Nr. 20/2008 vom 15.05.2008

Im Trakt der Zukunft

Welche Interessen stehen hinter dem Gesundheitsartikel? Zum Beispiel jene der Hirslanden-Gruppe. Die Parlamentsdebatte. Weitere Visionen. Ein Klinikbesuch.

Von Kaspar Surber

Die Lektüre von Parlamentsprotokollen ist üblicherweise eine trockene Angelegenheit. Nicht aber beim Geschäft Nr. 05.055, das am 18. September 2007 in den Nationalrat kam. Die Linke weist darin wiederholt auf die Brisanz der behandelten Sache hin, spricht von einem «sehr ungewöhnlichen Vorgehen», von einer «Einführung auf kaltem Weg», von einem der «fatalsten Entscheide». Die Bürgerlichen sprechen von einem «Richtungsentscheid», von einem «neuen gesundheitspolitischen Konzept».

Geschäft Nr. 05.055 bezeichnet die SVP-Initiative «für günstigere Krankenkassenprämien» sowie einen Gegenvorschlag dazu. Den Gegenvorschlag haben CVP und FDP im Herbst 2006 im Ständerat lanciert. Um nicht mehr vor den eidgenössischen Wahlen über die SVP-Initiative abstimmen zu müssen, wie die Linke vermutet? Ein Gegenvorschlag verlängert die Abstimmungsfrist automatisch um ein Jahr. Oder witterten einfach die LobbyistInnen der Krankenkassen eine Chance, die Prinzipien des freien Gesundheitsmarkts in der Verfassung festzuschreiben?

Das Protokoll

Jedenfalls nutzen sie diese Chance im Nationalrat: Eine Subkommission der Kommission für soziale Sicherheit und Gesundheit baut den vagen Gegenvorschlag des Ständerats aus. Mit Felix Gutzwiller, FDP, und Reto Wehrli, CVP, machen sich gleich zwei Bürgerliche das Präsidium der zuständigen Subkommission streitig. Man einigt sich auf ein Ko-Präsidium. Der Gegenvorschlag wird ergänzt um die Elemente von Monismus und Vertragsfreiheit.

«Dieser Gegenvorschlag beinhaltet alle gesundheitspolitischen Provokationen, die gegenwärtig diskutiert werden», sagt Jacqueline Fehr, SP, am 18. September zu Beginn der Debatte. Felix Gutzwiller, FDP, Professor für Präventivmedizin, Verwaltungsrat der Privatklinikgruppe Hirslanden sowie der Krankenkasse Sanitas, sagt: «Nun, es geht um einige zentrale Prinzipien, die eigentlich die Grundausrichtung des Gesundheitswesens in Richtung des regulierten Wettbewerbs festhalten wollen.»

«Es ist heute kalt in diesem Saal. Wenn ich das sage, dann ist es wirklich kalt, denn ich schwitze immer sehr rasch. Es ist auch schlechte Luft in diesem Saal. Wir diskutieren über die Krankenversicherung», sagt Nationalrat Heiner Studer und begründet das Nein der EVP zu Initiative und Gegenvorschlag: «Wenn in diesem Bereich etwas vom Ständerat kommt, üben wir mehr als nur Zurückhaltung. Weshalb? Es ist uns bewusst, wie viele Mitglieder mit Gesellschaften in diesem Interessenbereich liiert sind.»

Hugo Fasel ergänzt im Namen der grünen Fraktion, dass speziell jene Krankenhausgruppe profitiere, die unlängst von ausländischen Investoren gekauft worden sei und die unbedingt an die Börse wolle. Doch die Linke wehrt sich vergeblich. Mit 109 zu 74 Stimmen befürwortet der Nationalrat den Gegenvorschlag. Das Geschäft geht zurück an den Ständerat. Dann finden die eidgenössischen Wahlen statt. Dank des Doppeltickets mit der SVP wird Felix Gutzwiller in den Ständerat gewählt.

Dort sagt er am 6. Dezember 2007, bei der neuerlichen Behandlung des Gegenvorschlags: «Ich gestatte mir einen Kommentar, weil ich das Vernügen hatte, die nationalrätliche Subkommission in dieser Sache zu leiten. Ich möchte darauf hinweisen, dass wir seit der Einführung des neuen Krankenversicherungsgesetzes - also seit zehn Jahren - nie einen klaren Entscheid gefällt haben, in welche Richtung sich das Gesundheitswesen entwickeln soll.»

Die Abstimmung ergibt ein Patt, 20 zu 20 Stimmen. Den Stichentscheid fällt der Präsident. Es ist Christoffel Brändli, SVP, Präsident von Santésuisse, dem Branchenverband der Schweizer Krankenversicherer. Damit ist der Gegenvorschlag angenommen. Die SVP zieht ihre Initiative zurück. Der Gesundheitsartikel kommt am 1. Juni 2008 zur Abstimmung.

Neue Formen

Im 7. Stock des Head Office am Zürichhorn skizzieren CEO Robert Bider und Kommunikationschef Urs Brogli mögliche positive Folgen einer Annahme des Gesundheitsartikels für die Hirslanden-Gruppe.

«Die Ausgangslage ist gut», sagt Bider. «Die medizinische Versorgung in der Schweiz ist hervorragend. Es gibt keine unterversorgten Gebiete oder Bevölkerungsschichten.» Der monistische Systemwechsel wird dazu führen, dass alle Spitäler zu hundert Prozent über ihre Einnahmen finanziert werden. Bauten, Investitionen, Betrieb - alles über die Einnahmen. Über die acht bis zehn Milliarden, mit denen die Kantone heute jährlich das Gesundheitswesen planen, werden neu die Krankenkassen bestimmen.

«Hier nun kommt die Vertragsfreiheit ins Spiel», sagt Bider. «Wenn die Aufenthaltsdauer in einem Spital ein Drittel länger ist als bei der Konkurrenz, dann werden die Kassen fragen: Wieso liegt ein Patient anderswo sechs und bei euch neun Tage? Ein Spital wird vor die Wahl gestellt: Entweder es hat künftig einen Leerbestand. Oder es generiert neue PatientInnen.» Hirslanden ist gut am Start: Gegenüber öffentlichen Spitälern will man eine um 20 bis 35 Prozent kürzere Aufenthaltsdauer haben. Hirslanden wird neu nicht nur Krankenkassenprämien, sondern auch Steuergelder erhalten.

Mittelfristig sollen die öffentlichen Spitäler in eigene Körperschaften überführt werden. «Der Kanton Thurgau spielt hier eine Vorreiterrolle. Dort sind die Spitäler in einer AG organisiert», sagt Bider. «Der Grund, wieso die GesundheitsdirektorInnen gegen den Gesundheitsartikel sind, ist einzig und allein der drohende Machtverlust. Dass die RegierungsrätInnen nicht mehr über die Saläre der ProfessorInnen diskutieren könnten.» Insgesamt, behauptet Bider, würde ein Systemwechsel ein Drittel der Kapazitäten im gesamten Gesundheitswesen überflüssig machen.

Der Gesundheitsartikel wird nicht nur die Spitäler privatisieren, sondern auch die Versicherungsformen verändern. Beispielhaft dafür steht die Kollektiv-Zusatzversicherung «H-Care». Die Hirslanden-Gruppe (mit Verwaltungsrat Felix Gutzwiller) hat sie gemeinsam mit der Krankenkasse Sanitas (mit Verwaltungsrat Felix Gutzwiller) entwickelt. Sie richtet sich an grosse Firmen - deren MitarbeiterInnen Hirslanden erstklassige Zugangsbedinungen zu seinen Kliniken und ÄrztInnen garantiert. «Der Arzt, das Unternehmen und der Patient verstehen sich in diesem Produkt als Partner. Jeder hat seine Interessen, ist aber auch dem Gesamtprodukt verpflichtet. Es ist eine Selbstverständlichkeit, dass der Patient sehr schnell zum Arzt gehen kann. Er soll aber auch möglichst schnell gesund werden, damit er wieder am Arbeitsplatz sein kann», sagt Bider.

Illustre Namen sind bereits bei «H-Care» dabei: «Die Credit Suisse, die NZZ, der Technologiekonzern Siemens, die Baufirma Implenia», zählt Brogli auf. In einem Prospekt zum H-Care-Modell heisst es: «Ein Vorteil besteht darin, dass es kaum Ärger mit säumigen Prämienzahlern gibt, denn das Inkasso wird an die angeschlossenen Unternehmen delegiert.» Weitere «motivierende Modelle», wie Bider sie nennt, sollen folgen. Versicherte sollen sich künftig auf ein bestimmtes Verhalten verpflichten. «Dass sie weniger konsumieren. Dass sie nicht rauchen», sagt Bider. All das soll einen Abzug bei den Prämien geben.

Den sozialen Druck und den finanziellen Ausschluss ihrer Visionen - beispielsweise die freie Arztwahl nur noch über die Zusatzversicherung oder eine verstärkte Kontrolle am Arbeitsplatz - erwähnen Bider und Brogli mit keinem Wort. «Ich habe ursprünglich Mathematik und Physik studiert», sagt Bider am Schluss des Gesprächs und wirkt plötzlich leicht entrückt. «Eigentlich wollte ich Astrophysiker werden.»

Duftmarketing und Gebärsuiten

Mit dem Auto einer PR-Projektleiterin geht es auf den Zürichberg hinauf zur Besichtigung der Hirslanden-Klinik. Direktor Ole Wiesinger führt persönlich. Auch er hat dieses silbergraue Haar, diese blassen Augen. Nur jünger als Bider ist er.

Der Lift fährt zum Helikopterlandeplatz auf dem Dach. Der Blick reicht weit über den Zürichsee. Direkt in der schwindelerregenden Tiefe liegt auf der einen Seite das Herzzentrum Hirslanden. Das erste Kompetenzzentrum, mit dem alles begann. Auf der anderen Seite steht der neuste Bau der Gruppe: der sogenannte Gartentrakt, im letzten September eröffnet.

Im obersten Stockwerk befinden sich die Zimmer der PatientInnen. «Wichtig bei der Einrichtung war, dass man sich überhaupt nicht an ein Spital erinnert», erklärt Wiesinger, im Gartentrakt angekommen. Darum Spannteppiche in den Fluren. Sitznischen mit frischen Blumen. Kein Spitalgeruch. «Eine Folge des Duftmarketings. Eine spezialisierte Firma hat überall im Gebäude Duftsäulen verteilt.» In den Zimmern sind die Anschlüsse für medizinische Geräte von einer Holztapete bedeckt.

Wiesinger zeigt die Kunst am Bau und die Cafeteria. Dann folgt auf ein Untergeschoss das nächste. Erst die Geburtenabteilung. Vier Geburtssuiten finden sich hier: eigentliche Wohnzimmer, mit Sofa, Bett und einem Pool für die Wassergeburt. Im Mai und im Juni ist man schon ausgebucht. «900 Geburten haben wir jährlich», sagt Wiesinger. «Die Hälfte sind Kaiserschnitte. Ist ja klar bei der Klientel.» Eine Geburt mit Kaiserschnitt kann auf den gewünschten Termin hin stattfinden. Umgekehrt bringt sie dem Spital - als Operation - Mehreinnahmen.

Im zweiten Untergeschoss liegen die Operationssäle - «sie sind nach einem neuen System für einen effizienten Ablauf eingerichtet». Für die Neurochirurgie wird gerade ein neuer OP-Saal eingerichtet, in dem die Daten der Computertomographie laufend erfasst und direkt auf die Mikroskope übertragen werden. Noch eine Treppe hinunter. «Ein ganz neues Magnetsystem zur Behandlung von Herzrhythmusstörungen.» Zum Schluss die Radiotherapie. Ein neuer Bunker für Bestrahlungen wird gerade eingebaut, mit eineinhalb Meter dicken Mauern. In den Worten von Wiesinger ist alles «neu». Und «einzigartig, in der Schweiz, Europa, der Welt». Selbst hier unten ist nichts von einem Spital zu spüren. In einem Aquarium drehen Fische ihre Kreise. Gerundete Designstühle vermitteln den Eindruck von Sciencefiction.

Herr Wiesinger?

Ja, bitte?

Könnte es nicht sein, dass Sie die Krankheiten neu erfinden - als Produkte?

Schauen Sie, die Medizin wird immer technischer. Jede neue Behandlung ist eine Chance für unsere PatientInnen. Aber jede neue Behandlung ist auch ein Akquisitionsinstrument für neue KundInnen.

Direktor Wiesinger führt zu einem Lift. Im Erdgeschoss angekommen, schüttelt er zum Abschied die Hand und ist schon in einem Spitalflur verschwunden.

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