Nr. 13/2009 vom 26.03.2009

Alle fürs AKW?

Interview: Bettina Dyttrich, Foto: Ursula Häne

Felix Lang: «Ich glaube gefühlsmässig an Gott. Mein Bruder Jo nicht. Das ist für uns aber kein Problem.»

WOZ: Die Grünen fordern einen ökologischen Umbau der Wirtschaft. Was kann der Kanton Solothurn dazu beitragen?
Felix Lang: Was sich natürlich aufdrängt, ist der Kampf gegen ein neues AKW in Gösgen. Es steht dem ökologischen Umbau im Weg, denn solange wir von dort vermeintlich billigen Strom beziehen, ist die Motivation klein, andere Energiequellen zu erschliessen oder in Energiesparmassnahmen zu investieren.

Sie wohnen im Bezirk Gösgen. Ist das AKW ein Thema im Alltag?
Kaum. Die neuen Pläne der Nagra aber schon. Am Jurasüdfuss gibt es eine Zone, die geologisch für ein Endlager für schwach- und mittelradioaktive Abfälle geeignet sein soll. Für mich als Bauer ist es undenkbar, dreissig Jahre lang Milch und Fleisch zu produzieren, ohne zu wissen, wohin mit der Gülle. Wie können wir dreissig Jahre lang AKWs laufen lassen, ohne dass das Abfallproblem gelöst ist? Aber es lässt sich nicht lösen, kommende Generationen werden nichts mehr von AKWs haben – ausser den Müll.

Was denkt die Bevölkerung 
der Region über ein mögliches Endlager?
Die Mehrheit ist dagegen, denke ich. Mehrere Gemeindepräsidenten des Bezirks haben bekannt gegeben, sie seien für Gösgen 2, aber gegen das Endlager. Ich sehe das umgekehrt: Sobald der Ausstieg aus der Atomenergie beschlossen ist, können wir über Lager reden. Dann weiss man auch, wie viel Abfall anfällt. Und dann kann das Lager meinetwegen hier gebaut werden, falls es hier wirklich am sichersten ist.

Die Leute sind also gegen das Lager, aber für Gösgen 2?
Das gibt es oft, ja. Als 2003 zum letzten Mal über einen Atomausstieg abgestimmt wurde, warb der Rohrer Gemeindepräsident – mein Nachfolger  – zusammen mit anderen Gemeindepräsidenten gegen den Ausstieg. Wenig später sponserte das AKW Gösgen in Rohr die Neugestaltung des Buswendekreisels.

Sponsoring? Ist das üblich?
Ja, Gösgen zahlt immer wieder etwas in den umliegenden Gemeinden: einen Beitrag an die Strassensanierung, an einen Schulhausumbau, einen Musikanlass … Was mich bei der Diskussion am meisten ärgert, ist die Behauptung, ohne neue AKWs gebe es eine Stromlücke und würden Arbeitsplätze gefährdet. Das sind zwei nicht fertig gedachte, höchst wirtschaftsfeindliche Aussagen. Nachhaltige Arbeitsplätze im Energiesektor werden durch die AKWs verhindert, nicht geschaffen.

Sie verlassen bald Ihren Pachthof und treten eine Stelle auf dem Buechehof in Lostorf an, wo behinderte Erwachsene leben und arbeiten. Werden Sie dort weiterhin mit Kühen zu tun haben?
Ja. Aber die Menschen werden mehr in den Mittelpunkt rücken, die Betreuten, mit denen ich zusammenarbeiten werde. Der Hof muss allerdings funktionieren wie ein anderer auch. Man ist einfach zufriedener, wenn man eine sinnvolle Arbeit gemacht hat. Ich denke, das gilt für alle Menschen, behindert oder nicht.

Die Kühe freut es nicht unbedingt, wenn sie jeden Tag von anderen Leuten gemolken werden …
Das Melken wird wohl die Aufgabe von mir und dem Lehrling sein. Es gibt aber viele andere Arbeiten für die Betreuten: das Futter vorbereiten, die Krippen putzen, ausmisten …

Gibt es neben Landwirtschaft und Politik noch andere Themen, die Sie interessieren?
Ja, zum Beispiel Theologie. Meine Frau  und ich waren katholisch und sind über den Umweg einer Freikirche reformiert geworden. Rückblickend empfehle ich diesen Slalomkurs niemandem. Schlimm bis verheerend ist, wenn jemand den Anspruch auf Absolutismus erhebt – egal wo. Die Freikirchen haben zwar keine gesetzlichen Dogmen wie die Katholiken, aber der Gruppendruck ist enorm. Ich bin heute froh, habe ich diese Vergangenheit hinter mir. Und ich bin stolz, in einer Partei zu sein, bei der es echt kein Problem ist, ob man Christ, Moslem, Jude, Hindu oder auch Atheist ist.

Und Ihre Familie?
Wir liessen unsere Kinder selber entscheiden, ob sie konfirmiert werden wollen. Die beiden Söhne wollten nicht, die Tochter schon. So liess sie sich dafür noch taufen. Ich glaube gefühlsmässig an Gott. Mein Bruder Jo nicht. Das ist für uns beide aber überhaupt kein Problem. Beide können falsch oder richtig liegen. Es können aber auch beide recht haben.

Felix Lang (48) ist Biobauer in Rohr bei Olten, Vizepräsident der Grünen des Kantons Solothurn und wurde am 8. März 2009 in den Solothurner Kantonsrat gewählt.

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