Nr. 37/2009 vom 10.09.2009

Eine Rotzgöre?

Interview: Alice Kohli, Foto: Ursula Häne

Anna Frey: «‹Lolita›, ‹süffiger, provokanter Rap› – ich weiss nicht, was ich mit ­solchen Beschreibungen anfangen soll.»

WOZ: Im April kam Ihre zweite CD raus: «Trotzdem». Können Sie schon eine Bilanz ziehen?
Anna Frey: Ich kenne die Verkaufszahlen nicht, aber sie hat sich bisher weniger gut verkauft als die erste CD.

Warum?
Um die erste CD gab es einen Medienhype. Obwohl ich damals mitten in meiner musikalischen Entwicklung stand. Auch in der persönlichen. Ich war recht überfordert mit dem Ganzen. Darum habe ich zu einem kleineren Label gewechselt.

War das ein Fehlentscheid?
Ich wollte gar nicht unbedingt, dass viel Promo gemacht wird. Dafür habe ich jetzt mein erstes, richtiges Album, bei dem ich alles entschieden habe: Ich habe mir dafür Leute ausgesucht, die ich verstehe, die ich kenne, zu denen ich ein Grundvertrauen habe. Es ist das Schönste passiert, was ich mir habe wünschen können. Ich habe mir meinen Freiraum zurückgeholt.

Ihre erste EP «Still Young» kam 2006 raus, damals waren Sie gerade neunzehn ...
... und ich fand es wahnsinnig anstrengend. Du willst etwas aussagen, und dann kommst du im «Blick» mit der Überschrift «Lolita-Rap». Ich konnte schlecht damit umgehen.

Was fiel Ihnen am schwersten?
Du wirst schnell in eine Ecke gedrängt. Aus den ganzen Feinheiten, die ich vermitteln wollte, blieb am Ende: Freche Rotzgöre, Lolita – «süffiger, provokanter Rap». Ich weiss nicht, was ich mit solchen Beschreibungen anfangen soll.

Wurden Sie damit selbst zu einem Teil der zuckersüssen Werbewelt, die Sie in Ihren Texten anprangern?
Die Leute wollen, dass du etwas darstellst. Ich wurde von Edelklubs angefragt, ob ich an einer Party erscheinen würde. Es geht überhaupt nicht mehr darum, was du machst, sondern nur darum, dass du eine neunzehnjährige Rapperin bist. Davon gibt es wenig, und es verkauft sich gut – mit dem entsprechenden Foto.

Gehen Sie heute anders mit den Medien um?
Ich glaube schon, dass man lernen muss, sich zu schützen. Jetzt, wo ich eine Band habe, kann ich mich zum Glück auch auf andere beziehen. Früher hätte ich manchmal nach einem Interview nur noch kotzen können, jetzt gehe ich mit den Jungs der Band ein Bier trinken und fluche. Den musikalischen Boden und Raum, den sie mir geben, kann ich auch auf den Umgang mit den Medien beziehen.

Dennoch lassen Sie auf der Bühne – wie Sie sagen – die Hosen runter. Ist Ihnen das nie schwergefallen?
Ich habe mit zwölf angefangen, Texte zu schreiben. Für mich war es die logische Folge, dass man mit Raptexten auch Konzerte macht. Ich habe mir damals nicht so viel überlegt. Im Gegenteil, ich war eigentlich sehr erstaunt, als ich gemerkt habe, dass die Leute schockiert oder provoziert waren. Für mich war es selbstverständlich, aufzutreten.

Haben Sie diese Selbstverständlichkeit Ihrem Elternhaus zu verdanken?
Mein Vater ist Schauspieler, meine Eltern waren Mitbegründer vom Zirkustheater Federlos. Bis ich zehn war, habe ich im Zirkus gelebt. Die Bühne war schon immer ein Teil meines Lebens.

Wie kamen Sie überhaupt zum Rap?
Angefangen zu rappen habe ich einfach so, im Zuge der ganzen Hip-Hop-Kultur. Ich kannte aber nur die paar wenigen Rapstücke, die in der Hitparade liefen. Eminem, Puff Daddy und so.

Und welche Rapper haben Sie am meisten inspiriert?
Später habe ich auch die ganzen alten Sachen gehört – Queen Latifah, Young MC, Salt ’n’ Pepa. Es waren aber die Rapper aus der Experimental-Rap-Ecke, die mir musikalisch eine neue Welt eröffnet haben: Josh Martinez, Buck 65, Sole, Sage Francis – und auch Schweizer wie Göldin und Bit-tuner.

Mit fünfzehn haben Sie auch Ihre ersten Konzerte gegeben ...
Ja, irgendwann kamen die ersten Konzerte im Dynamokeller, dann bei irgendwelchen Schulveranstaltungen. Am Bandwettbewerb Band-it habe ich auch mitgemacht.

Und gewonnen?
Zweiter Platz. Ich bekam eine elektrische Gitarre. Völlig absurd, damit konnte ich gar nichts anfangen. Sie stand zwei Jahre bei mir zu Hause rum, bis ich sie einem Kollegen verkauft habe, der Gitarre spielen wollte.

Würden Sie sich als Musikerin bezeichnen?
Nun ja, ich mache halt Rap. Wobei mir der Inhalt immer wichtiger war als die Form. Ich bin keine Musikerin in diesem Sinne. Flo Stoffner, Luca Ramella, Marton di Katz und Bit-tuner – die Jungs aus meiner Band – das sind die Musiker.

Anna Frey (22) hat letztes Jahr mit «Ach und Krach» die Maturprüfung am Kunstgymnasium Liceo Artistico bestanden und arbeitet zurzeit als Regieassistentin für die neue Theaterproduktion von Capri Connection in Basel.

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