Nr. 22/2013 vom 30.05.2013

Mehr für die Kurzen

Kurzfilme sind mehr als das Experimentierfeld für NachwuchsfilmerInnen. Ihr kreatives Potenzial überzeugt zunehmend auch offizielle Förderstellen in der Schweiz.

Von Silvia SüessMail an AutorIn

Eine gute Nachricht für die Kurzfilmschaffenden und Kurzfilmbegeisterten: Letzte Woche gab das Bundesamt für Kultur (BAK) bekannt, dass von 2014 bis 2016 das Kurzfilmfestival Shnit mit 70 000 Franken unterstützt wird. Das Festival wurde 2003 in Bern gegründet und findet heuer in zehn Städten statt. Künftig fördert der Bund also mit den Kurzfilmtagen Winterthur und dem Animationsfestival Fantoche drei Festivals für das kurze Format. Wächst die offizielle Anerkennung des Kurzfilmschaffens?

Ohne Kompromisse, fast ohne Geld

Tatsächlich zeigen sich in den Förderkonzepten des BAK seit 2012 Änderungen, die den Kurzfilm betreffen, sowohl in der selektiven wie in der erfolgsabhängigen Förderung. Die bisherige Förderung war an ihre Grenzen gestossen: Zwischen 2009 und 2011 hatte sich die Zahl der beim BAK eingereichten Gesuche zur Unterstützung von Kurzfilmen verdoppelt. Im Jahr 2011 erhielt von den hundert eingereichten Gesuchen ein Viertel finanzielle Unterstützung. Insgesamt bezahlte der Bund, einer der wichtigsten Geldgeber für Filmschaffende, 2011 über eine Million Franken für die Realisierung von Kurzfilmen.

Der Kurzfilm ist nicht einfach Spielwiese und Sprungbrett für JungfilmerInnen – auch unter etablierten Filmschaffenden ist das Format beliebt: «Für mich ist der Kurzfilm eine eigenständige Ausdrucksform, die grössere Kreativität zulässt als gewöhnlicherweise der Langspielfilm. Kurzfilme sind fast immer unangepasster, origineller, mutiger, engagierter, persönlicher, unbekümmerter als die langen Filme», sagt Rolando Colla. Der Schweizer Regisseur realisiert neben seinen Langspielfilmen («Giochi d’estate», 2011) und Dokumentarfilmen («Das bessere Leben ist anderswo», 2012) kontinuierlich Kurzfilme: «Dem Kurzfilm kommt entgegen, dass er gemacht werden kann ohne Kompromisse, fast ohne Geld und ohne Zwang, im Kino zu bestehen, eine Festivalkarriere zu durchlaufen oder eine Fernsehredaktion überzeugen zu müssen.»

Seine «Einspruch»-Serie hätte als Langspielfilm mit Sicherheit ein Finanzierungsproblem gehabt, sagt Colla, weil sie auch eine politische Aussage macht: etwa die, dass sich die Menschenrechte nicht durchsetzen lassen. «Der Kurzfilm ist hier nicht nur die ideale Ausdrucksform, sondern wohl auch die einzig mögliche.»

Das BAK unterstützt seit 2012 den Kurzfilm nicht mehr über ein gesondertes Budget und eine eigene Intendanz. Für die Förderung von Kurzfilmen sind nun die drei Kommissionen Spielfilm, Dokumentarfilm und Animation zuständig. Anträge zur Unterstützung von Kurzfilmen müssen je nach Genre bei der entsprechenden Kommission gestellt werden. Dies wird einerseits von der Branche begrüsst, da der Kurzfilm so den Langspielfilmen gleichgestellt wird. Doch zugleich besteht auch die Befürchtung, dass angesichts der ohnehin schon knappen Mittel beim BAK die Kurzfilme zu kurz kommen könnten.

«Theoretisch ist diese Änderung gut, da so mehr gute Kurzfilme unterstützt werden können, weil deren Budget nicht eingefroren ist», so Simon Koenig, der bei der Promotionsagentur Swiss Films das Ressort Kurzfilm leitet. «Aber es besteht die Gefahr, dass das Geld eher für die grossen Projekte weggehen wird, da der Druck von diesen einfach grösser ist.» Wie diese Änderung sich tatsächlich auf die Finanzierung der Kurzfilme auswirkt, wird sich zeigen.

Auch die «Succes Festival»-Förderung des BAK schliesst seit 2012 Kurzfilme mit ein: Ist ein Kurzfilm an internationalen Festivals zu sehen, erhalten die Filmschaffenden oder die Produktionsfirma Geld für ein nächstes Projekt.

Das Schweizer Fernsehen, ein weiterer wichtiger Förderer einheimischen Filmschaffens, führte dieses Jahr mit «Succès artistique» ebenfalls ein neues Förderinstrument ein: Die erfolgreichsten fünf Kurz-, vier Langspiel-, vier Dokumentar- und fünf Animationsfilme, die an nationalen und internationalen Filmfestivals selektioniert werden, erhalten eine Prämie, die die MacherInnen ins nächste Projekt investieren müssen. Koenig begrüsst das: «Es hat sich gezeigt, dass Schweizer Kurzfilme seit Jahren auf Augenhöhe sind mit internationalen Produktionen. Festivals sind dafür der wichtigste Gradmesser. Deshalb ist es gut, wenn die Festivalkarriere eines Kurzfilms honoriert wird.»

Internet als ideale Plattform

Festivals sind für Kurzfilme wichtige Plattformen. Reguläre Kinos programmieren dieses Format kaum noch selbst. Der Tenor bei den KinobetreiberInnen lautet: Ein Kurzfilm als Vorfilm, wie das während langer Zeit verbreitet war, bringt zusätzliche Arbeit und Kosten, jedoch weder zusätzliches Publikum noch Ertrag. Für den Kurzfilm bietet sich das Internet als ideale Plattform an. So zeigt zum Beispiel der «Tages-Anzeiger» auf seiner Website jede Woche den «Kurzfilm der Woche». Swiss Films stellt diese sehenswerte Serie zusammen und entschädigt auch die Filmschaffenden.

All diese Entwicklungen deuten in eine klare Richtung: Auch offizielle Förderstellen anerkennen die Überzeugung von Rolando Colla: «Der Kurzfilm ist eine künstlerische Nische, ein Reservat, eine Notwendigkeit.»

Kurzfilmnacht in St. Gallen, Kino Storchen, Freitag, 31. Mai 2013, und Samstag, 1. Juni 2013, 
ab 20.15 Uhr; in Luzern, Kino Bourbaki 1 
ab 20.45 Uhr und Stattkino ab 20.30 Uhr, 
Freitag, 7. Juni 2013. www.kurzfilmnacht-tour.ch

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