Nr. 23/2016 vom 09.06.2016

Wie macht man das beste deutschsprachige Fussballmagazin?

Mämä Sykoras fussballerisches Erweckungserlebnis verärgerte seinen Vater. Bei der EM möchte der Chefredaktor des Fussballmagazins «Zwölf» die Russen siegen sehen. Der Schweiz traut er die Viertelfinals zu.

Von Jan Jirát, Adrian Riklin (Interview) und Florian Bachmann (Foto)

Mämä Sykora, hier im Trikot der Kaizer Chiefs Johannesburg: «Mit unserem Hang zum Perfektionismus bringen wir uns beim ‹Zwölf› natürlich laufend selber in die Bredouille.»

WOZ: Mämä Sykora, wo und wie begann Ihre Leidenschaft für den Fussball?
Mämä Sykora: Ganz klassisch, mit dem ersten grossen Turnier, das ich als Kind mitverfolgt habe: Das war die Weltmeisterschaft 1982 in Spanien. Als Kind fallen einem ja vor allem Dinge auf, die herausragen, und mir fiel damals auf, dass die Spieler der Sowjetunion unendlich schnell waren. Sie hatten fast immer den Ball, es war fantastisch. Das blieb hängen. Die russische Nationalmannschaft ist das einzige Team, das ich auch heute noch wirklich unterstütze.

Was sagt Ihr Vater zu Ihrer Sympathie für die Russen? Er flüchtete ja Ende der sechziger Jahre aus der damaligen Tschechoslowakei in die Schweiz – nachdem die Sowjets mit Panzern in seine Heimat eingefahren waren.
Ich habe mir ja nicht bewusst die Russen als Lieblingsteam ausgesucht, das ist einfach passiert. Aber klar: Mein Vater findet es gar nicht lustig, dass ich den Russen die Daumen drücke – vor allem, wenn sie auch noch gegen die Tschechen spielen. So wie vor vier Jahren an der Europameisterschaft, wo die Russen nach brillantem Spiel mit 4 : 1 gewannen. Und dann verkackten sie es doch noch wegen einer unfassbaren Niederlage gegen die Griechen. Das ganze Spiel über waren sie haushoch überlegen, doch dann erhielten die Griechen einen Einwurf – an der Mittellinie! –, und die russischen Spieler schauten tatenlos zu, wie das Tor fiel. Unmöglich!

Wie schätzen Sie die Chancen der Russen an der jetzt beginnenden Europameisterschaft ein?
Die russische Mannschaft ist an Nonchalance und Überheblichkeit schlicht nicht zu überbieten. Nur wenn sie im ersten Spiel richtig auf die Mütze bekommen, können sie Erfolg haben. Bei einem Auftaktsieg ist grandioses Scheitern programmiert.

Und was trauen Sie der Schweizer Nationalmannschaft zu?
Titelchancen hat sie wie die allermeisten Mannschaften nicht. Weiterkommen wird sie sicher. Mit dem neuen Modus, in dem sich auch die vier besten Gruppendritten für den Achtelfinal qualifizieren, schaffen das ja fast alle. Der Achtelfinal muss also angesichts von Gegnern wie Rumänien und Albanien schlichtweg Pflicht sein. Auch der Viertelfinal liegt je nach Gegner drin – mehr aber nicht.

Bleiben Sie bei Ihrer Prognose, dass Frankreich gewinnen wird? Trotz der Unruhen wegen der Nichtberücksichtigung von Superstar Karim Benzema von Real Madrid?
Wenn man so enorm viele hochkarätige Spieler hat wie derzeit Frankreich, ist es klar, dass die Kadernomination für Diskussionen sorgt. Trainer Didier Deschamps kann aus all diesen Topspielern jene herauspicken, die als Mannschaft am besten funktionieren. Dabei kann er sich erlauben, auf einige fantastische Spieler zu verzichten, ohne dadurch viel Qualität zu verlieren.

Sie verdienen Ihren Lebensunterhalt heute komplett mit Fussball. Wie schaffen Sie das eigentlich?
Zum einen bin ich zu etwa sechzig Prozent als Chefredaktor des Fussballmagazins «Zwölf» tätig, daneben arbeite ich an einigen Projekten im Fussball mit. Das reicht von journalistischen Arbeiten über Rechercheaufträge bis hin zu Ausstellungen und Beiträgen fürs Fernsehen.

Wie ist «Zwölf» entstanden?
Die Idee dazu stammte von einer Gruppe Bündner. Es sollte ein Fussballmagazin entstehen, das sich nicht auf Tagesaktuelles und Stars beschränkt, sondern auch Platz bietet für Nebenschauplätze und -darsteller, für Historisches, Fankultur und Skurriles. Das sind ja oft die viel spannenderen Geschichten.

Wir behaupten jetzt mal, dass «Zwölf» das beste deutschsprachige Fussballmagazin ist. Was sind für Sie die Stärken von «Zwölf»?
Zunächst einmal sind wir total unabhängig. Das ist uns sehr wichtig. Denn nur so können wir die Geschichten bringen, die wir wollen, und auch wie wir wollen. Unser Kernteam ist klein, aber bringt viel Herzblut und Fachwissen mit. Mit unserem Hang zum Perfektionismus bringen wir uns natürlich laufend selber in die Bredouille, auch wenn wir nur alle zwei Monate erscheinen. Die Ansprüche an Texte und Autoren sind stark gestiegen in den letzten Jahren, ebenso die Qualität der Artikel. Unsere Arbeit wird auch von Sportjournalisten sehr geschätzt, und doch stehen wir etwas ausserhalb des Kuchens. Das ist ein Vorteil, weil wir damit auch von den Fussballern anders wahrgenommen werden. In Interviews wählen wir einen anderen, offeneren Ansatz und bekommen so auch nicht nur die 08/15-Antworten zu hören.

Im Heft soll es aber auch nicht immer nur um den Fussball an sich gehen, sondern auch um das Drumherum. Wir wollen auch für Leute lesbar sein, die sich nicht als Fussballfreaks bezeichnen. Diese Mischung kommt anscheinend gut an, immerhin sind wir schon bei über 4000 Abonnenten. Mit diesen erzielen wir achtzig Prozent unserer Einnahmen.

Mämä Sykora (40) war ein Fan der Schweizer Nationalmannschaft unter Trainer Köbi Kuhn in den Jahren 2001 bis 2008, weil «sie mutigen, offensiven Fussball spielte». Unter dem Startrainer Ottmar Hitzfeld hingegen verlor er die Freude an der Nati. Der aktuelle Trainer Vladimir Petkovic hat es noch nicht geschafft, Sykora als Fan zurückzugewinnen.

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