Nr. 33/2009 vom 13.08.2009

Seid ihr Tierli-TerroristInnen?

Die WOZ im Gespräch mit radikalen Schweizer TierrechtsaktivistInnen: Was sie von den Anschlägen auf Daniel Vasella halten, warum sie gegen Tierschutz sind und weshalb sie sich in anarchistischer Tradition sehen.

Von Dinu Gautier

Über die radikale Tierrechtsszene sind seit den Anschlägen auf Novartis-Chef Daniel Vasella am 3. August Dutzende Artikel erschienen. Zu Wort kamen unter anderen: Vasella selbst, ein Novartis-Pressesprecher, der Arbeitgeberpräsident, die Tierversuchsfirma Huntingdon Life Sciences, der Chef des Inlandgeheimdienstes, verschiedene Polizeisprecher, etablierte Tierschutzorganisationen, ein Bundesrat, diverse PolitikerInnen, ein Terrorismusexperte, ein Ethiksachverständiger. Mit Ausnahme eines Kurzinterviews in der Gratiszeitung «20 Minuten» jedoch keine radikalen TierrechtsaktivistInnen.

Die WOZ hat mit fünf von ihnen gesprochen. Sie alle haben schon an Aktionen der Kampagne «Stop Huntingdon Animal Cruelty» (Shac) teilgenommen, die der Anschläge auf Vasellas Familiengrab und auf sein Jagdhaus in Österreich verdächtigt wird. Sie alle sind VeganerInnen, und sie alle haben versucht, dem «fleischfressenden» Reporter ihre Weltanschauung näherzubringen.

Das erste Treffen findet in einem alternativen Restaurant in einer Deutschschweizer Stadt statt. Die Studentinnen Lisa und Monika möchten angesichts der derzeitigen «medialen Hetze» nicht erkannt werden. Auch ihr Wohnort soll nicht in der Zeitung stehen. «Wir selber sind zwar nur legal aktiv, trotzdem könnte an uns ein Exempel statuiert werden», so die 23-jährige Monika. Das könne man im Ausland beobachten, etwa in England oder Österreich, wo aus Tierrechtsbewegungen plötzlich kriminelle oder terroristische Organisationen konstruiert würden. Plötzlich reiche es dann, eine Website zu betreiben, um für mehrere Jahre ins Gefängnis zu wandern. Bei zu terroristischen Organisationen erklärten Gruppen wird nämlich bereits die Mitgliedschaft an sich hart bestraft. Bereits fordern die Pharmaindustrie und einzelne Politiker in der Schweiz, dass militante Tierrechtsgruppen auf die Liste der terroristischen Organisationen gesetzt werden.

Selbstverteidigung ist legitim

Als Veganerinnen konsumieren Lisa und Monika keine tierischen Produkte und keine Produkte, die an Tieren getestet worden sind. Das Halten von Tieren, etwa von Milchkühen, bezeichnen sie als Sklaverei, das Schlachten von Tieren als Mord. «Auch ohne Tierprodukte kann man gut leben», sagt Monika. «Es ist weniger aufwendig, als man denkt. Ich lebe seit vier Jahren vegan, ohne dass ich etwas vermissen würde.»

Lisa (23): «Ich bin Anarchistin, habe früher 1.-Mai- und Anti-Wef-Demos mitorganisiert.» Sie interpretiert das anarchistische Prinzip der Herrschaftsfreiheit radikal, das heisst, es soll nicht nur für Menschen untereinander gelten. «Neben Antirassismus, Antifaschismus oder Antisexismus betonen wir den Antispeziesismus, also die Ablehnung der Herrschaft des Menschen über das Tier», so Monika. Der Unterschied zwischen Mensch und Tier sei konstruiert, das Säugetier Mensch legitimiere so die Ausbeutung anderer Spezies.

Den beiden ist ihre radikale Einstellung nicht anzusehen, keine Aufnäher am Ärmel, keine schwarzen Kapuzenpullis – sie entsprechen optisch nicht den verbreiteten Klischees. Ihre Antworten und Argumente kommen rasch, manchmal bevor man die Frage zu Ende formuliert hat. Man merkt, dass sie sich und gegenüber ihrem Umfeld im Alltag wie auch als Aktivistinnen auf der Strasse oft erklären müssen. «Es ist kein Fall von Ausbeutung, sondern von Selbstverteidigung der Menschen, also legitim», antwortet Lisa etwa auf die Frage, ob sie auch die Bekämpfung von Malaria und das damit verbundene Töten von Mücken ablehne.

Lisa und Monika bezeichnen sich als Tierrechtlerinnen. «Ja nicht mit Tierschützerinnen verwechseln», wirft Monika ein. «Tierschützer wollen, dass die Ausbeutung der Tiere schöner aussieht. Sie sind Teil des Problems, ein Feigenblatt.» Lisa: «Tierschützer sind für grössere Käfige. Wir sind gegen Käfige.»

Die beiden betonen ihre Solidarität mit «herkömmlichen emanzipatorischen Kämpfen», bewegen sich aber am liebsten im kleinen, vegan lebenden Teil der autonomen Szene. «Wir sind nicht eine eigentliche Gruppe, sondern ein paar Freunde, die etwa regelmässig zusammen kochen.» Ab und zu, nach Lust und Laune, werden sie auch aktiv, führen Strassentheater gegen Tierversuche in der Innenstadt auf oder verteilen Flugblätter gegen Tierversuche vor Novartis-Niederlassungen.

Die abgebrannte Jagdhütte

Novartis? Sind die beiden Teil der englischen Tierrechtsgruppe Shac? Lisa: «Shac ist keine Gruppe, sondern eine Kampagne, die von einer heterogenen Bewegung getragen wird.» Jeder könne im Rahmen dieser Kampagne völlig autonom Aktionen organisieren, sagt Monika. «Die Medien suggerieren, dass das alles zentral organisiert werde, inklusive der militanten Aktionen.» Nun werde die ganze Bewegung in einen Topf geworfen und kollektiv des Terrorismus bezichtigt.

«Wir distanzieren uns nicht von diesen Aktionen gegen Vasella», sagt Lisa. Man könne andere Aktionsformen respektieren, auch wenn man diese selber nicht anwende – solange gewisse Grundprinzipien eingehalten würden. Welche Grundprinzipien? «Lebewesen dürfen nie an Leib und Leben gefährdet werden, Sachbeschädigungen hingegen sind legitim.» Im Fall von Vasellas Jagdhaus sogar sehr erwünscht: «Eine abgebrannte Jagdhütte bedeutet weniger Jagd und somit weniger ermordete Wildtiere.» Das sei ein gutes Beispiel für eine direkte Aktion.

Der Frage, was ausgegrabene Urnen mit direkter Aktion zu tun hätten, weichen die beiden aus. Ist das nicht schlicht und einfach menschenverachtender Psychoterror? Sie verweisen auf die Tausenden von Tieren, die täglich unnötigerweise bei Tierversuchen sterben würden. Im Vergleich dazu sei das «Ausgraben eines Metallbehälters aus dem Boden objektiv gesehen ein Klacks», so Monika.

Und Morddrohungen? «Das geht nicht. Wer mit Mord droht, zeigt seinerseits keinen Respekt vor anderem Leben, ein Widerspruch.»

Was Aktionsformen angehe, so könne man es aus der Sicht der Gesellschaft eh nur schlecht machen. «Wenn du legale Aktionen machst wie wir, dann wirst du ignoriert – wenn Illegales passiert, dann wird gehetzt.»

Ob sie eine Ahnung haben, wer hinter den Anschlägen stecken könnte? «Nein, keinen Schimmer. Und ich möchte es auch nicht wissen», sagt Monika.

«Gewalt ist nicht vegan»

In einer anderen Stadt kommt am Tag darauf ein Treffen mit drei weiteren TierrechtlerInnen zustande. Auch sie bezeichnen sich als AnarchistInnen. Esther, Mario und Till beteiligen sich regelmässig an der Kampagne «Aktion Zirkus ohne Tiere» (Azot), die seit 2006 läuft. Esther: «Wir legen das Augenmerk auf den Circus Knie, weil er als Nationalzirkus eine grosse Ausstrahlung hat und viele Tiere hält.» Auch hier: Es geht den AktivistInnen nicht um Tierschutz – Knie wird von Tierschutzverbänden als vorbildlich gelobt –, sondern darum, dass Tiere nicht mehr als Objekte, nicht mehr als Eigentum der Menschen angeschaut werden. «Und jedem Kind leuchtet ein, dass ein Elefant lieber durch die Savanne zieht, als auf Betonboden Kunststücke aufzuführen, mag er noch so gut ernährt werden», sagt Esther. Die Methoden der Kampagne? «Wir verteilen vor dem Zirkuszelt Flugblätter und beteiligen uns mehrmals jährlich an Demonstrationen», sagt der 22-jährige Till. Die bewilligten Demos seien zwar stets friedlich und würden auch nicht von direkten Aktionen begleitet, dennoch sei die Polizeipräsenz meistens massiv. Mario (27): «Wir haben schon Rayonverbote kassiert wegen des Verteilens von Flugblättern – wir würden weder religiöse noch politische Anliegen vertreten, so die Begründung der Polizei.»

Demonstrationen im Rahmen der Shac-Kampagne, an denen die drei teilgenommen haben, seien auch friedlich verlaufen. «Dafür waren sie laut, sogenannte Schreidemos – man muss ja auch wahrgenommen werden als kleine Demo von fünf bis dreissig Leuten.»

Waren an diesen Aktionen eingeflogene AusländerInnen oder gar extra angeheuerte StudentInnen dabei, wie einige Medien berichteten? «Das sind Falschmeldungen», so Mario. Die Grösse der schweizerischen Tierrechtsbewegung, so stellt sich nach reger Diskussion am Tisch heraus, sei schwierig zu bestimmen. «Vielleicht ein paar Hundert in der Schweiz?», fragt Esther. Neben den Anarcho-VeganerInnen gebe es auch aktivistische bürgerliche VeganerInnen. Manche TierrechtlerInnen seien untereinander vernetzt, andere kaum. Der Frauenanteil sei jedenfalls deutlich höher als in anderen emanzipatorischen Bewegungen, er übersteige die Fünfzigprozentmarke.

Im Gegensatz zu Lisa und Monika distanzieren sich die drei von den Anschlägen auf Daniel Vasella. Esther: «Gewalt ist nicht vegan – wenn jemandem Todesangst eingejagt wird, ist das eine klare Gewaltanwendung.» Ist da Mitleid rauszuhören? «Das wäre übertrieben.» Und sie könne auch nachvollziehen, wie es zu solchen Aktionen kommen könne, wenn man nie gehört werde, wenn die Ohnmacht überhandnehme und man nur noch in massiveren Mitteln einen Ausweg zu sehen glaube. Till: «Als Sozialrevolutionär kannst du nicht einfach eine Bank abfackeln und meinen, am nächsten Tag gebe es weniger Ausbeutung. Aber die Tierrechtsthematik eignet sich für direkte Aktionen. Schliesst ein Schlachthof, werden dort keine Tiere mehr geschlachtet.»

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