Nr. 38/2009 vom 17.09.2009

Nervt die Frauenfrage?

Interview: Alice Kohli, Foto: Ursula Häne

Anna Frey: «Ich habe das Gefühl, wir sind alle überfordert mit dem ­Emanzipationszeug, mit dem Frauen- und Männerbild.»

WOZ: «Ich la mich nöd figge, usser ich will», rappen Sie auf Ihrer ersten CD. Sind Sie damit die Ausnahme, oder sind die Frauen Ihrer Generation tatsächlich so selbstbewusst?
Anna Frey: Ich glaube, es gibt schon mehr junge Frauen, die mit viel Selbstbewusstsein rumlaufen – auch was ihre Sexualität angeht. Aber das heisst nicht, dass alle Rollenbilder aufgehoben sind. Es ist nach wie vor so, dass eine Frau als Schlampe gilt, wenn sie mit vielen Typen ins Bett geht. Ein Mann, der mit genau gleich vielen Frauen ins Bett geht, ist dagegen der geile Typ. Das Bild von Jungfrau Maria und Nutte existiert nach wie vor.

Wie äussert sich dieses Bild?
Männer, die sich vordergründig emanzipiert geben, würden sich zum Beispiel genieren, ein Girl zu haben, das in Minirock und Stöckelschuhen rumläuft. Sonst gälten sie ja als primitiv. Dann haben sie eben ein Girl mit Militärhosen und Turnschuhen – aber holen sich trotzdem noch mit dem «Playboy» einen runter.

Eine Frau gilt also entweder als Jungfrau Maria oder als Nutte ... Kein gutes Zeugnis für die Frauenbewegung.
Ich habe das Gefühl, wir sind alle überfordert mit dem Emanzipationszeug, mit dem Frauen und Männerbild. Bei Frauen, die in der Öffentlichkeit stehen, wird nach wie vor viel mehr über ihr Äusseres geredet als bei Männern. Männer müssen sich extrem rechtfertigen, wenn sie nur halbtags arbeiten wollen, um mehr für ihre Kinder da zu sein. Frauen sind immer noch dumme Tussis, wenn sie sexy rumlaufen. Das geht durch alle Schichten und Szenen.

Nervt es, dass man als Künstlerin immer auf die Frauenfrage angesprochen wird?
Manchmal nervt es, aber ich finde es auch gut, wenn man über das redet. Weil es nach wie vor nötig ist.

Glauben Sie, Künstlerinnen sollten besonders gefördert werden?
Es kommt natürlich immer darauf an, wie. In den Achtzigern gab es ja viele Frauenräume und Frauentreffs. Aber davon haben viele zugemacht. Einer der wenigen, die es noch gibt, ist der Frauenraum in Bern. Dass all diese Räume geschlossen werden, wird damit begründet, die Nachfrage sei nicht mehr so gross. Ich weiss nicht, ob das wirklich stimmt. Tatsache ist, dass Frauen viel weniger schnell mit ihren Sachen an die Öffentlichkeit gehen als Männer. Oder vielleicht auch gar nie – aus Unsicherheit.

Was muss sich ändern?
Frauen sollten sich mehr trauen, sich hinzustellen und ihre eigene Ansicht zu verkünden, auch in männerdominierten Räumen. Dabei geht es nicht um Frauen oder Feminismus – sondern einfach um eine andere Sicht, ein anderes Empfinden. Frauen haben eine andere Wahrnehmung als Männer – Punkt. Und das ist eine Bereicherung für alle. Man soll nicht ums Verrecken eine Frau fördern – sondern in erster Linie einfach gutes Zeug.

In Ihrer Band spielen ausschliesslich Männer …
Ich will ja in erster Linie mit guten Leuten zusammenarbeiten. Es hat sich so ergeben, dass das immer Männer waren. Das finde ich auch super, ich arbeite ja auch mit intelligenten Männern zusammen.

Hatten Sie nie das Bedürfnis, mit Frauen zusammenzuarbeiten?
Doch, dieses Bedürfnis habe ich schon manchmal. Aber den Frauen steht ihr unglaublich überdimensionales Frauenego etwas im Weg. Das finde ich selbst etwas komisch. Warum gibt es so viele Männergruppen, die etwas Funktionierendes auf die Beine stellen – und so wenig Frauengruppen? Diese Frage stellen sich viele Frauen. Vielleicht ist die Männersolidarität höher als die Solidarität unter Frauen.

Ist das nicht ein Märchen, das mit den Zickenkriegen?
Ich weiss nicht. Solange es wenige Frauen gibt, die rappen oder sonst auf der Bühne stehen, bist du eben oft die einzige Frau zwischen Männern. Du bist das Huhn im Korb, du hast einen Sonderstatus. Ich und meine Jungs – das ist cool. Ich und meine Girls – das wird schnell peinlich. Bei Frauenbands kommt einem ausserdem immer ganz schnell dieses «Frauenpower – olé!» in den Sinn. Aber in all diesen Schwierigkeiten zeigt sich ja auch, dass wir alle doch noch mit der Emanzipation hadern.

Denken Sie, Sie haben von einem Frauenbonus profitiert?
Ja, bestimmt! Aber ich glaube, ich hätte diesen Bonus nicht gekriegt, wenn ich nur Scheiss gemacht hätte.

Anna Frey (22) arbeitet mit ihrer Band bereits an Stücken für das nächste Album. Im April 2009 erschien ihr neuestes Rap-Album «Trotzdem» – 
drei Jahre nach ihrem Erstlingswerk «Still Young» (2006).

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