Nr. 47/2009 vom 19.11.2009

Feen der verrückten Erde

Gehen die nur in den Wald, um schwule Orgien zu feiern? Oder suchen sie die Erleuchtung? Ein Besuch in einem ganz besonderen Ferienzentrum.

Von Bettina Dyttrich, Folleterre

Am Bahnhof wartet einer. Er hat langes blondes Haar und trägt eine Feder am Hut. Sein rostiges, verbeultes Auto würde in der Schweiz durch keine Kontrolle mehr kommen. Er nennt sich Pikachu, nach einem Pokémon, einer japanischen Comic- und Spielfigur. Der Pokémon Pikachu ist knallgelb, hat seltsame kleine Ohren und wie viele Comicfiguren kein eindeutiges Geschlecht.

Mit Pikachu fahren wir hinaus aus dem Städtchen Lure, das nicht weit von Belfort in der französischen Region Franche-Comté liegt. Die Dörfer werden kleiner, die ersten Hügel der Vogesen tauchen auf. Schliesslich biegen wir in eine schmale Waldstrasse ein. Es geht steil aufwärts. Wenn jetzt nur niemand entgegenkommt. Der Wald ist dicht und dunkel. Schliesslich eine Abzweigung, ein «Propriété privée»-Schild. Zwischen dichtem Weidengestrüpp wird das Gerüst einer Schwitzhütte sichtbar. Eine Holzbeige, uralte, flechtenbehangene Apfelbäume, ein seltsamer Bretterturm. Dann parkieren wir vor einem Scheunentor, auf das ein bunter Schmetterling gemalt ist. Wir sind in Folleterre, zu Deutsch «verrückte Erde».

«Folleterre», sagt Pikachu, «ist ein Ort, wo wir üben können, anders miteinander umzugehen. Wenn wir es gelernt haben, versuchen wir es im Alltag umzusetzen.» Die sich hier treffen, nennen sich Faeries, Feen. Wie alle Feen mögen sie Wald und Wasser, Glanz und Glitzer. Fairy oder Faerie ist ein altes englisches Schimpfwort für Schwule. Und wie es mit Schimpfwörtern so geht: Die beste Gegenstrategie ist Aneignung.

Die Radical Faeries wurden vor ziemlich genau dreissig Jahren von schwulen Männern in der Wüste von Arizona gegründet. Harry Hay (1912–2002), der Bekannteste von ihnen, war eine schillernde Figur. Er glaubte an den Kommunismus, obwohl auch die Kommunistische Partei offiziell keine Schwulen akzeptierte. 1950 war er Mitinitiant der Mattachine Society, der ersten schwulen Interessengruppe der USA. Als Kind hatte er Wovoka getroffen, den Schamanen der Paiute-Indianer, der um 1890 die Geistertanzbewegung ins Leben gerufen hatte. Indianische Spiritualität begleitete Hay das ganze Leben.

«Du musst nicht geil aussehen»

«Die Idee hinter den Radical Faeries war es, einen Ort zu schaffen, wo Schwule abseits des homosexuellen Mainstreams sich selbst finden können», sagt ein grosser, schlanker Deutscher, der sich Eilendes Wasser nennt. «Für Harry Hay war Schwulsein eine Bestimmung. Er glaubte, dass Schwule bestimmte seelische und spirituelle Eigenarten haben. Mir persönlich hat das geholfen, mein Schwulsein anzunehmen.» Im bürgerlichen Leben ist der 56-Jährige Anwalt im Rheinland. Er war es, der die Idee der Radical Faeries aus den USA mitbrachte. Seit Mitte der Neunziger halten die «Eurofaeries» regelmässige Treffen ab, und 2004 konnten sie Folleterre kaufen: ein ehemaliges Bauernhaus, verwilderte Wiesen und Wald am Arsch der Welt. Das Haus hat zurzeit keine ganzjährigen BewohnerInnen, das soll sich aber noch ändern.

«Keine Hierarchien und keine Glaubenssätze», umschreibt Eilendes Wasser die Philosophie der Faeries. «Du kannst katholisch, buddhistisch oder atheistisch sein – die Bandbreite ist riesig. Du musst nicht geil aussehen, du kannst alt oder dick sein und bist trotzdem willkommen.» Die Faeries sehen sich als Gegenbewegung zur urbanen Schwulenszene, in der sich fast alles um Aussehen, schnellen Sex und Konsum dreht. Sie teilen sich die Kosten für die Ausgaben eines Treffens. «Natürlich gibt es ein kulturelles Problem», räumt Eilendes Wasser ein. «Ein schwules Arbeiterkind aus Marseille findet sicher nicht so schnell den Zugang zu uns. Aber alle können kommen, auch ohne Geld. Bei uns kann man die wunderbarsten Sachen erleben – und erst noch gratis!»

Schweigen im Kreis

Obwohl es keine festen Regeln gibt: Einige Traditionen halten die meisten Faeries hoch. Dazu gehören die Faerie-Namen, die sie sich meist selbst geben. Folleterre-Faeries heissen Lanai oder Lappi, Fauny oder Notre Dame des Arbres. Viele Faeries feiern Jahreszeitfeste wie Sonnenwende, Tagundnachtgleiche oder das Frühlingsfest Beltane. Dazu kommt ein Ritual, das die Gründer der Radical Faeries entwickelt haben: der Heart Circle. Dabei sitzen die Faeries im Kreis, und ein Gegenstand – ein Stein, eine Kette, ein Stück Holz – macht die Runde. Wer das Ding hält, darf sprechen, solange er oder sie will, aber auch schweigen. Niemand wird unterbrochen, und es gibt keine Diskussion, kein direktes Feedback auf die einzelnen Wortmeldungen. Das Gesprochene bleibt vertraulich. Ein Heart Circle kann zehn Minuten oder acht Stunden dauern, friedlich oder dramatisch sein.

«Man kann herkommen und Heilung finden», meint Eilendes Wasser. «Viele Männer haben im Heart Circle zum ersten Mal offen über ihre Probleme gesprochen. Aber Folleterre ist kein Therapiezentrum. Das ist wichtig. Der Heart Circle ist ein therapeutischer Prozess, aber er hat Grenzen.» Einmal sei einer weggeschickt worden, der ein Alkoholproblem hatte und ausfällig wurde. «Aber der Heart Circle hilft, dass Konflikte zur Sprache kommen und gelöst werden. Ich bin erstaunt, was diese Gruppe aushält.»

Holzfäller im Ballkleid

Die Anlässe in Folleterre sind häufig verbunden mit einem Jahreszeitfest. Das zehntägige Herbsttreffen hat dagegen ein handfesteres Ziel: Bäume sollen gefällt werden, um die Verwilderung des Grundstücks etwas einzudämmen. Äpfel und Nüsse warten auf die Ernte, und im Haus stehen einige handwerkliche Arbeiten an. Fauny und Wolf, zwei holländische Faeries, haben den Arbeitseinsatz auf die Beine gestellt. In Abwandlung des englischen Wortes «lumberjack» (Holzfäller) nennen sie ihn «lumberjanes-gathering». Das ist auch eine Anspielung auf die Vorliebe vieler Faeries für Drag, geschlechtsuneindeutige Kleidung: Wolf sieht mit seiner massigen Gestalt in Jupe und Kniesocken aus wie ein verrückter Schotte. In der Scheune hängen Federboas, Ballkleider und Hüte, mit denen sich die Faeries jederzeit aufdonnern können.

Ganz so ernst mit dem Holzfällen nehmen es die Faeries dann aber doch nicht. Es ist kalt, darum sitzen sie gern lange in der Küche – nur zwei Räume des alten Bauernhauses lassen sich heizen. Es wird ausgiebig gekocht, gebacken und Tee getrunken. Das Leben ist langsam in Folleterre, organisiert wird wenig, aber es klappt doch irgendwie. Dass manche die meiste Zeit nur rumsitzen, scheint niemanden zu stören. Guillaume zum Beispiel verbringt den Tag am liebsten auf dem Sofa, an verschiedene Faeries gekuschelt. Aber der 24-jährige Ethnologe aus Paris hat schliesslich eine besondere Aufgabe: Er schreibt seine Masterarbeit in Queer Studies über die Radical Faeries. Zuvor hat er bereits neuheidnische Gruppen und moderne Hexen studiert.

«Ich mag Glamour», sagt Guillaume. «Mir gefällt, wie die Faeries Drag-Elemente in Rituale einbauen. Heidnische Kreise sind sonst sehr heteronormativ, haben starre Vorstellungen von weiblich und männlich. Das hat mich sehr enttäuscht, als ich diese Szenen studiert habe.» Dieses Jahr hat Guillaume während des Beltane-Rituals die Maikönigin gespielt. «Die Faeries nehmen Rituale nicht so ernst. Für die meisten ist es vor allem ein Spiel. Das gefällt mir auch.»

Eilendes Wasser stimmt zu: «Bei Ritualen besteht die Gefahr, in etwas Weihevolles, Priesterliches zurückzufallen – furchtbar! In England war ich einmal an einem Ritual, wo man ein Schwert küssen sollte. Das habe ich nicht mitgemacht. Und in Deutschland habe ich eine Art Taufzeremonie miterlebt. Das war mir auch zu ernst. Also habe ich mich mit einem Freund als Papst verkleidet, und wir haben etwas Ironie in die Sache gebracht – oder die Stimmung kaputt gemacht, je nach Sichtweise ...»

Erleuchtung durch Sex

Zur ethnologischen teilnehmenden Beobachtung gehört, dass Guillaume den Faerie-Alltag teilt – inklusive Sex: «Ich habe viel darüber nachgedacht. Es gibt ja Ethnologen, die sagen, man dürfe keinen Sex haben mit den Leuten, die man studiert ... Ich finde aber, es geht schon. Ohne unethisch zu sein.»

Manche vermuten, dass die Faeries vor allem in den Wald gehen, um ungestört Orgien feiern zu können. Lappi, ein englischer Faerie, meinte hingegen kürzlich ein einem Interview: «An unseren Treffen gibt es so viel Berührung und Zärtlichkeit, dass das Bedürfnis nach exzessivem Sex abnimmt.» Daran scheint etwas Wahres zu sein. Die Faeries berühren sich wirklich oft – manchmal freundschaftlich, manchmal anzüglich. Sie umarmen sich lange, sitzen einander beim Frühstück auf dem Schoss, necken sich. Sie bringen einander Wörter ihrer Muttersprachen bei, am liebsten solche, die Sex betreffen. Aber in der Nacht hört man vor allem Schnarchen.

Viele Faeries betrachten Sex als Teil ihrer Spiritualität. Zum Beispiel Lanai, Mitte dreissig und Koch in Paris. Mit seinem schönen Schnauz sieht er gleichzeitig sehr französisch und wie ein San-Francisco-Schwuler der siebziger Jahre aus. «Mein grösstes spirituelles Erlebnis war eine Art Erleuchtung durch Sex an einem Faerie-Treffen», erzählt er. «Zu zweit in einem Zelt, liebevoll, sanft und spielerisch. Wir gingen nur noch raus zum Essen ... Es hatte eine Intimität, die ausserhalb eines Treffens wohl nicht möglich gewesen wäre. Es öffnete die Erfahrung für Dinge, die über den Alltag hinausgehen.»

Ein Bruch im Leben

Spiritualität bedeutet für Lanai vor allem eine Verbindung zur Natur. «Die Schönheit der Jahreszeiten zu feiern, die Sonne, die Sonnenwenden und Tagundnachtgleichen. Ich versuche ein bescheidener Teil der Schöpfung zu sein. Ich habe hier einmal sechs Monate gelebt. Man hört den Bach, sieht die Apfelbäume blühen, erlebt mit, wie die Äpfel reifen, kann sie pflücken und kochen.» Der Heart Circle bedeutet Lanai viel: «Im Heart Circle kannst du weinen, Angst haben, Schwäche zeigen. Lauter Dinge, die Männer laut Klischee nicht tun. Ich finde das sehr schön.»

Die friedliche Stimmung in der Männergruppe fällt auf. Vielleicht liegt es daran, dass sich am Morgen, bevor Organisatorisches besprochen wird, alle an den Händen halten und dreimal tief atmen. Danach ist der Körper so entspannt, dass er sich nicht mehr so schnell aus der Ruhe bringen lässt. Sunfish aus Amsterdam, mit siebzig Jahren der älteste Anwesende, schätzt genau das an Folleterre: «In Amsterdam rennen die Leute Geld und Sex nach und vergessen dabei zu leben. Hier hört das dauernde Rotieren auf. Als ich das erste Mal hier war, wollte ich dauernd mit allen diskutieren und streiten, wie ich es gewohnt war. Bis ich merkte, dass das hier gar nicht nötig ist.»

Eilendes Wasser führt die Stimmung auf Erfahrungen zurück, die vor allem die Älteren gemacht haben: «Das Coming-out war ein Bruch in unserem Leben. Als ich jung war, war schwuler Sex in der BRD noch verboten. Ich dachte, ich sei geisteskrank. Heute bin ich froh, dass es nicht einfach war. Wenn ich heute meinen Bruder anschaue, für den immer alles glatt lief – Beruf, Familie und so weiter. Er hat seine Krise jetzt.»

Die Radical Faeries entstanden in einer Zeit, als Schwulen- und Lesbenszene zwei verschiedene Welten waren. Viele Lesbengruppen befürworteten einen radikalen Separatismus, wollten ein Leben ganz ohne Männer führen. In der Folge entstanden auch Männergruppen, viele mit profeministischem Anspruch, andere entwickelten sich jedoch in eine reaktionäre, männerbündlerische Richtung. Ganz frei davon sind auch die Faeries nicht. «Bei US-Faeries habe ich manchmal Frauenfeindlichkeit gespürt», sagt Guillaume, der für seine Forschungsarbeit schon viele Gruppen besucht hat. Er erzählt von einem Ritual, von dem Frauen explizit ausgeschlossen waren und das mit gemeinsamem Masturbieren rund um ein Feuer endete. Solche Kreise seien auch gegen die Teilnahme von Transmännern.

In der US-Zeitschrift «Radical Faerie Digest» kommen ebenfalls hin und wieder seltsame Töne auf, etwa wenn ein Autor darüber klagt, dass «der gehörnte Gott», der Inbegriff des Maskulinen, im Gegensatz zu Mutter Erde arg vernachlässigt werde.

Die Eurofaeries sind hingegen an ihren Anlässen offen für alle Geschlechter. Manche identifizieren sich mit queeren Konzepten, etwa Lanai: «Es geht darum, die Geschlechterbilder zu dekonstruieren, die die Gesellschaft dich gelehrt hat.» Er habe unter Faeries schon sexistische Sprüche gehört und sich gewehrt: «Auch wenn keine Frauen da sind, dürfen wir nicht ausschliessend sein. Wir dürfen nicht Wörter, die Frauen bezeichnen, abwertend brauchen. Dafür kämpfe ich.»

Auch Eilendes Wasser findet, die Zeit der reinen Männergruppen sei vorbei: «Ja, es ging am Anfang um schwule Selbstfindung. Aber ich glaube, das wird sich immer mehr erweitern, die sexuelle Orientierung wird unwichtig. Ich finde es schlecht, die Menschen nur danach zu beurteilen. Mein Schwanz ist schliesslich nur EIN Teil von mir.»

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