Nr. 28/2009 vom 09.07.2009

Chronistin der Namenlosen

Von Ralf Leonhard

Es gibt Menschen, die haben die Gewohnheit, die Zeitung von hinten nach vorne zu lesen. Und vielleicht sollte man auch den Fotoband «Der Traum von Solentiname» von hinten lesen und dort beginnen, wo der gealterte Daniel Ortega, Präsident von Nicaragua, gemeinsam mit seinem venezolanischen Kollegen Hugo Chávez und Manuel Zelaya, dem kürzlich abgesetzten Präsidenten von Honduras, bei der Feier des 28. Revolutionsjubiläums in die Menge winkt. Mit der Rückkehr Ortegas an die Macht im Jahre 2007 schliesst sich ein Zyklus, der mit dem Sturz der nicaraguanischen Somoza-Diktatur 1979 begonnen und den Olivia Heussler mit ihrer Kamera ab 1984 begleitet hat.

Das, was vor dreissig Jahren als Volksrevolution begann, ist heute eine Inszenierung revolutionären Pathos vor einer zunehmend entfremdeten Bevölkerung. Über die Fotoseiten begegnen uns viele, die nicht mehr leben, und jene, die inzwischen politisch in Ungnade gefallen sind, wie die Comandante Dora María Téllez oder der Schriftsteller Sergio Ramírez, der in seinem Vorwort das «wachsame Auge» der «unermüdlichen Fotografin» würdigt.

Es sind nicht in erster Linie die grossen Spektakel, die Auftritte der Comandantes oder die historischen Augenblicke, auch nicht die grossen Gesten und berühmten Gesichter, die Heussler festhielt: Der Zürcher Fotografin gelingt es, über die namenlosen Menschen im Alltag Geschichte zu dokumentieren. Oberflächlich betrachtet hat sich im Leben der Menschen wenig verändert. Der Familie, die 1985 unter der unbarmherzigen Sonne von Chinandega ihren Wasserkanister über die Strasse rollt, geht es genauso elend wie den Kindern, die 1994 Abfälle sammeln und mit der Steinschleuder auf die Jagd nach Leguanen für den Suppentopf gehen. Der betrunkene Reiter vor der Kathedrale von Estelí 2007 bezeugt, dass die Wochenenden der Männer nach wie vor von Alkohol und Flucht aus den überbevölkerten Häusern bestimmt werden. Die tanzenden Frauen in Jinotega dokumentieren, dass Männer auch entbehrlich sind, wenn es ums Vergnügen geht. Dieses weibliche Selbstbewusstsein ist vielleicht eine der wenigen bleibenden Errungenschaften der Revolution. Die Erfahrungen im Krieg des von Heussler tagelang begleiteten Frauenbataillons «Verónica Lacayo» mögen da eine Rolle gespielt haben.

Der Band erhebt nicht den Anspruch, die lückenlose Chronik eines Vierteljahrhunderts vorzulegen, und er verzichtet auch auf den moralischen Zeigefinger. Den überfetteten Brüdern im Miami-Look mit Markenkleidung und Armeehaarschnitt werden nicht schlecht ernährte Kinder in abgerissenen Hemden gegenübergestellt. Der überladene Weihnachtsbaum im Einkaufszentrum ist auch allein grotesk genug. Er bedarf nicht des Kontrasts einer armseligen Bauernstube.

Olivia Heussler hat auch die Contras, die unbestrittenen Bösewichte in der jüngeren Geschichte Nicaraguas, nicht als blutrünstige Monster dargestellt. Es reichen die Gräber von Gefallenen, ein aufgebahrter Soldat und die Hühnerkadaver, die nach einem Contra-Überfall in Yale zurückblieben, um das Grauen der steten Todesgefahr zu illustrieren. Kalte Tortillas, verbeultes Kochgeschirr und Pin-ups im Lager der Contras zeigen eine genauso triste wie menschliche Seite des kriegerischen Alltags. Heusslers Objektiv ist nicht objektiv, es ist parteiisch zugunsten der Namenlosen, denen es ein Gesicht und Würde verleiht.

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