Nr. 34/2008 vom 21.08.2008

Vergessen in der Wüste

Seit über dreissig Jahren kämpft die Polisario gegen die marokkanische Besetzung der Westsahara - einst mit Waffen, heute mit kulturellen Events.

Von Ralf Leonhard, Dachla

Als Beibuh Badi Hadsch noch Kamelzüchter und fahrender Händler war, schrieb er nebenbei Gedichte. Das ist lange her. Der 79-Jährige mit dem zerfurchten Gesicht und dem schwarzen Turban erinnert sich wehmütig an das vergleichsweise freie Leben unter dem spanischen Kolonialregime: «Damals waren wir frei. Niemand zwang uns, unsere Waffen abzulegen oder gar eine fremde Religion anzunehmen. Wir mussten auch keine hohen Steuern zahlen.» Solch romantische Erinnerungen an das Leben in der Kolonie «Spanisch-Sahara» teilen zwar nicht alle Sahrauis, die ursprünglichen BewohnerInnen der Westsahara. Doch verglichen mit dem Krieg, der Flucht und dem Exil, die das Schicksal des Volkes in den vergangenen 33 Jahren geprägt haben, herrschte bis 1975 tatsächlich die Idylle (vgl. unten: «Rohstoffe und die Ohnmacht der Uno»).

Heute ist Beibuh so etwas wie der Doyen unter den Poeten der Sahrauis. In seinen Gedichten, die er abends und an grossen Festen gerne vorträgt, feiert er den heroischen Kampf der Polisario gegen den ungleichen Gegner. Frente Polisario (Volksfront zur Befreiung von Saguia al-Hamra und Rio de Oro, den beiden Regionen der Westsahara) heisst die 1973 gegründete Bewegung, die gleichzeitig die politische Vertretung der Sahrauis wahrnimmt. Ursprünglich als Widerstand gegen die spanische Besatzung gegründet, stand die Bewegung bald im Kampf gegen Marokko, das nach dem Rückzug von Spanien das Territorium besetzte.

Früher sang Beibuh viel über die Kamele, diese zähen Reit-, Transport- und Haustiere, die das Leben in der Wüste erst möglich machen und deren Fleisch, Milch und Fell in allen Haushalten zu finden sind. Inzwischen hat das Kamel als Transportmittel einen motorisierten Rivalen erhalten: den Landrover. Der Poet hat auch ihm eine Ode gewidmet, dem unverwüstlichen Geländewagen, der es den Sahrauis erlaubte, den marokkanischen Panzern zu entkommen.

Filme in der Wüste

Am Filmfestival vom letzten April im Flüchtlingslager von Dachla in der algerischen Wüste hatte der greise Dichter einen grossen Auftritt - vor internationalem Publikum. In einem riesigen Zeremonienzelt sassen an der Schmalseite zahlreiche Dichter. Die Längsseite war von schwarz gekleideten Frauen gesäumt, die Tee zubereiteten und nach jedem Gedicht einen mehrstimmigen Trillerchor anstimmten. Dachla liegt rund hundert Kilometer südwestlich von Tindouf, einer trostlosen Stadt im südwestlichen Zipfel Algeriens. Die letzten vierzig Kilometer auf dem Weg zum Lager geht es quersandein.

Seit der Waffenruhe von 1988 sind die Sahrauis zu einem vergessenen Volk geworden. «Früher berichteten die Medien über die bewaffneten Auseinandersetzungen mit Marokko», sagt der Premierminister der Westsahara Abdel Kader Taleb Omar. Jetzt spreche niemand mehr von den «Söhnen des Windes», wie sich das Volk poetisch nennt. Dabei liess man sich alles Mögliche einfallen: einen Marathon, Musikveranstaltungen, Solidaritätsaktionen.

Am meisten Publizität bringt aber das Internationale Filmfestival, das dieses Jahr bereits zum fünften Mal über die Bühne ging. Die Anwesenheit des spanischen Filmstars Javier Bardem und des Barden Manu Chao brachten den Anlass auch in Europa in die Medien. Zur Eröffnungszeremonie erschien die politische Prominenz der Polisario fast geschlossen: Premier, Parlamentspräsident, Provinzgouverneur, Kulturministerin. Kinder in festlicher Kleidung reichten Datteln und gezuckerte Kamelmilch.

Unter dem Sternenhimmel wurden rund dreissig Filme gezeigt. Das Publikum konnte auf einem riesigen Teppich mitten im Wüstensand Platz nehmen. Besonderen Applaus gab es für Filme, die das Leben in der Wüste oder den Kampf der Sahrauis dokumentierten. Aber auch afrikanische Musikfilme, einige Produktionen aus Lateinamerika, Kurzfilme und spanische Dramen flimmerten über die Leinwand. Spanisch ist die offizielle Sprache der Sahrauis. Diese Entscheidung sei aber nicht getroffen worden, «um der ehemaligen Kolonialmacht zu schmeicheln, sondern um unsere Identität zu festigen», so der Premierminister. Umgangssprache ist Hassania, ein auch in Südalgerien und Mauretanien verbreiteter arabischer Dialekt.

Leben im Zelt

Für die EinwohnerInnen des Lagers ist das Festival nicht nur wegen der Filme ein Höhepunkt im eintönigen Leben. Neben Tonnen von Material wurden mit zwei Chartermaschinen auch 300 BesucherInnen aus Spanien eingeflogen. Dutzende Familien stellten den Gästen ihre Chaimas - Zelte oder Lehmhäuser - zur Verfügung: ein willkommener Kontakt zur Aussenwelt.

Tarba Sidi Baschir hat kein Problem, mit ihren drei Kindern und dem kleinen Adoptivsohn in einer engen Lehmhütte zu schlafen. Ihre Chaima dient zudem sechs Gästen aus Spanien und Österreich als Wohnung. Man schläft auf Matratzen und unter dicken Decken, denn in der Nacht drückt die Kälte durch die Ritzen der Hauswände. Tarba hat im Krieg fast ihre ganze Familie verloren. Nun lebt sie in Dachla, das sich nur wenig von einem Nomadenlager unterscheidet. Tarba hat, wie die meisten Familien, ein Häuschen aus Adobe, luftgetrockneten Lehmziegeln, gebaut. Hinter dem Brunnen, durch eine niedrige Mauer vor Ziegen geschützt, wachsen Kräuter und ein wenig Gemüse. Ihre Ziegen werden in engen Pferchen etwas abseits gehalten.

Zur Begrüssung serviert Tarba Tee, denn egal, ob Freund oder Fremder: Wer ins Zelt eines Sahraui kommt, wird mit Tee begrüsst. Die Zeremonie kann über eine Stunde dauern. Auf einer tragbaren Feuerstelle mit Holzkohle wird das Wasser in einer Blechkanne gekocht. Die Teeblätter warten in einer zweiten kleineren Kanne. Endlos wird das Gebräu von einem Glas in ein anderes gegossen, bis es schäumt. Die kleinen Gläser werden nur bis zur Hälfte gefüllt. Es werden immer drei Gläser serviert. Das erste, so heisst es, ist bitter wie das Leben, das zweite süss wie die Liebe und das dritte sanft wie der Tod. Der unterschiedliche Geschmack ist keine Täuschung: Er entsteht durch die Zugabe von Zucker und Minze.

Im Lager hat man Zeit, auch weil einen die Hitze zur Ruhe zwingt. Zwischen Mittag und fünf Uhr nachmittags ist man gut beraten, körperliche Anstrengung zu vermeiden. Man trinkt frische Ziegenmilch, isst üppige Portionen Kamelfleisch und lauscht den Geschichten über Vertreibung und Exil. Sonst gibt es nicht viel zu tun. An einem der kargsten Flecken der Erde geniessen die sahrauischen Flüchtlinge das algerische Gastrecht und werden von der Uno mit dem Lebensnotwendigen versorgt.

Die Demokratische Arabische Republik Sahara wird zwar von den meisten afrikanischen Staaten anerkannt und ist Mitglied der Afrikanischen Union. Auch einige lateinamerikanische Staaten wie Kuba, Venezuela und Argentinien unterhalten diplomatische Beziehungen mit dem Land. Doch in Europa hat es bisher keine Regierung gewagt, den Staat anzuerkennen. Die Uno versucht seit Jahren, in Verhandlungen Marokko zum Rückzug zu bewegen.

Geheimer Menschenrechtsbericht

Vergangenes Jahr untersuchte die Uno die Situation der Menschenrechte in den besetzten Gebieten. Der Bericht ist allerdings so brisant, dass ihn die Vereinten Nationen unter Verschluss halten. Die Kultur und Sprache der Sahrauis werden systematisch unterdrückt. Vor zwei Jahren wurde eine friedliche Demonstration mit Gewalt aufgelöst und Dutzende TeilnehmerInnen festgenommen. Die meisten von ihnen sitzen noch heute ohne eine Gerichtsverhandlung im Gefängnis. Die Polisario spricht von 153 politischen Gefangenen. Einige von ihnen versuchen mit Hungerstreiks ihre Freiheit zu erzwingen. Zumindest einer wurde kürzlich auf internationalen Druck hin freigelassen.

Die Sahrauis praktizieren einen toleranten Islam. Frauen nehmen mit der grössten Unbefangenheit auch vor Männern ihr Kopftuch ab. Islamistischer Extremismus wird für eine gefährliche Verirrung gehalten. Und gerade die Frauen haben im Exil die Möglichkeit, sich zu entfalten. Während früher die meisten weder schreiben noch lesen konnten, erhalten jetzt alle Mädchen eine Ausbildung. In den Schulen gibt es keine Geschlechtertrennung. Und während die Männer in den letzten Jahrzehnten im Widerstand kämpften oder versuchten, als Arbeitsmigranten ein bisschen Geld nach Hause zu schicken, lag die Verantwortung für Familie und Gesellschaft in den Händen der Frauen.

Dass Islam und Menschenrechte keineswegs im Widerspruch stehen, wird jedem klar, der ein paar Tage im Lager verbringt. Manu Chao stellte denn auch die Frage, warum dieses Volk vom Wes-ten nicht mehr Unterstützung erhalte. Gemeinsam mit seinen KünstlerkollegInnen, die wie alle mit den Sahrauis eine Woche in deren Zelten lebten, wirbt er für die Sache des vertriebenen Volkes. Der peruanische Regisseur Javier Corcuera hat seinerseits einen klaren Wunsch: «Das grosse Ziel dieses Festivals ist es, das letzte zu sein. Und dass das nächste in den von Marokko besetzten Territorien stattfindet.»

Dieser Artikel wurde ermöglicht durch den Recherchierfonds des Fördervereins ProWOZ. Dieser Fonds unterstützt Recherchen und Reportagen, die die finanziellen Möglichkeiten der WOZ übersteigen. Er speist sich aus Spenden der WOZ-LeserInnen.

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