Nr. 29/2009 vom 16.07.2009

Down Under

Von Pit Wuhrer

Ellen Destry hat ein Problem. Ihr Chef Hal Challis, Leiter der Kriminalabteilung von Mornington, ist in den australischen Norden gefahren, um eine Privatangelegenheit zu regeln, und jetzt wohnt sie nicht nur in dessen Haus – sie muss sich auch noch mit kleinen Mafiosi, einem unfähigen Direktor, korrupten Kollegen und einem Pädophilenring herumschlagen. Und das in einer durchweg mittelmässigen Gesellschaft, in der es «keine grossen und zumeist enttäuschten Erwartungen» gibt, dafür aber jede Menge Sorgen und eine konservative Haltung: «Wir bewundern Fussballer, die Frauen vergewaltigen, besitzen Fernseher mit Plasmabildschirmen, die wir uns nicht leisten können, werden fett und stimmen dafür, Fremde nicht ins Land zu lassen», räsoniert sie.

Challis wiederum, der beim Besuch seiner Familie unversehens in einen alten Mordfall verwickelt wird, erkennt bei so manchem Verdächtigen den australischen Nationalcharakter, «also eben nicht eine hohe feine Gesinnung und den Gleichheitsgrundsatz, sondern Arschkriecherei bei Männern, die auf eine Privatschule gegangen waren, Football spielen konnten oder Milliardäre geworden waren, weil man ihnen ermöglicht hatte, die Steuern zu umgehen.»

Garry Disher skizziert in «Beweiskette» ein Australien, das so gar nicht zu den gängigen Klischees von «Down Under» passt: Er schildert den Dünkel in der Klassengesellschaft, die Enge in vielen Köpfen, die Auswirkungen einer neoliberal gestrickten Gesellschaft. Er tut das ohne erhobenen Zeigefinger; ein paar Hinweise, Dialoge genügen. Der Rest ist Spannung. Dishers vierter Inspektor-Challis-Krimi überzeugt durch seine Perspektivenwechsel, durch die schonungslos nüchterne Darstellung der Gewalt von oben und von unten und genaue Beobachtung. Nur seine Hauptfiguren kommen etwas allzu sympathisch daher. Aber erstens ist «Beweiskette» ein Kriminalroman: Der Widerstreit gesellschaftlich-moralischer Werte ist eine Grundkonstante dieses Genres. Und zweitens gibt es auch im australischen Alltag viele kleine und grosse HeldInnen.

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