Nr. 41/2008 vom 09.10.2008

Waren Sie der Mörder?

Er wuchs am noblen St. Galler Rosenberg auf und wurde als Anwalt der Hells Angels Aushängeschild der Zürcher Unterwelt: Der als brillanter Strafverteidiger geltende und erfolgreiche Autor Valentin Landmann sieht seine Rolle vor Gericht als die eines Brückenbauers und Sozialpädagogen.

Von Daniel Ryser (Interview)

WOZ: Herr Landmann, wieder machen Sie Schlagzeilen: Sie verteidigen eine Neonaziband. Und man fragt sich: Ist der Anwalt der Hells Angels jetzt ein jüdischer Neonazisympathisant?

Valentin Landmann: ... entschuldigen Sie, ich bin gerade emotional. Ein Klient hat einem Dritten heute Morgen eine E-Mail geschrieben, die er besser nicht geschrieben hätte. Er handelte zwar nicht unehrlich, aber emotional. E-Mails verleiten zu Kurzschlussreaktionen, deshalb schreibe ich nie selbst, sondern diktiere. Es ist nervenaufreibend. Sehen Sie: Ich habe keine Berührungsängste. Wenn ich einen Fall übernehme, stehe ich dafür ein. Dann trete ich nicht vor Gericht und sage, Herr Präsident, Sie wissen ja, normalerweise rühre ich solche Fälle nicht an, aber ... Einem Anwalt, der in meiner Gegenwart so etwas sagt, dem würde ich das Gesetzbuch über den Kopf hauen!

Dann reden wir zur Entspannung etwas über Ihre Mutter.

Meine Mutter?

Die konservative deutschjüdische Schriftstellerin, Journalistin, Lehrerin und Kochbuchautorin Salcia Landmann, die 2002 starb. In St. Gallen ist sie eine Legende. Sie soll Sie geprägt haben.

Meine Mutter hat sich sehr intensiv mit dem Judentum befasst. Sie hat viel geschrieben, auch zur Politik. Sie war im schweizerischen Sinne konservativ. Sie hat übrigens einen Bestseller verfasst: «Der jüdische Witz». Sie war aber selber nie im Staat Israel. Ich auch nicht. Sie war nicht praktizierend. Ich bin es auch nicht.

Ihr Vater starb früh?

Nein, er war der Philosoph Michael Landmann. Er lehrte in Berlin und war deshalb nur in den Ferien in St. Gallen. Deshalb wuchs ich bei der Mutter auf.

Bekannte Ihrer Mutter sagen, sie sei herrisch gewesen, zionistisch und zeitweise extrem rechts.

Sie war sicher konservativ. Aber nicht rechtsextrem. Zionistisch war sie auch nicht. Auch wenn sie eine grosse Fürsprecherin des Staates Israel war.

Herrisch? Sagen wir, sie war dezidiert. Und ausdrucksvoll. Sie hat sich sicher sehr dafür eingesetzt, dass ich Leistung erbringe. Sie war fordernd. Es war eine etwas seltsame Jugend. Ich begegnete in der Stube lauter Literaten: Max Horkheimer, Martin Buber, Horst Bienek, Horst Knapp, konservativeren Schriftstellern wie Kaltenbrunner - nicht der Kriegsverbrecher, sondern sein Sohn. Sie gingen bei uns ein und aus. Meine Mutter war fürsorglich, teilweise einnehmend. Ich bin ein Einzelkind. Sie hat mich bereits als Dreijähriger als Erwachsenen behandelt. Von mir wurde erwartet, dass ich in Gesprächen mithalte.

Sie wurden ein Musterschüler.

Das stimmt. Ich war Klassenbester mit einer Maturanote von 5,6. Ich war damals leider auch etwas zu unbeweglich konservativ.

1968 waren Sie achtzehn Jahre alt ...

Ich hatte aber keine Protestphase. Ausgerechnet damals war ich viel rigider konservativ als später. Ich bin übrigens in keiner Partei.

Der Bankier Konrad Hummler war Ihr Jugendfreund ...

Konrad Hummler ist ein sehr interessanter Mann. Er hat mit seinem liberalen Gedankengut, welches das Schweizerische betont, seine Bank Wegelin vor der Katastrophe bewahrt. Er hatte nie das Gefühl, risikofreudiges American Banking betreiben zu müssen. Ich habe wahnsinnig Mühe mit dem, was jetzt abläuft. Privatisierung der Gewinne, Sozialisierung der Verluste - das war für mich immer ein hohles Schlagwort. Aber das passiert jetzt! Und es wird von sogenannten Liberalen mitgetragen. Eine ganze Managerkaste hat sich durch gewinnstrebendes Verhalten von den Kapitalgebern losgelöst und Entsetzliches angerichtet für uns alle. Ich habe vor allem Mühe damit, dass die Justiz bei solch erheblicher Wirtschaftskriminalität kapituliert. Es gibt in der Justiz den Eventualvorsatz. Der gilt theoretisch auch hier: Sie nehmen in Kauf, ungetreu zu handeln, Vermögen zu vernichten, die Ihnen anvertraut sind. Nur handhaben es die Gerichte nicht so.

Warum nicht?

Diese Frage ist eine intelligente Frage.

In Ihren Büchern vertreten Sie die These, die Unterwelt sei der Spiegel der Gesellschaft.

Die Unterwelt ist ein Spiegel der Oberwelt. Und es ist dort viel einfacher, Delikte nachzuweisen, weil sie oft schön und klar auf dem Tisch liegen, wie etwa eine Schlägerei.

Oder die Hells Angels.

Die Razzia von 2004 gegen die Hells Angels war eine Alibiübung. Man hatte die Bundesanwaltschaft innert kurzer Zeit wahnsinnig aufmunitioniert, finanziell, personell. Wenn man derart schnell und mit derartigen Mitteln eine Organisation aufbaut, geht es sehr wahrscheinlich schief. Man hatte wohl gar nicht die Möglichkeit, wirklich kriminelle Organisationen aufzuspüren. Und man hat wohl auch am falschen Ort gesucht. Weil man nichts gefunden hat, hat man die Ansprüche gesenkt. Die Hells Angels haben sich angeboten, denn die sind so bequem angeschrieben. Irgendetwas, so die Überzeugung, findet man sicher.

Was hat man gefunden?

Typische Vorwürfe gegen kriminelle Organisationen, etwa Frauenhandel oder Drogenhandel, kommen in dem Verfahren nicht vor. Ein paar Angels ernteten in einer verregneten Nacht in der Westschweiz Hanf. Zudem gibt es den Verdacht, Hells Angels könnten an einer Indoor-Hanfanlage beteiligt gewesen sein. Es geht auch um eine Eifersuchtsschlägerei des Hells-Angels-Präsidenten mit jemandem, der seiner Frau Avancen gemacht hatte. Es geht um einige Inkassofälle, bei denen Hells Angels drohend aufgetreten seien. Es geht um einen wüsten Fall mit einer Körperverletzung im Thurgau, in den Angels involviert waren. Dieser Fall ist nicht schön, er gefällt niemandem. Das betrifft aber ein oder zwei Mitglieder. Dann geht es noch um angebliche Vorbereitungshandlungen zu einem Raub. Das Verfahren ist völlig offen.

Also alles Einzelfälle?

Ich wehre mich gegen einen wesentlichen Punkt: dass man aus der Struktur einer Gruppe, nur weil sie nicht konformistisch ist, schliesst, sie sei eine kriminelle Organisation. Dass man einzelne Delikte verfolgen und verurteilen muss, darin sind wir uns einig. Das muss der Staat. Nur muss der Staat keine riesige Alibiübung machen. Die Zürcher Polizei sagte der Bundesanwaltschaft: Ihr wollt die Hells? Okay, wir schicken zwei Leute, die klopfen an, weisen einen Haftbefehl vor, und die kommen mit. In diesem Land hat sich noch nie ein Angel gegen eine Verhaftung zur Wehr gesetzt.

Aber die Bundesanwaltschaft lehnte das Angebot ab.

Sie wollten die fiese Show mit 400 Beamten. Wenn man wirklich davon ausgegangen wäre, dass die Angels derart gefährlich sind, stellt sich die Frage, ob es sinnvoll gewesen wäre, mitten in der Stadt Zürich an einem Mittwochabend mit 400 Beamten einen Krieg anzuzetteln. Nein, sie müssen gewusst haben, dass es keinen Krieg geben wird, sondern dass die Hells Angels friedlich beim Kotelettessen sein werden. Der Einzige, der an diesem Abend ein Verbrechen begangen hat, war ich: Ich trank zu meinem Kotelett eine kalte Ovomaltine.

Sie waren dort?

Ich war dort, aber ich wurde nicht verhaftet. Ich bin jeweils nur zu Beginn der Sitzungen dabei, und zwar als rechtlicher Konsulent. Es geht dann um Verfahrensfragen, Organisatorisches betreffend Bikeranlässe, Menüplanungen. Wenn die eigentliche Sitzung beginnt, ziehe ich mich zurück. Ich bin seit dreissig Jahren ihr Anwalt, Berater, Freund, aber ich bin kein Mitglied. Ich lief an jenem Abend zu meinem Audi und sah dieses wahnsinnige Aufgebot. Polizisten in Marsmenschenuniform. Ich brachte das aber nicht mit den Hells Angels in Verbindung, ich dachte, das sei eine riesige Antidrogenaktion am Limmatplatz. Ich fuhr los. Zum Essen. Das ist meine negative Eigenschaft: Ich neige zur Völlerei und zu kulinarischen Exzessen, ich esse mehr, als mir gut tut. Ich war also auf dem Weg zum nächsten Essen, als das Handy klingelte.

Wieso sind Sie eigentlich nie Mitglied der Hells Angels geworden?

Es ist womöglich von den juristischen Aktionsmöglichkeiten her besser, wenn ich nicht selbst Mitglied bin.

Sie sagten, Sie seien in keiner Partei. Sie waren einst in der FDP. Warum traten Sie aus?

Ich sass im Vorstand der Zürcher Stadtpartei. Damals, 1984, fand in der Schweiz die erste grosse Aktion gegen die Hells Angels statt. Ich war entsetzt. Ich hatte in meiner sehr konservativen, naiven Einschätzung geglaubt, dass es in diesem Staat kein Unrecht seitens der Behörden geben könne. Die schwerste Strafe in jenem Verfahren war achtzehn Monate bedingt. Die Aktion von 2004 schien, als wolle man einen 20-Jahre-Jubiläumsflop zelebrieren. Ich gewann 1984 den Eindruck, dass mit unserem System etwas ganz gravierend nicht stimmt.

Die FDP war Teil dieses Systems?

Ich hatte auf Wunsch der St. Galler Stadtpartei die Hells Angels zum FDP-Montagsstamm eingeladen. Es war ein interessanter Austausch liberalen Gedankenguts. Doch danach fielen die Zentralorgane der Partei und die Medien über mich her: Das sei alles entsetzlich. Die Mitglieder der Stadtpartei sagten plötzlich, sie seien für irgendwelche Zwecke missbraucht worden. Ich trat aus, ich wollte Teil einer liberalen Partei sein und nicht einer Gruppierung, die engstirnig agiert.

Von vorne: Wie kam eigentlich ein Musterschüler wie Sie, der 1975 mit 25 doktorierte, zu den Hells Angels?

Das ist eine gute Frage, und ich beantworte sie gerne. Die ersten Begegnungen fanden in Hamburg statt. Ich arbeitete dort von 1979 bis 1984 am Max-Planck-Institut an meiner haftpflichtrechtlichen Habilitation.

Professor Landmann?

Wäre es vielleicht geworden.

Aber Sie wurden es nicht.

Meine Habilitation war praktisch fertig. Durch die Ereignisse rund um die Hells Angels erschüttert, fasste ich damals den Entschluss, einen anderen Weg zu gehen. Ich erinnere mich an das Gespräch mit meinem Professor, als ich ihm meinen Entschluss mitteilte: Er erstarrte. Als ich anfügte, dass ich soeben sämtliche Exemplare meiner Habilitation durch den Schredder gelassen hatte, wurde er bleich. Alles war zerschnetzelt, zerstört. Es gab kein Zurück mehr. Sein Gesichtsausdruck war unbezahlbar.

Sie haben das Resultat jahrelanger Arbeit einfach durch einen Schredder gejagt?

Es war wohl etwas zwischen bewusster Entscheidung und Amok. In Hamburg hatte ich damals den ganzen Tag in der Bibliothek gesessen. Irgendwann fragte ich mich: Wir befassen uns hier ununterbrochen mit der Rechtsordnung in der Meinung, dass man sich daran hält. Doch wie organisieren sich Menschen, die nicht mit jedem Mist zum Richter gehen können? Die ihr Leben nicht nach der Justiz ausrichten? Also suchte ich im Hamburger Milieu nach Leuten, die ausserhalb dieser Ordnung standen. Ich wollte wissen, wie die Unterwelt funktioniert, wie sie sich reguliert. So kam ich zu den Hells Angels.

Sie klopften an?

Zuerst fragte ich in düsteren Bars Leute, ob sie Gangster seien. Das war eine interessante Erkenntnis: Niemand ist beleidigt, wenn man ihn das fragt. Es war natürlich völlig naiv und idiotisch. Irgendwann sagte man mir, ich solle doch mal bei den Hells Angels anklopfen.

Sie haben also tatsächlich einfach angeklopft?

Ja. Und ich fragte: Sind Sie Gangster?

Und was war die Antwort?

Ich solle eintreten.

Die haben Sie nicht gleich im Hafen versenkt?

Es ist eigentlich interessant, dass dies nicht der Fall war. Der damalige Präsident nahm die Sache humorvoll und setzte sich mit mir an einen Tisch. Wir redeten über Gott und die Welt. So lernte ich dann weitere Mitglieder kennen. Mir wurde klar, dass das keine Gangster sind, sondern Outlaws. Aber sie konnten mir helfen, dass ich mit Menschen, die etwas stärker unterweltlastig waren, in Kontakt kam und Gespräche führen konnte. Ich schrieb dann mein erstes Buch: «Das integrierte Verbrechen». Als das Buch fertig war, merkte ich, dass das Milieu und die Menschen darin mich wirklich zu interessieren begannen. Vorher hatten mich bloss juristische Verästelungen interessiert. Das war zwar in meinen damaligen Kreisen angesehen und hochakademisch, aber man ist einfach auf der juristischen Wildsau davongeritten.

War Ihre Mutter enttäuscht, dass Sie Ihre Habilitation zerstörten?

Auf eine Art sicher. Aber sie hat meinen Entscheid akzeptiert. Und ihn dann auch voll mitgetragen.

Anders als man es vielleicht von einem Halbweltanwalt erwarten könnte, gelten Sie vor Gericht nicht als scharfer Hund. Sie seien ein kompromissfreudiger Bittsteller, heisst es.

Es macht mir grosse Freude, wenn ich den Eindruck habe, ein sinnvolles Urteil erreicht zu haben. Man muss ja nicht die Tat verteidigen, sondern den Menschen, der dahinter steht. Wenn am Ende ein sachgerechtes Urteil ergeht, das alle akzeptieren können, bin ich sehr glücklich. Das befähigt mich dann etwa dazu, am Wochenende ein Stück meines nächsten Buches zu diktieren.

Sie diktieren?

Ich diktiere. Meiner Frau oder dem Sekretariat. Ich bin eben kein sonderlich geschickter Schreiber, aber ich spreche gerne. Ich liebe es, zu formulieren. Das Ergebnis ist viel besser, wenn ich frei diktiere und das Diktierte dann überarbeite.

Und Sie diktieren ein neues Buch. Worum gehts?

Dünnes Eis. Wie dünn ist das Eis, das einen davon bewahrt, in die Unterweltsphäre einzubrechen? Das Buch enthält reale Beispiele. Sie zeigen, dass es manchmal nur einen ganz kleinen Auslöser braucht, um in eine riesige Katastrophe hineinzulaufen.

Wird Ihre eigene Katastrophe auch Teil des Buches sein? Damals, 1990, als Sie selbst im Eis einbrachen?

Diese Geschichte müsste jemand anders schreiben.

Es war der Fall Ihres Klienten R.L. Er hätte Sie fast alles gekostet: Vermögen, Freiheit, Gesundheit - und Ihren Beruf.

Es ist eine grauenhafte Geschichte. Ich vertrat die Theorie, dass es die gleichen Eigenschaften sind, die jemanden befähigen, in der Unterwelt zu arrivieren wie in der Oberwelt. Ein Gangsterboss braucht die gleichen Eigenschaften wie ein Spitzenmanager. Es ist nicht primär eine moralische Qualifikation. Es soll mir niemand sagen, alle unsere Spitzenmanager seien durch moralische Qualitäten arriviert. Ich hing der Theorie an, dass man einem ehemaligen Kriminellen nur die Tür zur Legalität zu öffnen braucht, damit er seine Träume auch legal verwirklichen kann.

Am Beispiel von R.L. wollten Sie sich beweisen, dass Sie recht haben.

Ja. Er hatte eine Strafe abgesessen wegen Hanfhandels. Er baute danach eine Baufirma auf. Ich wurde auf Bitte eines Bekannten Verwaltungsrat in dieser Firma, um mit meinem Namen als Türöffner für Aufträge zu dienen. Ich tat das sozusagen gratis. Mir entging, dass mit dem Konto der Firma etwas nicht stimmte. Man muss annehmen, dass über diese Firma Geld gewaschen wurde. Dabei wirkte alles plausibel. Ich besichtigte sogar Bauprojekte. Das Gericht warf R.L. später vor, mit rund hundert Kilogramm Kokain gehandelt zu haben. Ich sass während zweier Wochen in Untersuchungshaft. Das war 1992. Es war die schlimmste Zeit meines Lebens. Ich hatte einen Kreislaufkollaps. Ich landete im Spital. Ich war entsetzt über meine eigene Fahrlässigkeit. Das Gericht warf mir nie vor, dass ich von den Drogen gewusst hätte. Aber es warf mir vor, dass ich Alarmzeichen ignoriert hätte. Das Urteil kam 1998: eine bedingte Strafe wegen Geldwäscherei. Das riesige Verfahren hatte mich mein ganzes Vermögen gekostet. Ich sass all die Jahre auf einer Bombe und fragte mich ständig: Wann geht sie hoch und reisst mich in den Abgrund?

Ihr Anwaltspatent konnten Sie behalten.

Ja, das war eine grosse Erleichterung. Am schlimmsten war für mich der Gedanke, dass ich womöglich meinen geliebten Beruf nicht mehr würde ausüben können.

Und Sie haben R.L. verziehen?

Ich war es, der versagt hatte! Lenin sagte: Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.

Sie verteidigen eine Neonaziband, die zum Mord an einem WOZ-Autor aufgerufen hat.

Man muss nie ein Delikt verteidigen. Andererseits hatte ich eine Begegnung mit dieser Band. Es waren ausführliche Gespräche. Diese Menschen haben Freude an einer neokonservativen Einstellung und an soldatischen Liedern. Und sie greifen manchmal üppig daneben in der Einschätzung, wie ein unreflektierter Text wirken kann. Ich machte ihnen klar, dass der Betroffene dieser Textzeile dies nicht als sauglatten verbalen Schlagabtausch verstehen kann. Und das Gericht womöglich auch nicht. Aber lasten Sie mir nicht den Nazianwalt an. Ich habe auch schon eine Frau aus dem Schwarzen Block verteidigt, die sehr gewalttätig war. Sie hat mich übrigens besucht, als ich das letzte Jahr wegen einer Herzoperation im Spital lag. Viele Leute, die in ihrer Jugend irren, werden zu Stützen der Gesellschaft. Moritz Leuenberger etwa. Wenn man all die 68er damals an den Rand gedrängt hätte, wäre das fatal gewesen. Wer einfach nazistisches Gedankengut vertritt, hat bei mir nichts zu suchen.

Leuenberger war ein 68er und wurde eine Stütze der Gesellschaft ...

... soweit er als Bundesrat brauchbar ist ...

... Sie waren 1968 ein Systembewahrer und sind heute ein Aussenseiter.

Ich wurde im Lauf der Jahre immer kritischer.

Hätten Sie sich vor dreissig Jahren für die FDP statt für die Angels entschieden, könnten Sie heute der Daniel Jositsch der Rechten sein.

Denkbar. Aber will ich das? Jositsch ist übrigens ein hochintelligenter Mann. Ich betrachte mich aber gar nicht als einen, der gegen die Gesellschaft ist. Ich bin der Meinung, dass das, was ich tue, auch das Beste für unsere Gesellschaft ist. Ich wurde einfach immer kritischer gegenüber Bestrebungen, alles zu reglementieren, alles zu verbieten, junge Leute sofort zu verurteilen, auf die Seite zu schieben, zu verdammen. Nicht jeder muss das gleiche Bier trinken. Nicht jeder muss in den Pantoffeln vor dem Fernseher sitzen. Er darf in die Disco gehen. Er darf in den Puff gehen.

Gehen Sie oft in den Puff?

Ich kenne einige Betreiber, und mit denen trinke ich gerne ab und zu einen Kaffee. Aber ich bin selber kein Kunde. Moralisch hätte ich keine Bedenken. Aber um jemanden in Unterfluchtdistanz an mich heranzulassen, muss ich ihn mögen und schon länger kennen. Ich bin nicht der Quickietyp.

Aber Sie stehen auf Frauen, nicht auf Männer?

Ich stehe auf Frauen. Ganz ausgeprägt. Ich liebe ergonomische Frauen. Ich bin verheiratet. Schon mehrmals. Meine Exfrau, eine ganz tolle Juristin, die ich nach wie vor sehr schätze, und meine jetzige Frau, eine Treuhänderin, die ich sehr liebe, arbeiten beide hier im Büro und verstehen sich blendend.

Wie sieht eigentlich Ihr Privatleben aus?

Das frage ich mich jetzt gerade auch. Früher besuchte ich regelmässig Mistery-Spiele in Meiringen. Das sind Krimispiele. Am Schluss hat das Publikum die Aufgabe herauszufinden, wer der Mörder ist. Dort lernte ich meine jetzige Frau kennen.

Waren Sie der Mörder?

Ich spielte den resozialisierten Lustmörder, der seine alten Taten literarisch verarbeitet. Das hat meiner Frau imponiert. Später spielte ich den bestechlichen Präsidenten des Olympischen Komitees als möglichst widerlichen Lustgreis. Zur Freude eines Teils des Zürcher Obergerichts, das als Zuschauer anwesend war.

Manchmal frage ich mich: Bin ich ein Kantengänger? Auf welcher Seite des Spiegels stehe ich? Oder stehe ich auf beiden Seiten und sehe mein Spiegelbild auf der anderen?

Bekannte von Ihnen sagen, Sie wollten es allen recht machen.

Das ist eine meiner negativen Eigenschaften. Denn tatsächlich kann man es nicht allen recht machen. Und manchmal muss man hart kämpfen. Aber ich betrachte es als Idealfall, wenn man als Anwalt zum richtigen Zeitpunkt die Lösung vorlegen kann, die eine Sache entspannt. Ich habe bei Haftentlassungsgesuchen eine extrem hohe Erfolgsquote, und zwar deshalb, weil ich nur dann eins stelle, wenn es etwas bringt. Ich werfe keine Knüppel in ein Verfahren.

An Ihrer Hose baumelt ein silberner Totenkopf.

Ich trage ihn immer, auch vor Gericht. Er ist mein Memento, das mich daran erinnert, dass ich vor Gericht stehe, um für die Lebenszeit meiner Klienten zu kämpfen. Lebenszeit, dieses Thema fasziniert mich.

Die Endlichkeit.

Ich habe einen Fetisch: Ich sammle Uhren. Ich kann stundenlang über Zahnräder und Leuchtmasse philosophieren.

Sind Sie zufrieden mit Ihrer Zeit?

Ja, obwohl ich jahrelang gar kein Privatleben hatte. Tagsüber arbeitete ich, abends ging ich mit Klienten weg. Als meine neue Frau das erste Mal in meine Wohnung kam, sagte sie: Diese Wohnung lebt nicht. Ich lebte einzig im Büro, im Gericht. Und im Schwimmbad. Ich schwimme täglich. Aber ich bin kein häuslicher Mensch.

Der Entscheid, vor dreissig Jahren Ihre Habilitation zu zerstören, war richtig?

Ja. Ich würde wieder derselbe Anwalt werden wollen.

Kein FDP-Nationalrat? Kein Milieukönig?

Es gibt die Chaostheorie, die besagt, dass alles ursächlich determiniert ist. Die Determinierung bedeutet nicht, dass man Prognosen erstellen kann. Ein geregeltes Chaos kann sehr leicht aus der Balance gebracht werden. Bei mir war das der Fall. Zuerst in Hamburg durch die Erlebnisse mit den Angels, dann später mit dem Verfahren, in das ich selbst involviert war. Was, wenn ich die Habilitation einfach abgegeben hätte? Vielleicht wäre ich tot. So wie viele Leute, mit denen wir täglich zu tun haben. Sie leben, aber sie leben nicht wirklich, sie bleiben tot von der Geburt bis zum Lebensende. Wir sind umgeben von lebenden Toten.

Und Sie leben?

Ja, ich habe das Gefühl, am Leben zu sein. Gerade jetzt zum Beispiel.

Fürchten Sie den Tod?

Ich fürchte ein schmerzhaftes Ende. Dahinzusiechen. Nicht mehr arbeiten zu können. Zu leiden. Wenn ich aber morgen auf der Strasse umkippen würde, dann war es okay, so wie es war. Ich bin 1950 geboren. 1920 hat es mich noch nicht gegeben, und es fällt mir auf, dass mich das damals nicht gestört hat. In dem Sinne kann man nicht sagen, dass ich den Tod fürchte.

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