Nr. 28/2009 vom 09.07.2009

Ohne Helm, ohne Flügeli

Wieso sich Berns Surfer fühlen, als lebten sie in Sydney. Wie einer auszieht, um die Sportart weltweit zu vermarkten. Und warum das in der Heimat nicht nur auf Gegenliebe stösst.

Von Dinu Gautier

Am Ufer räkelt sich ein halbes Dutzend Surfer in der Sonne. Auf einem kleinen Grill brutzeln Würste vor sich hin, an einem Bügel hängt ein Neoprenanzug, den bei über zwanzig Grad Wassertemperatur heute niemand brauchen wird. Am Boden liegen zwei Surfbretter, beschmiert mit Surfwachs, das – von der Hitze halb flüssig geworden – nach süssem Kaugummi riecht. Hawaii? Bali? Bondi Beach in Sydney? Weit gefehlt. Wir befinden uns in Bern, in einem kleinen Pärklein im Altenbergquartier gleich unter der Kornhausbrücke, nur 250 Meter Luftlinie entfernt vom zentralen Wahrzeichen der Altstadt, dem Zytgloggeturm.

Oben auf der Brücke haben sich Schaulustige und TouristInnen versammelt. Alle starren sie auf die Aare herunter, wo Reto Schor auf seinem Surfbrett mit geschätzten fünfzig Stundenkilometern die Aare hinaufrast. Einige fragen sich bestimmt, wo sich das ihn ziehende Boot versteckt ...

Doch auch von hier unten ist kein Boot auszumachen. Dafür ein Seil, das an einem Steg befestigt ist. Genauer gesagt: ein Gummiseil, wie es normalerweise beim Bungeejumpen gebraucht wird. Am Bungeeseil befestigt ist ein etwa fünfzig Meter langes Kletterseil, an dessen Ende wiederum ein Trapez hängt (vgl. «Wie funktioniert Bungeesurfen?» weiter unten).

Reto Schor hat sich inzwischen ins Wasser fallen lassen, die Strömung treibt ihn mitsamt seinem Brett flussabwärts, raus aus dem Blickfeld.

Pirouetten auf der Aare

Seit sechs Jahren betreibt Reto Schor den Sport, im Sommer praktisch jeden Tag. «Seit wir eine Stelle entdeckt haben, wo die Strömung auch im Winter zum Surfen ausreicht, fahren wir sogar im Januar», sagt der 26-Jährige mit dem krausen Haar und den hinters Ohr tätowierten Schneekristallen. Schor ist der Lokalmatador. Auf dem Fluss dreht er Pirouetten, springt in die Luft, wobei das Brett an seinen Füssen zu kleben scheint (SkateboarderInnen nennen das einen Ollie), oder er fährt so enge Kurven, dass die Insassen vorbeitreibender Gummiboote nass gespritzt werden. Sie nehmen es meist mit Humor.

Schor versucht seine Faszination für die Sportart in Worte zu fassen: «Der Aufwand ist sehr gering, die Kosten tief, der Spassfaktor sehr hoch.» Es gehe ihm aber nicht nur ums Fahren, sondern um den «Surfer-Lifestyle», den er hier finde, ohne weit weg fliegen zu müssen. «Wichtig ist das Zusammensein mit Freunden an einem Treffpunkt, an dem du auch ständig neue Bekanntschaften machst. Sei es mit Anwohnern oder mit Leuten aus aller Welt.»

Er sagts, und kurz darauf fragen zwei Südafrikaner, ob sie auch mal probieren dürfen. Sie dürfen. Schon bald steht einer von ihnen auf dem Brett, er ist offenbar kein Anfänger.

«Anfänger brauchen meistens zwei bis drei Stunden, bis sie es schaffen, aufzustehen», sagt Reto Schor. «Aaresurfen verlangt etwas Hartnäckigkeit.» Ist die Gruppe als Verein organisiert? «Nein», sagt Christian Knorr, ein weiterer Surfer: «Wir gehen einfach raus, wenn die Sonne da ist, und springen ins Wasser.»

Mündlich überliefert ist, dass in Bern bereits 1921 an einem Stahlseil und mit einem Holzbrett Versuche unternommen wurden, den Fluss individuell zu befahren. Daraus hat sich offenbar das über Jahrzehnte hinweg beliebte «Wellenbretteln» entwickelt (das so heisst, obwohl keine Wellen im Spiel waren). Dabei war ein hölzernes Brett direkt am Seil befestigt, was zwar die Muskelkraft der FahrerInnen schonte, jedoch ein grosses Sicherheitsrisiko mit sich brachte: Mehrere Personen starben, weil sie sich im Seil verwickelten und in der Strömung ertranken. Zeitweise war Wellenbretteln deswegen im Kanton Bern verboten. Der Schritt zur heutigen Form war dann ein doppelter: einerseits die Umstellung auf Surfbretter, wie sie auch beim Wellenreiten gebraucht werden, andererseits der Einsatz von Bungeeseilen statt der nur wenig dehnbaren Kletterseile. Beide Innovationsschritte, so viel ist unumstritten, sind in den neunziger Jahren an der Aare vollzogen worden. An welchem «Surfspot» das genau geschah, ist hingegen Gegenstand von lebhaften Diskussionen.

Klar ist: «Aaresurfen» hat als Bezeichnung ausgedient, da mittlerweile auch auf anderen Flüssen gesurft wird, etwa auf der Limmat in Zürich oder auf dem Rhein bei Zurzach. Zumindest mitverantwortlich für die Ausbreitung der Sportart ist ein Mann namens Jan Gyger, der das Ganze seit 2004 zu vermarkten versucht – unter der Bezeichnung «Bungeesurfen». Diese Vermarktung kommt am Aareufer nicht nur gut an.

Ein Messer für den Notfall

Vergangenes Wochenende in Murten an einem Wakeboard-Festival: Der 32-jährige Jan Gyger hat einen Stand aufgebaut, an welchem er unter anderem Bungeeseile für den Gebrauch im Fluss (ab 950 Franken) und speziell fürs Bungeesurfen optimierte Bretter verkauft (ab 700 Franken). Herstellen lässt er die Seile in Italien, die Bretter in Taiwan. «Feel the Planet», heisst die Marke, diesen Frühling hat er sie international schützen lassen und eine Firma gegründet. «Mein Ziel ist die Verbreitung des Sports, sodass möglichst viele Leute dieses geile Gefühl erleben können», sagt Gyger. Und was macht dieses Gefühl aus? «Da ist die Beschleunigung auf dem Wasser, die der eines Formel-1-Autos in nichts nachsteht, aber statt auf Motorenkraft auf reiner Naturkraft beruht. Und im nächsten Moment hast du die absolute Ruhe wenn du dich zurück den Fluss runtertreiben lässt.» Bisher hat Gyger nach eigenen Angaben etwa dreissig Bungeesurfseile verkauft. Von seinem Geschäft alleine kann er noch nicht leben. «Aber der Durchbruch ist nahe», glaubt der Mann mit der Irokesenfrisur. Bis es so weit ist, bessert er die Familienkasse mit Temporärarbeit auf Baustellen auf.

Ein Bildschirm an Gygers Stand zeigt ihn beim Bungeesurfen. Im Gegensatz zu den Surfern im Berner Altenberg trägt er einen Helm und Rückenpanzer – Accessoires, die er ebenfalls verkauft. «Bungeesurfen ist im Gegensatz zum früheren Wellenbretteln kaum gefährlich», sagt Gyger dennoch. Zwar habe es vor einigen Jahren einen Todesfall gegeben, der Betroffene sei aber alleine surfen gegangen. «Die wichtigste Sicherheitsregel lautet: Nie alleine surfen! Beim Klettern oder beim Tauchen hat man ja auch immer jemanden dabei. Und man braucht ein Messer, um im Notfall das Seil zu kappen.»

Dass die Vermarktung des Sports in der Szene nicht nur gut ankommt, ist Gyger bewusst: «Viele Leute glauben, der Sport sollte nicht verbreitet werden, aus Angst, dass dann Verbote kommen oder dass andere Leute an ihren Plätzen ihr Seil bereits aufgehängt haben könnten. Letzteres kann mittlerweile tatsächlich vorkommen.»

Schwierigkeiten mit Behörden will Gyger mit der Schaffung eines Verbandes zuvorkommen: «Als Verband hast du mehr Macht. Du kannst den Behörden sagen, dass das Jugendförderung ist, dass du die Kids von der Strasse wegholst, dass die dann bungeesurfen, statt Botellónes zu veranstalten.»

Hauptzweck der Swiss Bungeesurfing Association seien aber Wettkämpfe. Im August organisiert sie die ersten Schweizer Meisterschaften. «Über einen Verband und über Vereine kann man sich besser zusammentun. Und gemeinsam machts mehr Spass», ist Gyger überzeugt. Zu einer Sitzung hat er Gruppen aus der halben Schweiz eingeladen. «Dabei geht es aber nicht darum, zu sagen, man darf ab sofort nur noch so oder so fahren.» Und wer nicht mitmachen wolle, der müsse ja auch nicht.

Bungeesurfen werde eine Randsportart bleiben und «nicht wöchentlich im Sportpanorama des Schweizer Fernsehens gezeigt oder gar zur olympischen Disziplin erkoren werden.» Allerdings kann sich Jan Gyger vorstellen, dass in ein paar Jahren auch internationale Wettkämpfe gefahren werden, dass sich Freestyle-Kleiderfirmen für die Sportart zu interessieren beginnen und dass der eine oder andere Fahrer Profi werden könnte. «Ein Reto Schor könnte sich dann einen kleinen Bus mieten und die hintersten Flüsse in Europa befahren.»

Schlafende Drachen?

Zurück im Altenberg an der Aare: Christian Knorr zieht zwar seinen Hut vor Jan Gyger, weil der seinen Traum zum Beruf machen wolle, befürchtet aber, mit der Gründung von Verband und Vereinen drohe alles bürokratisch zu werden. «Plötzlich heisst es dann: Schwimmflügeli tragen! Helme aufsetzen!» Zudem bestehe die Gefahr, dass «schlafende Drachen» geweckt würden.

Mit den schlafenden Drachen sind die Behörden gemeint. Hat es denn schon Probleme mit denen gegeben? Reto Schor: «Eigentlich nicht. Ausser als wir beim Hochwasser 2005 ans Seil wollten, da hat die Feuerwehr interveniert. Rückblickend auch zu Recht.» Zwei Wochen habe er wegen einer Fäkalienvergiftung im Bett verbracht, weil er es damals trotz der Warnung der Feuerwehr nicht habe lassen können. Schor sagts, schnappt sich ein Brett und paddelt wieder Richtung Flussmitte davon.

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