Nr. 07/2009 vom 12.02.2009

«Jetzt hüsteln wir ein wenig ...»

Gesprochen wird bald nur noch von Personen, und immer und überall werden sie berechnet und gezählt. Es regiert die Statistik, und Revolution klingt wie ein technischer Fachbegriff. Was wir jetzt brauchen, ist etwas anderes. Ein Essay.

Von Adrian Riklin

Wir haben viel über Zahlen geredet in letzter Zeit. Sind vor Türen gestanden, haben geraucht, geschwiegen, Personen gezählt und leicht gezittert. Unsere Blicke hielten sich auch an Verkehrsschildern fest. Manchmal klebten sie an einer Wolke, und die Schatten, die wir auf die Strasse warfen, waren kläglich. Abends, im griechischen Lokal, übten wir uns in Denksportaufgaben. Wir beschäftigten uns mit der Frage, was RomantikerInnen tun würden, falls sie trotz allem gewinnen würden. Und ob sich das verträgt. Worüber wir auch noch dachten, war die Durchsichtigkeit der Schatten.

Wörter ohne Magie

Die Personenrätsel, die wir studierten, blieben ungelöst. Doch wären wir nicht immer noch da nach all den Jahren und würden Wein trinken und Rätsel studieren, Angelos hätte sein Lokal wohl längst schon geschlossen. Wir haben ja auch viel gerechnet in den Jahren. Wenn wir genügend getrunken hatten, kamen wir in Fahrt. Die Zahlen, die uns die Sicht versperrten auf die Menschen, verschwammen, und die Welt hinter den Fenstern begann zu leuchten. Das waren die Stunden, da sie plötzlich wieder greifbar schien: Nicht die Revolution, daran zu glauben wagten wir nicht mal in grössten Trunkenheiten. Ganz davon abgesehen, dass wir ahnten, wie anstrengend und ungemütlich sie sein könnte. Nicht also die Revolution, denn wer heute noch immer an die Revolution glaubt, so sagte einer von denen, die eines Tages nicht mehr ins griechische Lokal kamen und mitredeten und zählten und Rätsel studierten und seither von der Realwirtschaft verschluckt sind: Wer heute noch immer an die Revolution glaubt, sagte er und warf das Geld auf den Tisch und stand auf, der ist naiv und ein bodenloser Romantiker, und das ist schlimmer als einer, der an einen Gott glaubt.

Die Revolution, wenn wir sie in den Mund nahmen, hatte seither einen Nachgeschmack: bitter. Als ob wir von einer grossen Liebe sprechen würden, die sich als Illusion herausstellen sollte. Vielleicht war das der Grund, weshalb wir die Rätsel nicht zu Ende lösten: Alle Rätsel, ahnten wir, würden in ein und dieselbe Lösung münden: in eine Niederlage.

Die Heftigkeit, mit der uns die Realität überholt hatte, war gross, und die Schäden, die sie all den Begriffen zugefügt hatte, irreparabel. Die Wörter hatten ihre Magie verloren: nackte Buchstaben. Die Erkältung holten wir uns vom Luftzug, mit der die Realität durch unser Leben brauste. So ist uns das Lachen vergangen und auch das Weinen. Jetzt hüsteln wir ein wenig und schauen, dass uns nicht auch das Denken vergeht. Denksport ist nämlich dazu geeignet, die Verzweiflung zu verdrängen. So zücken wir die Kugelschreiber, füllen Formulare aus und wissen, dass auch wir Personen geworden sind, die sich nichts mehr zu erzählen haben: Personen, die stattdessen Personen zählen und Personenrätsel studieren, ohne sie zu lösen. Personen, die Denksport treiben, ohne zu kämpfen. Personen, die stets in Übung sind und nie im Ernstfall. Das ist die Lösung aller Rätsel: Worüber nur noch gezählt wird, soll man nicht erzählen. Und davon, worüber man nicht mehr erzählen kann, soll man sich fernhalten.

Das romantische Paradox

So hatten wir uns aus der Romantik verabschiedet und in das realwirtschaftliche Personenrätsel eingefügt. Getauscht wurden von nun an Zahlen und Fakten, gesprochen wurde von Personen. Den Alltag betrachteten wir PersonenverkehrsteilnehmerInnen in diesen seriösen Zeiten, in denen auch Liebe als Hausaufgabe zu erledigen ist, vorübergehend als reine Denksportaufgabe. Wobei wir schon damals der Lösung des romantischen Paradoxes gefährlich nahe gekommen sind, indem wir herausgefunden haben, dass es durchaus eine Möglichkeit gibt, romantische Lebenshaltung und Erfolg unter einen Hut zu bringen: als Schauspieler, die erfolgreich erfolglose Romantiker spielen.

Noch vor kurzem bezeichneten wir uns als seriöse RomantikerInnen. Unser Widerstand erschöpfte sich in Spielgruppen für erwachsene Personen. Unser Aufbegehren beschränkte sich auf Stilübungen in geschützten Kulturwerkstätten. Der Lebensstil, den wir führten, war ungefährlich, und wenn wir kurz vor die Personentüren standen und rauchten und Personenverkehrsschilder studierten, trugen wir einen romantischen Personenwintermantel. Dann zogen wir uns wieder in unsere Personenmansarden zurück und machten unsere Denksportaufgaben und zählten unser Geld und legten unsere Personalien in den Ordner und staubten ihn ab.

So führten wir Buch über die Person, mit der wir gemeint sind. Die unhygienischen Passagen in unseren Traumtagebüchern überarbeiteten wir regelmässig, und in der Freizeit betätigten wir uns erfolgreich als erfolglose RomantikerInnen. Indem wir tagtäglich unsere Personalien in Ordnung brachten, durften wir weiterhin am Personenverkehr teilnehmen. Indem wir ordnungsgemäss Tagebuch führten, fielen wir nicht aus dem Personenrahmen. So eingerahmt gaben wir ein passables Personenbild ab, und das Gesicht, das wir vor dem Zubettgehen waschen durften, war weiterhin das eines funktionierenden Arbeitsmarktteilnehmers. Auch dadurch, dass wir auf der Strasse mit fremden Personen verwechselt wurden, liessen wir uns nicht beirren. Als ob die gleichförmige Bewegung, mit der wir den Waschlappen über Stirn und Backen kreisen liessen, unsere Personalgesichtsoberfläche von allen Unreinheiten und sonstigen Eigenheiten abgewaschen hätte.

Treibstoff Sehnsucht

Viel gerechnet haben wir in den letzten Jahren; gezählt und bereinigt und abgestaubt, und so waren wir ganz schön bleich und müde geworden. Und auch das Feuer, als hätten wir es aus der Welt gewaschen, war aus unserem Gesicht gewichen. Doch das bleichgefärbte Entsetzen in unserem Gesicht war nobel, und es schien uns zu stehen. Es stand für eine ordentliche Entgeisterung und konnte als Indiz für eine erfolgreiche Desillusionierung herhalten. Vielleicht standen wir kurz vor dem Durchbruch einer respektablen Desillusionierungslaufbahn. Indem wir so fleissig an unserer Ent-Täuschung gearbeitet hatten, sind wir beinah abgeklärt worden. Es soll zu jener Zeit einflussreiche Personen gegeben haben, die ihrer Genugtuung über unsere einwandfreien Personalien unaufgefordert Ausdruck verliehen.

Fast könnte man meinen, wir hätten es beinah zu abgelöschten Personen gebracht. Doch eigentlich sind wir natürlich sehr unglücklich geblieben. Und weil wir wissen, dass unser Treibstoff die Sehnsucht ist, die uns nicht aufgeben lässt, findet man uns auch heute noch bei Angelos im griechischen Lokal. Wir glauben zwar nicht mehr an die Revolution, aber die permanente Rebellion lassen wir uns nicht nehmen. Wir trinken und rätseln, und leicht erkältet sind wir noch immer. Kürzlich ging es wieder einmal um die Durchsichtigkeit der Schatten. Ausserdem beschäftigen wir uns intensiv mit einer Denksportaufgabe, die der Frage nachgeht, weshalb viele RomantikerInnen so einsam sind und was zu tun wäre, um all diese RomantikerInnen an einen grossen Tisch zu bringen. Wobei es zu beachten gilt, dass Romantik nicht organisierbar ist und eine erfolgreiche Mobilisierung von RomantikerInnen höchst unromantisch enden könnte. Nach wie vor sind wir überzeugt, dass die Niederlage kein Grund zur Übernahme der siegreichen Strategie ist, weshalb wir von der Gründung einer romantischen Partei absehen, obwohl wir uns einig sind, dass zusammen zu trinken und zu essen nicht nur günstiger, sondern auch schöner, um nicht zu sagen romantischer ist. Mit Gewissheit sagen können wir, dass wir uns weiterhin mit Rätseln beschäftigen, auch wenn wir keine Lösung finden, und der romantischen Auffassung treu bleiben werden. Solange wir sie uns leisten können.

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