Song auf Platz eins in den USA zu kommen. «Wir sassen alle bei 'Oswald & Kalb', damals ein angesagtes Lokal», erzählt Spiegel, noch heute aufgeregt bei dem Gedanken daran, «und warteten auf Hans.» Doch als er dann kam, sei er seltsam ruhig gewesen. Als Spiegel fragte, warum er denn nicht ausflippe vor Freude, sagte er: «Weisst Markus, das kann ich nicht mehr toppen. So wie jetzt werden mich die Leute erst wieder lieben, wenn ich ganz tot bin.» Zwar habe er immer eine dramatische Ader besessen, sagt Spiegel, aber letztlich sei es dann ja leider doch so gekommen.

Tatsächlich wird schon das folgende Jahr kein Falco-Jahr mehr. Eine geplante Europatournee wird abgesagt wegen schlechten Kartenverkaufs. Das nächste Album floppt, das danach auch. Und das danach. Er findet nicht mehr den richtigen Ton, egal, was er schreibt, egal, unter welchen immensen Druck er sich setzt, immer das Beste zu geben.

Vollrausch und Wasser

In den Medien ist Falco fortan nur noch vertreten, wenn er eine neue Freundin hat oder im Vollrausch in irgendeiner Hotelbar aufgelesen wird. «Zwischenrein aber hatte er immer wieder Phasen», sagt sein Ex-Bandkollege Thomas Rabitsch, «in denen er nur Wasser trank, Sport trieb und voller Zuversicht an neuen Liedern arbeitete.» Und auch sein langjähriger Manager Horst Bork sagt: «Hans hatte einfach ein Talent und eine Art, die mich immer wieder glauben machten, dass er noch mal den ganz grossen Hit landet.» Deswegen habe er ihm auch noch so lange die Treue gehalten, wo er bei anderen Künstlern längst schon abgesprungen wäre.

Und 1992 hat Falco mit dem Song «Titanic» ein letztes Mal ein kleines Hoch. Darin zeigt sich einmal mehr seine originelle Sprache. «Die 'Titanic' sinkt in Panik ganz allanig - aber gut. Denn wer sich retten tut, der hat zum Untergang kan Mut.» Für ihn kam am Ende jede Rettung zu spät. Die Dominikanische Republik, in die er sich 1996 zurückzog, «um in Ruhe arbeiten zu können», brachte ihm kein Glück. Horst Bork sagt heute: «Ich hatte ihm abgeraten davon. Das war, als ob er ins Exil ginge und sich endgültig verabschiedete von der grossen Bühne.» Er selbst hatte ihm zwei Jahre zuvor die Zusammenarbeit aufgekündigt. Schon davor, noch in Wien, liess Falco sich am Ende von zwei auffälligen Leibwächtern beschützen. Um zu vertuschen, wie ein Freund von damals vermutet, dass niemand mehr etwas von ihm wissen will.

Aber vielleicht ist es ja doch so, wie er nach seinem einzigen Welterfolg vermutete: «So wie jetzt werden mich die Leute erst wieder lieben, wenn ich ganz tot bin.»

Auf dem Wiener Zentralfriedhof, Tor 2, Gruppe 40, dem Feld für die Ehrengräber der Stadt, liegt an diesem grauen Morgen Ende Januar auf Falcos Grab eine Schleife, auf der steht: «See you Falco, anytime. Forever in love.»

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