Nr. 21/2010 vom 27.05.2010

Ab auf die Inseln!

Der vierte Generalstreik legt das Land lahm: Evi flüchtet sich in den Suff, eine Soziologieprofessorin fürchtet sich vor einem Bürgerkrieg, und die Anarchisten halten sich zurück.

Von Andreas FagettiMail an Autor:in und Daniel Ryser, Athen

Evi, die in einer Textilfabrik arbeitet, stürzt das nächste Glas Tsipouro und hält damit die Familientradition hoch. Oma und Opa ernährten sich bloss von Schnaps und Fleisch und wurden 107 und 85 Jahre alt. Saufen für die Gesundheit. Dann folgt eine Hasspredigt auf «Fucking Coca-Cola». Die Firma entliess in Athen soeben fünfzehn Leute. «Wie viele nutzen sie die Krise als Vorwand, um Leute rauszuwerfen.» Ihr Freund dreht sich eine Zigarette und sagt dann: «Ich bin für den Bürgerkrieg gegen die Reichen.»

Krisengespräche im Mai 2010. Und lustvoll in den Untergang: Der Tisch im Restaurant im Viertel ist vollgepackt mit Schnaps, Weisswein, Bier, Fleischbällchen, gebratenen Lammstücken, Salat und Gemüse, das Lokal ist voll, die Stimmung gut und das Essen teuer. Dann geht es auf Absturztour: schnelle Autos, röhrende V-8-Motoren, New Wave, Punkrock, Rembetiko und Alkohol für alle.

Am nächsten Tag ist Generalstreik, und wer ein Beispiel für den aufgeblähten Staatsapparat sehen will, braucht bloss durch das Anarchistenviertel Exarchia zu flanieren: Hier gibt es an diesem Tag mehr PolizistInnen als Strassenecken, es riecht nicht nach Revolution, sondern nach Polizeistaat. Auf kleinen, wendigen Töffs patrouillieren PolizistInnen in Kampfmontur in Sechserformationen durch die engen Quartierstrassen. Ein besetztes Haus wird umstellt, weiter vorne drücken die Beamten zwei junge langhaarige Männer in einen Streifenwagen, vor einem Café kontrolliert eine Streife einen hochgeschossenen, ganz in Schwarz gekleideten Mann, der seit einer Viertelstunde an der Ecke gestanden und ab und zu das Handy gezückt hat.

Die Angst vor dem Bürgerkrieg

Draussen im Demonstrationszug durch die Innenstadt hinauf zum Parlament verteilen AnarchistInnen aus Piräus und den Arbeitervierteln aus dem Süden Athens Flugblätter: «Lang lebe der Streik vom 5. Mai! Ein Hoch auf die Grossdemonstration und unsere mehrstündigen Bemühungen, das Parlament zu stürmen! Ein Hoch auf die furchtlose Konfrontation! Und in Gedenken an den tragischen Tod der drei Bankangestellten, die im Rauch erstickten.»

Drinnen, in «Jimmys Café», sagt Roy Panagiotopoulou, Griechenland steuere auf einen Bürgerkrieg zu. Die Professorin für Soziologie an der Universität Athen sieht das Land in zwei Krisen: in einer wirtschaftlichen und in einer politischen. Das Heilsame an der Wirtschaftskrise: Man kann effizienter werden und darauf hoffen, dass es dadurch für alle besser wird. Die politische Krise aber sitzt tiefer: Das politische System, seit Jahrzehnten abwechselnd beherrscht von der rechten Nea Demokratia und der panhellenistischen sozialistischen Bewegung Pasok, hat abgewirtschaftet. Zumindest in einem Punkt ist es einerlei, welche Partei man wählt: Kaum ist eine der beiden Parteien an der Macht, bedient sie ihre eigenen Leute.

Es ist ein Pingpong ohne Aussicht auf Veränderung, ein für mitteleuropäische Vorstellungen absurd anmutendes Klientelsystem: Im Mai 2009 bietet die Regierung 30 000 Menschen eine Frühpensionierung an – man müsse dringend sparen. Einen Monat später stellt sie 100 000 Leute ein, und kurz darauf wird bekannt, dass im September gewählt wird. In einem solchen System erwartet die Regierung, dass die 100 000 Begünstigten sie wählt, während sich die Staatsverschuldung zwischen 2007 und 2009 verdoppelt und die Jugendarbeitslosigkeit bei Frauen fast vierzig Prozent beträgt. Dennoch wählen die GriechInnen diese Leute. Was wäre die Alternative? Das System stürzen? Wie stürzt man ein System, wenn sich keine Alternative anbietet?

Wie viel sie durch die jetzige Politik verlieren, wissen etwa die RentnerInnen – auch jene, die bloss 400 Euro im Monat Rente kriegen: Zehn Prozent wird ihnen abgezwackt, rückwirkend auf den 1. Januar 2010. Bei diesen kleinen Leuten spart die Regierung, während das Militär weiter aufrüstet, Banken abgesichert werden, der Staatsapparat fast platzt – Militär, Polizei, Zoll und die vom Staat besoldeten Priester bleiben von Kürzungen verschont.

Stalinistischer als Stalin

Inzwischen kratzt der Staat Geld zusammen, kontrolliert zum ersten Mal überhaupt ÄrztInnen auf ihr Einkommen. Sie deklarierten im Durchschnitt bisher ein Einkommen von 10 000 Euro, auch wenn sie deutlich mehr verdienten. Rechtsanwälte konnten ein Pauschaleinkommen von 25 000 Euro angeben, einerlei, wie viel sie tatsächlich verdienten. Panagiotopoulou sagt: «Baufirmen, Banken zahlen nichts und werden nicht belangt. Es gibt keine Kontrollen.»

Die Professorin ist ebenfalls von den Sparmassnahmen betroffen: «Ich verdiene ab sofort jährlich 7500 Euro weniger und weiss nicht, ob von meiner Rente irgendwas bleibt. Der Kollaps einfacher Leute wird in Kauf genommen, während Banken milliardenschwer gerettet werden. Man liest es fast täglich: Leute nehmen sich das Leben, weil sie Kredite nicht mehr zurückzahlen können. Ich rate meinen Neffen: Geht ins Ausland!» Wut vereine die Menschen, aber man lebe in einer Blase, weil man nicht wisse, was noch alles komme.

Griechenland, ein Land in einer schweren Depression. Die PsychotherapeutInnen der Nation sind das Wetter, das Meer und die Inseln. Ab auf die Inseln! Das ist derzeit ein beliebtes Motto. Die Fähren sind billig, die Brise kühl und die Angst vor einem Bürgerkrieg weit weg. Zumindest während des Wochenendes. Wohin wird dieses Land politisch treiben? Roy Panagiotopoulou ist überzeugt: «Die Rechte hat uns verschuldet, die Sozialdemokraten baden das nun aus, aber werden für die Sparprogramme bestraft werden. Die Kommunisten in diesem Land sind keine Alternative, weil sie stalinistischer sind als Stalin. Es ist wie in der Weimarer Republik: Die einzige Alternative scheint LAOS zu sein, die extreme Rechte.» 

Der Generalstreik verläuft in geordneten Bahnen, die Wut, die hier nicht unmittelbar spürbar ist, wird in ritualisierte Bahnen gelenkt, die Menschen skandieren lautstark die immergleichen Parolen gegen die Einschnitte in die Renten- und Sozialversicherung. Die beiden schwarzen Blocks in der Mitte der Demo halten sich an diesem Tag zurück, selbst als die Menschenschlange an den Bankfilialen in der Innenstadt vorbeizieht. Es gibt keine Ausschreitungen. Bloss gellende Pfeifkonzerte. Vor dem Parlamentsgebäude kommt es kurz zu einer Schlägerei – ein «Rassist» wird verprügelt, bis er mit blutender Nase davontorkelt; einem Fotografen, der die Szene knipsen will, schlagen Schwarzgekleidete die Kamera aus der Hand. Ansonsten ist von Wut nicht viel zu spüren. Selbst im Anarchistenviertel kommt es zu keinen Ausschreitungen, bloss in einem Abfallcontainer mottet kurz nach der Demo ein Feuerchen. Dann verlieren sich die DemonstrantInnen in den Stadtvierteln.

Besuch beim Krimiautor

Einen Tag vor dem Generalstreik bringt uns ein Taxi in ein ruhiges Viertel an der Peripherie der Innenstadt. Wir sind auf dem Weg zu Petros Markaris: bekannter Krimiautor, aufgewachsen in Istanbul, einst Eurokommunist, Kosmopolit und unbestechlicher Kritiker – auch der GriechInnen. Im dritten Stock öffnet sich die Tür in eine Wohnung, die Geschichte atmet. Markaris, inzwischen 73, bittet herein, sein Kater «Seele» streicht uns gleich um die Beine. Wände gefüllt mit Büchern in griechischer, deutscher, französischer, englischer und türkischer Sprache, alte Möbel und gerahmte Plakate, eine Zeichnung von Jean Cocteau, der Arbeitsplatz des Schriftstellers.

Es ist eine Begegnung mit einem hellwachen Intellektuellen, der sich in Deutschland genauso zu Hause fühlt wie in Istanbul, der kenntnisreich über die Hintergründe türkischer Politik Bescheid weiss und ihre Akteure persönlich kennt, es ist eine Begegnung mit einem Mann der Sprache, der uns in druckreifen deutschen Sätzen aufklärt über die Abgründe der griechischen Politik und Mentalität, es ist die Rede eines distanzierten und kühlen Beobachters, der als Mitglied einer Minderheit Distanz gelernt und verinnerlicht hat. Und Petros Markaris hat Goethes «Faust» und andere deutsche Klassiker ins Griechische übersetzt und testet uns, wie andere deutschsprachige JournalistInnen, die ihn besuchen, gleich einmal mit einem Zitat. Wir versagen, wie erwartet, und können es nicht zuordnen. «Der Anfang von ‹Don Carlos›», sagt er und lacht verschmitzt.

Dann erhalten wir eine schnörkellose Einführung in die jüngere griechische Geschichte und Politik. Die aktuelle Lage umreisst er knapp: Griechenland stecke in einer tiefen Krise des politischen Systems, die Härte der Wirtschaftskrise sei eine Folge davon und nicht umgekehrt. Von guten PolitikerInnen verlangt er, dass sie ihr Rücktrittsschreiben in der Tasche tragen – also jederzeit bereit sind, für ihre Überzeugungen einzustehen und nicht auf die Wählergunst zu schielen. Einer solch überzeugenden Politikerfigur würden die GriechInnen folgen und wären dann für harte Massnahmen bereit, sagt der Krimiautor. Bedenklich sei, dass achtzig Prozent der Menschen laut einer Umfrage nicht mehr daran glaubten, dass Griechenland diese Krise einigermassen heil überstehe.

Auch Markaris kritisiert das Klientelsystem harsch. Auszubaden hätten die Folgen die kleinen Leute. Aber mitleidig tönen seine Analysen nicht: «Die Griechen haben diese Leute gewählt, sie sind mitverantwortlich.» Zum Abschied sagt er noch: Er wisse auch nicht, wie viele Leute morgen am Generalstreik teilnähmen, aber die Wut der Griechen sei jedenfalls gross. «Ich hoffe, es gibt keine Toten diesmal.»

Dieser Artikel wurde ermöglicht durch den Recherchierfonds des Fördervereins ProWOZ. Dieser Fonds unterstützt Recherchen und Reportagen, die die finanziellen Möglichkeiten der WOZ übersteigen. Er speist sich aus Spenden der WOZ-Leser:innen.

Unterstützen Sie den ProWOZ

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch