Nr. 17/2009 vom 23.04.2009

Der Krieg findet im Saal statt

Das gross angelegte Happening vom 25. April 1969 im Zürcher Volkshaus, an dem Dieter Meier, Amon Düül, Pjotr Kraska - der spätere König der Schwarzfahrer - und andere beteiligt waren, wuchs sich zu einem handfesten Skandal aus.

Von Christoph Wagner

Eine Tournee, die einen Titel trug, war damals ein Novum: «Underground Explosion» hiess die Avantgardeshow, die im Frühjahr 1969 in Deutschland auf Tournee ging, um am 25. April 1969 auch in Zürich Station zu machen. Das sechsstündige Totalbombardement der Sinne präsentierte die neusten Tendenzen der brodelnden Untergrundszene. «Underground Music, Underground Film, Underground Lightshow, Underground Action, Underground Theater» stand auf dem Plakat, das die Silhouette einer kauernden, schreienden Frauengestalt mit Vaginaschlitz zeigte.

Provokation als Konzept

Die subkulturelle Multimediaveranstaltung verstand sich als Totalangriff auf das traditionelle Kunstverständnis, weil hier die avanciertesten KünstlerInnen verschiedener Kunstsparten auftraten: die neuen Rockgruppen Amon Düül 2 und Guru Guru Groove, Paul und Limpe Fuchs alias Anima mit experimenteller Urschreimusik, die PerformancekünstlerInnen Valie Export und Peter Weibel und das Wath-Toll-Theater von Pjotr Kraska. Dazu wurden abstrakte Filme auf eine Grossleinwand projiziert.

Selbst für die wilden sechziger Jahre wurde das Ereignis zum Fanal. «In der ‹Underground Explosion› kulminierten verschiedene Zeitströmungen: die Studentenrevolte, die Poprevolte und die Avantgarde-Kultur», ordnet Peter Weibel das Ereignis heute historisch ein. Weibel war damals einer der auftretenden Performancekünstler und Oberprovokateur. Heute residiert der renommierte Ausstellungskurator als Leiter des Zentrums für Kunst und Medientechnologie (ZKM) in Karlsruhe hinter einem grossen Schreibtisch.

Karlheinz Hein aus München und der Zürcher Dieter Meier hatten das Extremprogramm zusammengestellt. Die beiden waren alles andere als unbeschriebene Blätter. Meier hatte in Zürich als Konzeptkünstler für Aufsehen gesorgt, während Hein in der experimentellen Filmszene aktiv war. Die Besetzungsliste der «Underground Explosion» las sich wie ein Who’s who der notorischen Kunstprovokateure, Rockrebellinnen und Unruhestifter. Ein Hauch von Skandal lag in der Luft. Misstrauisch beäugten die Behörden die Aktivitäten. In Zürich wurde das Tourneeplakat als «obszön» eingestuft. Die Plakatierungsfirma weigerte sich, es zu plakatieren. «Da haben wir das Plakat selbst geklebt - wild», erzählt Hein. «Ganz Zürich war voll davon.»

Programmierter Skandal

Der Startschuss fiel in München. Schon im Vorfeld war ein Schreiben der Behörden eingegangen, das die Beteiligten ermahnte, «ausreichende Bekleidung» zu tragen: «So muss insbesondere die Schamgegend und das Gesäss, bei Frauen auch die Brust, bedeckt sein.» Der Ordnungsdienst des Zirkus-Krone-Baus wurde von 10 auf 22 Mann aufgestockt. Das Interesse war enorm. In Erwartung eines Skandals waren über 200 Presseleute gekommen und Tausende von BesucherInnen. Sie wurden nicht enttäuscht.

Die zweite Station war am 25. April das Zürcher Volkshaus. «Schon der Anfang war in tiefe Dunkelheit getaucht», beschrieb die Presse die Szenerie. «Eine halbe Stunde lang erschütterte die Musik-Kommune Amon Düül 2 mit einer barbarischen Perkussions-Orgie das finstere Haus, dann wurden die Töne friedlicher, und mild entspannt liessen die Musiker von ihren Instrumenten ab.»

Das weitere Programm bestand aus einer wilden Abfolge von Klängen, Aktionen und Lichteffekten. Collagenhaft vermischten sich schrille Rocksounds, theatralische Bewegungen, Rezitationen, Publikumsbeschimpfungen und wild zuckende Lichteffekte.

Auftritt der Kraska-Sippe

Während des Auftritts der Schweizer Band Guru Guru Groove entstand plötzlich Unruhe im Publikum. Das Wath-Toll-Theater, angeführt von Pjotr Kraska, hatte mit seinen Aktionen begonnen. «Mit tierischen Schreien trat die Kraska-Sippe an, attackierte sich in Kampfballetten und ekstatischen Blocksberg-Umarmungen», protokollierte ein Zeitungsreporter. Auch Peter Weibel erinnert sich: «Sie haben halluzinogene Erfahrungen dargestellt, psychiatrische Störungen - alles, was die sechziger Jahre bewegt hat. Antipsychiatrie, Befreiung des Körpers, Befreiung der Sinne, Antipolitik, sexuelle Revolution, antibürgerlich, antifaschistisch, antiautoritär. Das war die Abschaffung des Sprechtheaters, das war körperliches Bewegungstheater - ein Gipfel des Avantgardetheaters.»

Zwischendurch wurden kurze Filme auf eine riesige durchsichtige Plastikleinwand projiziert. «Alsbald trat ein Mädchen ans Mikrofon, das am Leib nur schwarze Schminke trug. Es stiess spitze Schreie aus, verfiel in Stöhngesang und Dada-Rezitative», notierte ein Berichterstatter über den weiteren Verlauf. «Limpe Fuchs, die Sängerin, kann am Schlagzeug, das sie am Konservatorium studiert, nur trommeln, wenn sie oben frei ist. Paul Fuchs pustet dazu in eine selbstgeschweisste Tuba und verstärkt den Strahl, indem er ihn in eine Milchkanne richtet.»

Publikumsbeschimpfung

Das Wiener Aktionskünstlerpaar Valie Export und Peter Weibel setzte noch eins drauf und trieb die Radikalität auf die Spitze. Bereits beim Betreten des Saals wurden die Zuhörer von Valie Export mit einem Blechkasten vor der Brust erwartet - dem «Tapp- und Tastkino». Durch die Öffnung an der Vorderseite, die mit einem kleinen Vorhang verhängt war, durften BewerberInnen aus dem Publikum zehn Sekunden mit beiden Händen hineinfassen. «Es lohnt sich», meinte ein Teilnehmer. Die Vorgänge kommentierte Weibel über Megafon mit obszönem Geschrei, einem Mischmasch aus Verrücktensprache, Vulgärsprache und Pseudowissenschaftssprache.

Weibel und Export traten später noch einmal in Aktion. Nun wurde das Publikum von einer Kanzel auf der Bühne herab, die von Stacheldrahtballen umgeben war, beschimpft - im Duktus von Goebbels und Hitler. Dann deutete Valie Export in der Interaktion mit Weibel eine Fellatio an, woraufhin Weibel anfing, die Stacheldrahtballen ins Publikum zu schleudern, während Export mit einer Peitsche auf die Zuschauerinnen eindrosch (Motto: «Der Krieg findet im Saal statt» als Gegenposition zu «Die Kunst findet im Saal statt»). Das war keine Simulation, sondern blutiger Ernst - fühlbarer Vietnamkriegsprotest. «Wir schlagen Staatsbürger zu Menschen zusammen», brüllte Weibel dazu ins Mikrofon. Weibel und Export ging es um die ganz reale sinnliche Erfahrung von Krieg und Gewalt, nicht um deren Simulation. So die Theorie.

Im Publikum brach Panik aus. Die Bühne wurde von wutentbrannten BesucherInnen gestürmt, die Weibel mit einem selbstkonstruierten Wasserwerfer unter Beschuss nahm. Als das Ganze zur Saalschlacht zu eskalieren drohte, wollten Weibel und Export Reissaus nehmen, allerdings waren die Bühnenausgänge bereits von Polizisten versperrt. «Rechts und links Polizei, vor uns das Publikum - wir waren umzingelt», erinnert sich Weibel. «Ich hab’ gedacht: ‹Jetzt ist es vorbei!› Ich wusste: ‹Wenn ich hier den offenen Kampf führe, verliere ich - keine Frage.› Meine einzige Chance bestand darin, keine Angst zu zeigen und meinen Feinden zu signalisieren: ‹Wenn ihr mich anrührt, verliert ihr!› Also habe ich ihnen kühl den Rücken zugedreht, gelassen meine Unterhose angezogen, ein Handtuch umgehängt, sodass keiner auf die Idee kam, ich wollte fliehen. Ich bin dann mit Valie Export auf die Leute zumarschiert. Die waren verdutzt und haben wohl gedacht: ‹Jetzt kommt noch eine viel schlimmere Aktion. Was führt der im Schilde?› So haben wir dann das Publikum durchschritten. Kaum waren wir draussen, sind wir ins Auto gesprungen und halbnackt durch Schnee und Nebel über die Grenze nach Österreich gefahren. Es war drei Uhr früh, als wir hinter der Grenze das erste Mal anhielten.»

Für die Veranstalter Karlheinz Hein und Dieter Meier war damit der Vorhang noch nicht gefallen. Die Staatsanwaltschaft ermittelte, doch das Verfahren verlief im Sand. «Die Tournee war ein Riesenerfolg, extrem populär, obwohl die Inhalte für heutige Verhältnisse unvorstellbar radikal waren», zieht Weibel Bilanz. «Die Jugendrevolte hat eine Öffnung gebracht, die solche extremen Formen möglich machte. Ein Zeitfenster, das nur kurz bestand.» Inzwischen ist sich Weibel allerdings über die Folgen der Tabubrüche nicht mehr so sicher. «Wenn man sieht, dass ähnliche Aktionen heute als Reality-TV zur besten Sendezeit im Fernsehen laufen, stimmt das doch eher nachdenklich.»

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