Nr. 40/2008 vom 02.10.2008

Von rebellischer Gestalt

Warum den «Don Quijote» heute lesen? Weil er trotz seiner 400 Jahre sensationell unverbraucht ist, weil er auch für heutige Linke wichtig ist und endlich eine Übersetzung vorliegt, die flüssig zu lesen ist.

Von Valentin Schönherr

Aufgabe: Fertigen Sie eine Zeichnung von Sancho Panza an. Prognose: Sie werden ihn klein und dick zeichnen, auf seinem Esel sitzend. Falls Sie Don Quijote dazugesellen, ist dieser lang und dünn und reitet auf einem Klappergaul.

Es gibt kaum Gestalten der Weltliteratur, die so stereotyp in der bildlichen Vorstellung verankert sind wie das berühmte Paar aus Miguel de Cervantes’ Roman «Don Quijote». Dabei stimmt das Bild nicht einmal: Sancho hatte, so steht es im neunten Kapitel des ersten Teils, zwar einen dicken Wanst, aber lange Beine. Das Bild hat den Text überflügelt.

Auch die soeben erschienene Neuausgabe kommt nicht ganz ohne dieses Klischee aus, allerdings nur auf den Zeichnungen von Palle Nielsen auf den Schutzumschlägen. Und auch diese hätte Übersetzerin und Herausgeberin Susanne Lange vermutlich gern weggelassen. Don Quijote sei «Gefangener seiner Abbildung», schreibt sie im Nachwort. «Wer beim Lesen immer wieder die Protagonisten und Schlüsselszenen abgebildet findet, sieht genau das, was den ersten Lesern vor Lachen den Hosenknopf abspringen liess: eine unwürdig lächerliche Gestalt, die alberne Posen einnimmt.»

Fehler getilgt

Ist aber gleich eine Neuübersetzung notwendig, um den «wahren» Don Quijote sichtbar werden zu lassen? Die verbreitetsten Übersetzungen stammen von Ludwig Tieck (1799) und Ludwig Braunfels (1848) und spiegeln den Geist ihrer Zeit. Während Tieck den «Ritter von der traurigen Gestalt» zur Ikone der romantischen Sinnsuche machte und zu sprachlichen Altertümlichkeiten und Überhöhung neigte, war Braunfels vom philologisch-kritischen Interesse so sehr geleitet, dass die Verständlichkeit darunter leidet. Überfällig seit langem war also eine flüssig lesbare Übersetzung, die so weit wie möglich das Original ernst nimmt.

Susanne Lange hat das geschafft. Ältere Übersetzungsfehler sind getilgt, so die «podadera» gleich zu Beginn: Bei Tieck war sie eine Axt, bei Braunfels eine Gartenschere (die es zu Cervantes’ Zeiten noch gar nicht gab), nun haben wir endlich das Rebmesser vor uns. Textkritische Fragen werden im Anhang klug kommentiert, eigene Lösungen begründet - etwa warum Sancho der Esel gestohlen wird und er im folgenden Kapitel schon wieder auf demselben reitet, und so weiter. Die Übersetzerin konnte sich auf den letzten Stand der Don-Quijote-Forschung stützen, vor allem auf die von Francisco Rico betreute Superlativ-Edition von 2004 (Verlag Galaxia Gutenberg). Insofern ist diese Lange-Ausgabe für einige Zeit das Mass der Dinge.

Auf die konsequente Nachbildung der originalen Satzstrukturen verzichtet Lange allerdings da, wo der Lesefluss wesentlich gestört wäre. Das 69. Kapitel von Teil II etwa beginnt bei Tieck so: «Die zu Pferde stiegen ab und fassten mit denen zu Fuss Sancho und Don Quixote eilig an und führten sie in den Hof.» Braunfels: «Die Berittenen stiegen ab, und zusammen mit denen zu Fusse packten sie mit Ungestüm Sancho und Don Quijote und trugen sie in den Hof.» Lange übersetzt: «Die Reiter sassen ab, und gemeinsam mit den Unberittenen trugen sie Sancho und Don Quijote unsanft und hastig in den Hof.» Schwer lesbare Präpositionshäufungen vermeidet sie ebenso wie bemühte Formulierungen. Wobei vorsichtig anzumerken ist, dass sich der deutsche Text nun leichter liest als für Muttersprachige das Original. Die gute Zugänglichkeit auf hohem Niveau ist dennoch ein unschätzbarer Gewinn, einzelne Fragen, über die sich streiten oder gar ärgern liesse, haben dagegen nicht viel Gewicht.

Warum aber sollte man den «Don Quijote» heute überhaupt lesen? Weil er trotz seiner 400 Jahre ein sensationell unverbrauchtes Buch ist, mit dem man nicht fertig wird. Von William Faulkner und Carlos Fuentes wissen wir, dass sie das Buch jedes Jahr wieder gelesen haben. Wir wissen, dass Don Quijote seinem Lesepublikum zum Lachen ebenso Anlass gegeben hat wie zur Verzweiflung, aber auch zum Genuss der überall eingebauten Ironie und zur Analyse der vielfach gebrochenen Erzählhaltung. Immerhin gilt der «Don Quijote» als der erste moderne Roman in dem Sinne, dass der Held über sein eigenes Erzähltwerden nachdenkt. Schliesslich dient Don Quijote als ikonenhaftes Vorbild: Romantiker des 19. Jahrhunderts sind gleichermassen wie später Linke fasziniert davon, wie er für seine Ideale unermüdlich und in redlicher Ernsthaftigkeit kämpft.

Romantik und Linke

Müsste man einen blinden Fleck in Francisco Ricos und Susanne Langes Kommentaren zu «Don Quijote» benennen, dann wäre dies ausgerechnet der linke Interpretationsstrang. Vor allem in der lateinamerikanischen Linken ist es populär geworden, sich in die Tradition Don Quijotes zu stellen. Nicht erst der venezolanische Präsident Hugo Chávez und sein nicaraguanischer Amtskollege Daniel Ortega praktizieren dies bis zum Überdruss, schon Simón Bolívar, der auf dem Sterbebett sich selbst, Jesus und Don Quijote als die drei grossen Trottel der Geschichte bezeichnet haben soll, setzte einen Markstein. Ernesto Che Guevara folgte, als er im Abschiedsbrief an seine Eltern schrieb: «Erneut spüre ich unter meinen Absätzen die Rippen Rocinantes, ich mache mich wieder auf den Weg mit meinem Schild vor dem Arm.»

Eine gewagte Indienstnahme des literarischen Personals - wenn Che denn damit überhaupt eine weitergehende Vorstellung verbunden hat. Jedenfalls finden sich trotz äusserer Ähnlichkeiten reichlich Argumente, warum man Che und Fidel besser nicht als Wiedergänger des Don Quijote ansehen sollte. Zum einen nämlich hat Don Quijote von seinem Reich nur geträumt; er hat die Macht nicht erlangt und niemanden verhaften oder erschiessen lassen. Und obwohl zum andern Don Quijote vorhat, «jeglichem Unrecht abzuhelfen», wünscht er auch «Gefechten und Gefahren zu trotzen, sie zu bestehen und ewigen Ruf und Ruhm zu erlangen». Mit Che Guevara, dem der Personenkult zuwider war, ist das schwer vereinbar.

Windmühlen des Neoliberalismus

In Teil II, Kapitel 6, propagiert Quijote das Streben nach Tugend, Reichtum, Grossmut und lässt sich recht abfällig über die «Klasse des gewöhnlichen, niederen Volkes» aus, die «lediglich die Zahl der Lebenden vermehrt». Das klingt fast reaktionär. Einer simplen Identifikation mit Don Quijote steht schliesslich entgegen, dass dieser eine vergangene, idealisierte Zeit wiederbeleben will. Oder müsste man sich in die Konstruktion retten, das Konservative im «Don Quijote» sei nicht so gemeint - die linken Tendenzen müsse man aber sehr wohl wörtlich nehmen? Das täte dem Roman arg Gewalt an.

Eine differenziertere Lesart der Figur Don Quijote findet sich bei Subcomandante Marcos und der Zapatistischen Befreiungsarmee EZLN im mexikanischen Chiapas. Als die EZLN am 1. Januar 1994 (Mexiko trat gerade der Nordamerikanischen Freihandelszone Nafta bei) den Regierenden ins Sektglas spuckte, erschien das vielen als ein Kampf gegen die Windmühlen des Neoliberalismus. Es geht aber um mehr. Marcos zitiert und paraphrasiert aus «Don Quijote» gern gerade die Stellen, in denen es zwischen Deutung und Realität hin- und hergeht. Die Widersprüchlichkeit der Romanfigur wird also, zumindest zu einem gewissen Teil, aufgegriffen, um die Gegenwart - die sich so gerne als alternativlos ausgibt - als veränderbar darzustellen, zu demaskieren. Ein «Linker» ist Don Quijote allerdings auch für Marcos.

Um Don Quijote aus der «Gefangenschaft seiner Abbildung» zu befreien - wie auch immer das Bild aussehen mag -, bietet Susanne Langes Neuübersetzung eine hervorragende Textgrundlage. Denn dieses Buch verführt dazu, sich dem offenen, unendlichen Meer der Erzählung zu überlassen. Sich treiben zu lassen, nach Kräften darin zu schwimmen, sich schliesslich wieder treiben zu lassen.

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