Lohnschere : Mehr Lohn, weniger Lohn – und das alles für den Wettbewerb

Nr.  43 –

Um wettbewerbsfähig zu sein, müsse man seine TopmanagerInnen entsprechend bezahlen, sagen die Konzernspitzen, während sie unten mit demselben Argument auf die Löhne drücken. Alles nur Gier? Wohl kaum.


Sie lassen die Korken wieder knallen: die Bankerinnen und Broker an der Wall Street. Ein Rekordjahr soll es 2009 punkto Boni geben, schreibt das «Wall Street Journal». Und die BankenexpertInnen sind sich sicher: Da werden UBS und Credit Suisse nicht auf der Bremse stehen.

Doch TopmanagerInnen haben es nicht nur in der Finanzwelt gut. Auch wenn die CEOs und VerwaltungsrätInnen der grossen Firmen 2008 einen kleinen Rückschlag erlitten, der jahrelange Trend ist eindeutig. Und der zeigt steil nach oben. Auch in der Schweiz. Einige liessen sich selbst im vergangenen Krisenjahr nicht lumpen. Novartis-Chef Daniel Vasella strich 2008 vierzig Millionen Franken ein, glatte zwanzig Prozent mehr als im Jahr zuvor.

Mit Leistung hat das nichts zu tun

Vierzig Millionen? Eine Leistung, die einen solchen Lohn rechtfertigen würde, könne niemand erbringen, ist man sich für einmal fast im ganzen Land einig. Das widerspiegle nur noch nackte Gier.

In all der Empörung droht eines unterzugehen: Mit dem, was wir gewöhnlich unter Leistung verstehen, haben Löhne in einer Marktwirtschaft ohnehin nicht viel zu tun, geschweige denn mit Gerechtigkeit. Das gilt nicht nur für Herrn Vasella, sondern ebenso für die Putzfrau, die ein paar Franken in der Stunde verdient. Löhne ergeben sich vielmehr aus einem undurchsichtigen Zusammenspiel von Nachfrage und Angebot.

Sind TopmanagerInnen also zunehmend gefragt, oder gibt es immer weniger von ihnen? Warum explodieren ihre Gehälter? Weil oben oft der Markt versagt, glaubt Dominique Biedermann, Direktor der Genfer Stiftung Ethos, die die Interessen verschiedener Pensionskassen vertritt: Die Mitglieder der Konzernspitze bestimmten ihre eigenen Gehälter, während die AktionärInnen, denen das Unternehmen eigentlich gehört, nach Schweizer Aktienrecht nichts auszurichten hätten. «Bei Herrn Vasella funktioniert der Markt ganz offensichtlich nicht.» Zahlreiche Studien belegen: Insbesondere in grossen Konzernen spiegeln die Saläre der Topkader vor allem deren kartellähnlich gefestigte Macht wider.

Die Ethos-Stiftung fordert deshalb das Recht für die AktionärInnen, die Konzernspitzen an die kurze Leine zu nehmen. Eine entsprechende Initiative des Schaffhauser Kleinunternehmers Thomas Minder wird – parallel zur Aktienrechtsrevision – derzeit in den Parlamentskommissionen diskutiert.

Dem Ethos-Chef geht Minders «Abzockerinitiative» jedoch nicht weit genug. Dominique Biedermann will, dass AktionärInnen über das gesamte Lohnsystem ihrer Unternehmen abstimmen können – nicht nur über die Gehälter im Verwaltungsrat und der Geschäftsleitung, wie das Minder fordert. Denn diese seien bei weitem nicht die höchsten, gibt Biedermann zu bedenken. «Bei der UBS etwa gab es unter Marcel Ospel für viele Topkader Saläre von weit über fünfzig Millionen Franken.»

Wie viel die Stärkung der AktionärInnen bringen würde, ist allerdings fraglich: Die Topsaläre sind trotz stärkerer Aktionärsrechte auch ausserhalb der Schweiz explodiert. In der Regel segnen EigentümerInnen die Wünsche der Konzernspitzen ab. Dem Argument, wer die besten Leute wolle, müsse auch entsprechend bezahlen, ist nicht so leicht zu widersprechen. Und institutionelle AnlegerInnen wie Pensionskassen zeigen für die Lohnpolitik oft wenig Interesse.

Fragt sich zudem: Spiegeln die steigenden Topsaläre wirklich nur ein grosses Marktversagen wider? Kaum. Sie sind nur ein Teil eines weit breiteren Trends, der seit Jahrzehnten anhält: Weltweit klafft die Einkommensschere von Jahr zu Jahr immer weiter auseinander. Eine OECD-Studie hat dies 2008 erneut bestätigt.

Vier Erklärungen

Die Wirtschaftsforschung hat dafür verschiedene Erklärungen ausgespuckt. Die erste heisst SBTC – Skill-Biased Technological Change. Das Argument: Weil der technologische Fortschritt zunehmend die einfachen Arbeiten von Menschenhand ersetzt, steigt die Nachfrage nach gut qualifizierten Arbeitskräften, während jene nach schlecht qualifizierten sinkt. Resultat: Oben steigen die Löhne, am unteren Ende stagnieren sie – oder sinken gar.

Eine zweite Erklärung verweist auf die zunehmende Globalisierung der Märkte. Kurz: Es sind die ChinesInnen, die mit ihren Hungerlöhnen im Westen auf die unteren Saläre drücken, so das Argument. Einen dritten Erklärungsversuch bietet der linke US-Ökonom James K. Galbraith: Er glaubt, dass die meist rigide Geldpolitik der letzten drei Jahrzehnte zu einer Schwächung der Konsumnachfrage führte, die vor allem die ohnehin tiefen Löhne zu spüren bekamen. Und schliesslich hat in den letzten Jahren ein viertes Argument an Rückhalt gewonnen: Die Lohnschere sei auseinander gegangen, weil infolge des Siegeszugs der liberalen Marktideologie die Gewerkschaften geschwächt wurden.

Für Daniel Lampart, Chefökonom des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes, sind denn auch die Gewerkschaften der Grund, weshalb die Schweiz eine jener Ausnahmen ist, bei denen sich die Lohnschere kaum geöffnet hat – nur die Spitze der TopverdienerInnen ist hierzulande ausgeschert. «Die Schweizer Gewerkschaften haben seit den späten neunziger Jahren eine starke Lohnpolitik betrieben», sagt Lampart. Das habe sich ausgezahlt.

So sind auch die diesjährigen Lohnverhandlungen bereits wieder in vollem Gang. 1,5 bis 2,5 Prozent fordern die Gewerkschaften. «Es braucht mehr Lohn», sagt Lampart, zwei Dritteln der Schweizer Betriebe gehe es trotz Wirtschaftskrise zufriedenstellend bis gut. Gewerbe- und Arbeitgeberverband müssten dies zu Kenntnis nehmen.

Künftiger Politzündstoff

Diese signalisieren jedoch bereits Opposition: «Die Null-Lohnrunde sollte die Regel sein», liess Hans-Ulrich Bigler, Direktor des Gewerbeverbandes, kürzlich in der «Handelszeitung» verlauten. Während im gleichen Blatt auch Thomas Daum, Direktor des Schweizerischen Arbeitgeberverbandes, die Erwartungen dämpfte.

Wettbewerbsfähig müsse man bleiben: Unten dient das Argument dazu, die Löhne zu drücken, oben, sie weiter zu erhöhen.

Marktversagen, technologischer Fortschritt, Globalisierung, eine verfehlte Geldpolitik oder schwache Gewerkschaften – welche Kräfte auch immer schuld an der Lohnschere sind: Der Trend wird künftig noch manchen politischen Zündstoff bieten. Während die einen eine Stärkung der AktionärInnen fordern und die anderen auf Gewerkschaften und auf eine «höhere Besteuerung von Spitzensalären» (Lampart) setzen, gehen Dritte noch einen Schritt weiter. Maximal eins zu zwölf solle die Lohnschere in Schweizer Unternehmen betragen, fordert die Juso und hat eine entsprechende Initiative lanciert (vgl. Seite 14 in der Print-WOZ). Ein Versuch, den Markt erneut unter die Fittiche der Demokratie zu stellen.