Nr. 41/2020 vom 08.10.2020

Das Schnarchen des Satrapen und andere Seltsamkeiten

Von Juan Goytisolo

Bei den Präsidentschaftswahlen, deren Durchführung meinen Sicherheitsdiensten obliegt und bei denen ich regelmäßig mit 99,99 Prozent der Stimmen im Amt bestätigt werde, überzeugte mich die geringe Anzahl der Gegner – ein paar Dutzend unter mehr als zehn Millionen Wählern – eben wegen ihrer Bedeutungslosigkeit immer vom durchschlagenden Erfolg meiner Amtsführung. An einem fernen, von der Vorsehung bestimmten Tag ernannte eine bewaffnete Bewegung mich zum Staatsoberhaupt und setzte dem Theater korrupter Politchargen, die vor einem empörten, spottenden Publikum wie Marionetten tanzten, ein Ende.

Seither ging alles seinen geordneten Gang: Wahlen wurden ausgeschrieben, Kampagnen für die Jastimme organisiert – Stadt für Stadt, Viertel für Viertel, Haus für Haus. Bewerber wurden zur Gegenkandidatur aufgefordert, die sich aus Furcht vor einer schmählichen Niederlage und ihren unabsehbaren Konsequenzen nicht trauten. Die beschämenden öffentlichen Ausflüchte dieser Möchtegerne hielten die Übrigen davon ab, ihrem Beispiel zu folgen und in einem lächerlichen wie fruchtlosen Kampf Federn zu lassen. Doch bei den letzten Wahlen war alles anders. Es gab keine Gegenkandidaten, und die Stimmenauszählung, deren ordnungsgemäßer Ablauf von zahlreichen internationalen Beobachtern bestätigt wurde, brachte ein erstaunliches Ergebnis zutage: eine einzige Neinstimme.

Nach der Euphorie der offiziellen Feierlichkeiten, den Glückwunschadressen anderer Staatsoberhäupter und spontanen Volksfesten im ganzen Land war ich über dieses Resultat jedoch keineswegs erleichtert, es irritierte mich. Eine Handvoll Verbitterter, die sich den sozialen Errungenschaften unter meiner Amtsführung verweigerten, gehörte dazu: Sie standen nur und ausschließlich für sich selbst und offenbarten so ihre bedauernswerte Blindheit und ihren Unverstand. Doch diese einsame, eigensinnige Stimme, die wider alle Vernunft gegen meine fürsorgliche Regierung opponierte, war für mich Hinweis auf eine unbekannte Gefahr, eine latente Bedrohung, die jeden Augenblick real werden konnte.

Wer war dieser rätselhafte Gegner?

Die Frage quälte mich und raubte mir den Schlaf. Ich mobilisierte die Nachrichtendienste, um ihm auf die Spur zu kommen und ihn zu identifizieren. Das Wählerverzeichnis des Bezirks, wo seine Stimme abgegeben wurde, musste überprüft, eine Liste von Verdächtigen angefertigt, das Filmmaterial der Mikrokameras, die am fraglichen Tag im Einsatz waren, durchgesehen werden. Monatelang zogen sich die Ermittlungen hin, ergebnislos. Keiner der bei den nächtlichen Razzien Festgenommenen bekannte sich schuldig.

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Sollte ich die Verhafteten foltern lassen, wie der Chef der Kriminalpolizei mir anriet? Nach Abwägung aller Für und Wider kam ich zu dem Schluss, dass es vergeblich wäre. Am Ende würden die Unschuldigen gestehen, und er, der unerbittliche Gegner meines Werks, hätte nichts preisgegeben. Im Gegenteil, er würde nur noch entschlossener sein Ziel verfolgen: mich zu erledigen, ja zu vernichten.

Ich versammelte meine Berater und Kabinettsmitglieder und erörterte den Fall. Die Vorschläge, die auf den Tisch kamen – individuelle Strafen ersten bis dritten Grades, Eliminierung aller Wahlberechtigten des betreffenden Bezirks –, schienen mir untauglich, und ich lehnte sie ab. Dunkel ahnte ich, dass ich eine Schlacht schlug, die längst verloren war. Dieser erbitterte Gegner würde mich überleben. Ich durchlitt Wochen der Angst, verfolgt von einer fixen Idee: Präzise wie ein Uhrwerk plante jemand eine Verschwörung, die für immer im Dunkeln blieb. In einer meiner geplagten Nächte hatte ich einen ahnungsvollen Traum: Ich sah mich selbst im Wahllokal, wie ich den verfluchten Zettel einwarf. Als ich aufwachte, nahm ich, ohne irgendwen in Kenntnis zu setzen, mein Geständnis auf Video auf, in der ruhigen Gewissheit, auf der Stelle hingerichtet zu werden und für immer in Frieden zu ruhen.

Ich bin die fünf Sinne des Präsidenten! Ich beobachte mit seinen Augen, was auch immer geschieht, höre, was man im Viertel munkelt, wittere die kleinste Unzufriedenheit, schmecke die süße Verlockung der Macht, streichle sein Bild auf der Medaille an meinem Revers. Mein Dienst für die Sache kennt keinen Stundenplan, nicht einmal im Schlaf. Wie oft habe ich schon von einer Verschwörung seiner Widersacher geträumt, niedergeschlagen durch meinen raschen und energischen Einsatz!

Telefonüberwachung, Videoaufnahmen und sonstige geheime Maßnahmen knüpfen ein dichtes Sicherheitsnetz und erlauben mir, ihn allezeit präzise zu informieren. Täglich gehen meine Berichte in den Palast und sind Balsam für seine ruhelose Seele. Wenn ich nur seine gütige Miene sehe, seine ermutigenden Blicke auf meine bescheidene Person! Nicht von Angesicht zu Angesicht, niemals, sondern auf den offiziellen Porträts an den Wänden meines Büros.

Während ich die Vertrauenskundgebungen für seine Regierung organisiere oder die Listen der Drückeberger anfertige, betrachte ich sein Bild: im Gesellschaftsanzug, Chemisette und Fliege makellos, eine rote Schärpe quer über der Brust; mit der prachtvollen Kette eines Würdenträgers oder Doktors honoris causa von Universitäten aus der halben Welt; auf einem Sessel aus granatrotem Samt mit vergoldeter Lehne. Bei meiner Lektüre von Anzeigen und vertraulichen Hinweisen hebe ich die Augen, um neue Kraft zu schöpfen in seinem Anblick: mit erhobenem Arm, gehüllt in die Fahne des Vaterlands, oder im Profil, zwei Kinder in einen wolkenlosen Himmel gereckt; mit tadellos gestärktem Hemdkragen, bordeauxroten oder karierten Krawatten, Jacketts in Grau, Beige oder Marineblau, einem Seidentüchlein, das aus der Brusttasche des Anzugs hervorspitzt; mit seiner Frisur, stets akkurat gescheitelt, ohne ein einziges weißes oder widerspenstiges Haar. All das stimuliert mich und erfüllt mich mit Glück! Manchmal glaube ich, ein mir persönlich zugedachtes Lächeln zu erhaschen. Andere Male ist es ein kleines, komplizenhaftes Zwinkern von diskreter Zärtlichkeit. Ich bin Garant seines wohlverdienten Vermögens und leiste mit meinem Bienenfleiß einen Beitrag zur Festigung seiner gottgesandten Herrschaft.

Bei der Audienz des Provinzsatrapen erklärte sich der örtliche Zeitungsschreiber untertänigst zum Idioten: Mein Berufsethos verpflichtet mich dazu, sagte er, nur ein Dummkopf wie ich konnte, ohne irgendwelche Hintergedanken, das schwöre ich, diesen unseligen Satz schreiben, der aufgrund seiner fehlerhaften Interpunktion, seiner Amphibolien (sprachliche Doppeldeutigkeiten) und Solözismen (grobe Sprachfehler) dazu angetan war, Ihren fürsorglichen Umgang mit der Res publica in Zweifel zu ziehen. Tausend Tode hätte ich verdient, das weiß ich wohl, doch wenn mir eine Verfehlung vorzuwerfen ist, dann geben Euer Exzellenz meinem Unvermögen die Schuld, meiner ungenügenden grammatischen Bildung, der notorischen Unbeholfenheit und Gedankenlosigkeit meiner Texte. Und nach erfolgter Palinodie (Widerruf), ermuntert durch das Schnarchen des Satrapen, nahm er den Hut, griff nach dem Schwert, zog von dannen, und nichts war passiert.

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Kühne Vorschläge für das neue Jahrtausend

1. Unser soziales Angebot: Gratisausgabe von lösungsmittelgetränkten Taschentüchern an die arbeitslose Bevölkerung. Die Einschreibung in die Listen der Leistungsempfänger soll obligatorisch sein, damit die Bezugsberechtigten monatlich ein neues Tuch erhalten, dazu ein entsprechendes Fläschchen mit dem Siegel des Staatlichen Solidarfonds, dessen Einrichtung bei der letzten Kabinettssitzung auf Anregung des Demokratischen Volksblocks beschlossen wurde.

2. Forschungsinstitute mit dem Schwerpunkt vergleichende Genetik von Cheloniden haben mit unserer Revolutionären Fortschrittspartei ein bemerkenswertes Projekt zur Senkung der öffentlichen Ausgaben vereinbart, um der Verschwendung von Steuergeldern und der weiteren Belastung von Unternehmen, die Wachstum und Arbeitsplätze schaffen, einen Riegel vorzuschieben. Wissenschaftliche Untersuchungen zum Verhalten der Schildkröten während ihrer Winterschlafphasen werden uns noch in der laufenden Legislaturperiode bestimmte, auf die Bevölkerung übertragbare Techniken an die Hand geben, die es den bedürftigen und unproduktiven Gesellschaftsschichten in einem Pilotversuch ermöglichen, auf ein Angebot von unbestreitbarem Nutzen zurückzugreifen: in eine Art Langzeithibernation zu sinken, die sie für Monate von der bitteren Notwendigkeit befreit, ihren Lebensunterhalt zu verdienen, verbunden mit einer erheblichen Ersparnis an Kosten und menschlichem Leid. Die Errichtung bequemer Schlafhallen für die Teilnehmer würde das konjunkturfeindliche Haushaltsdefizit spürbar reduzieren und unseren Unternehmen beim allgemeinen Gerangel um Einfluss und Macht im Globalen Dorf einen deutlichen Wettbewerbsvorsprung verschaffen.

Vertrauen Sie uns Ihre Ersparnisse an.

Wir werden sie in unseren sorgenfreien Steuerparadiesen zinsbringend anlegen, und sind alle Spuren von Strohmännern und Briefkastenfirmen erst verwischt und verweht, erhalten Sie ein wunderschönes Paar Hörner mit einem persönlichen Motiv als Zeichen unseres Danks für Ihr unschätzbares Vertrauen und Engagement.

Der Tourismus wird euch frei machen.

An der Rezeption erhielt er eine zweisprachige Broschüre mit Sicherheitshinweisen für ausländische Gäste, die sich in die Hauptstadt wagen.

„Tauschen Sie Ihre Devisen am Bankschalter des Hotels und tragen Sie auf der Straße nur das Allernötigste bei sich.

Deponieren Sie Wertsachen und Kreditkarten im Gästesafe, lassen Sie nichts im Zimmer liegen.

Verriegeln Sie die Zimmertür zweimal und öffnen Sie niemandem, der seinen Besuch nicht vorher angekündigt hat.

Nehmen Sie das Taxi, das der Portier für Sie ruft, und nennen Sie ihm den Bestimmungsort, damit er ihn zusammen mit dem Kennzeichen des Wagens im Gästebuch vermerkt.

Teilen Sie über Mobiltelefon mit, wenn Sie etwas Auffälliges im Verhalten des Fahrers bemerken, und folgen Sie den Anweisungen des Hotelpersonals.“

Er sah sich schon auf dem Weg zu einem Waffengeschäft, beim Kauf einer Grundausstattung zur Selbstverteidigung: K.-o.-Spray, Schlagring, Pfadfindermesser. So könnte er sich im Taxi sicher fühlen. Dann aber dachte er, dass es bestimmt einfacher wäre, sich ein Auto zu leihen und auf eigene Faust die Stadt zu erkunden: Denkmäler, Restaurants, Museen. Die zweite Seite der Broschüre belehrte ihn eines Besseren.

„Seien Sie auf der Hut. Zwei Tricks sind in der Stadt sehr verbreitet: An der Ampel wird ein Motorrad, Fahrrad oder Karren unter das Auto des Ausländers geschoben, worauf man den verblüfften Fahrer eines Verkehrsunfalls beschuldigt: Menschenauflauf, Schreie, Tumult. Oder es werden Bußgelder verhängt wegen nicht begangener Verkehrsdelikte, verbunden mit der Drohung, ein paar Stunden auf dem örtlichen Revier zu verbringen.“

Dann dachte er, es sei klüger, diesen furchtbaren Ort ganz zu meiden und die Schönheit der Landschaft zu genießen. Eine Option, die gleichwohl, glaubte man den Ratschlägen der Broschüre, riskant sein konnte.

„Die Landstraßen sind sehr gefährlich: die guten wegen der unachtsamen und draufgängerischen Fahrweise vieler Verkehrsteilnehmer, die schlechten wegen ihres kurvenreichen Verlaufs und der fehlenden Markierung. Abzuraten ist insbesondere von Fahrten bei Dunkelheit, da es vorkommt, dass die Schnellstraße blockiert, das Auto zum Anhalten gezwungen und der Fahrer überfallen wird. Vor allem nehmen Sie weder Anhalter noch angebliche Freunde mit. In der Regel haben sie Drogen bei sich, und ein paar Kilometer weiter gerät man „zufällig“ in eine Polizeikontrolle: die Erpressung mit Strafverfahren und Gefängnis folgt auf dem Fuße.“

Was zum Teufel konnte er tun während seines Aufenthalts? Essen, trinken, in der Nähe des Hotels spazieren gehen? Auch nicht. Die Hinweise waren eindeutig:

„Seien Sie vorsichtig mit Essen und Trinken. Waschen Sie Obst, Salat und Gemüse gut ab. Bestellen Sie nur Wasser in Flaschen mit Originalverschluss. Besonders gut aufpassen sollten Sie an Straßenständen mit landestypischen Gerichten und bei flüchtigen Bekanntschaften. Achten Sie peinlich auf Hygiene. Aids, Malaria und Geschlechtskrankheiten sind allgegenwärtig.“

Er fand sich damit ab, bei verriegelter Tür im Hotelzimmer zu bleiben. Am liebsten wäre er auf der Stelle abgereist, doch sein Flugticket war nicht umbuchbar. Eine ganze Woche in dieser Hölle, angepriesen von wundervollen Plakaten und einer verführerischen, betrügerischen Website!

Aus dem Spanischen von Thomas Brovot

Juan Goytisolo (1931–2017) war Schriftsteller und Journalist. Unter Franco konnte er teilweise nur im Ausland publizieren. Dieser Text erschien im August 2006 in LMd.

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