Nr. 26/2010 vom 01.07.2010

«Wir sehen überall Nazis»

Was ist los mit Israel? Der ehemalige Spitzenpolitiker und Buchautor Avraham Burg glaubt, Israels Politik sei das Ergebnis eines nationalen Traumas.

Von Yves Wegelin, Jerusalem

An der Allenbybrücke, einige Tage nach der Erstürmung eines türkischen Schiffes vor der Küste Gazas durch israelische Elitesoldaten: «Setzen!», schmiss mir ein Teenager in israelischer Soldatenuniform an den Kopf, als sie den Stempel des Erzfeindes Syrien in meinem Pass entdeckte, und zeigte in eine Ecke, in der ein paar Sessel standen. Dort liess sie mich zwei Stunden schmoren, bevor ich die Erlaubnis erhielt, die Grenze von Jordanien ins besetzte Westjordanland zu passieren.

Ein paar Stunden später, am Eingang der Knesset. Nein, ich trüge keine Pistole, entgegnete ich dem Sicherheitsbeamten, durchquerte die Sicherheitsschleuse und betrat das Parlamentsgebäude, wo der Assistent eines rechten Parlamentariers auf mich wartete: Ein Skandal, wie die Welt sich nach dieser Geschichte vor dem Gazastreifen gegen Israel verbündet habe, ärgerte sich der junge Mann auf dem Weg in sein Büro – Europa habe wohl vergessen, was man seiner Familie in Auschwitz angetan habe.

Eine Stunde später stand ich wieder draussen. Auf der anderen Strassenseite hatte sich ein Trupp junger Soldaten vor einem drei Meter hohen Leuchter versammelt, einer Menora aus Bronze: An den Armen eingraviert die biblischen Geschichten, mittendrin das Warschauer Ghetto – und zuunterst: die Erschaffung des Staates Israel. Vor den Soldaten zogen ein paar Dutzend junger skandierender Männer mit Israelfahnen vorbei – aus Solidarität mit den Soldaten, die das Schiff vor Gaza gestürmt hatten.

Ich winkte ein Taxi heran, auf dem Autodach wehte eine kleine israelische Fahne. Müde liess ich mich in die Polster fallen und beschloss, Avraham Burg anzurufen und ihn um ein Interview zu bitten. Burg war ein hochrangiger Politiker der Arbeiterpartei, bevor er ein Buch veröffentlichte, das in seinem Land für ein kleines politisches Erdbeben sorgte. Seine These: Der Holocaust habe in der israelischen Gesellschaft ein Trauma hinterlassen, das das Land dazu verleite, immer höhere Mauern um sich zu bauen. Das Buch ist vor wenigen Monaten auch auf Deutsch erschienen.

WOZ: Herr Burg, woran glauben Sie zu erkennen, dass die israelische Gesellschaft unter einem Trauma leidet?

Avraham Burg: An allem. Sehen Sie sich die jüngste Geschichte um das Schiff vor dem Gazastreifen an. In allen israelischen Reaktionen, die ich höre, fällt das Wort Holocaust spätestens im zweiten Satz. Fragen Sie mich nicht warum, aber – schwups! – und schon sind wir beim Holocaust. Oder jedes Mal, wenn ein Israeli bei einem Terrorakt getötet wird: Es geht dann nicht um ein Individuum, das Opfer einer Miliz wurde, sondern um ein Opfer an der Spitze von sieben Kriegen, sechs Millionen Holocaust-Toten und 2000 Jahren Exil. Oder hören Sie Premierminister Benjamin Netanjahu zu, wenn er über den Iran spricht: ‹Die Juden stehen am selben Punkt wie 1938.› Wirklich?! Hatten wir damals einen Staat? Eine der weltweit mächtigsten Armeen? Die uneingeschränkte Unterstützung fast aller Supermächte? Nein. Und trotzdem glaubt er, die Situation sei die gleiche wie 1938. Das ist ein Geisteszustand.

Sie sagen, Hitler beherrsche die israelische Gesellschaft bis heute.

Ja, das zeigt sich zum Beispiel an der letzten Gay Pride in Jerusalem – ich liebe übrigens diesen Umzug, weil er alle Religionen zusammenbringt: Die Rabbis, die Imame und die Priester vereinigen sich gegen die Homosexualität ...

... so wie Sie auch glauben, die immer wiederkehrenden Kriege würden die israelische Gesellschaft zusammenhalten?

Etwas zynisch gesprochen – ja.

Sie sprachen von der Gay Pride ...

... ja, Tausende von National-Religiösen gingen auf die Strasse und beschimpften die Polizisten, die den Umzug beschützten, als Nazis. Wir sehen überall Nazis. 1982, während des ersten Libanonkriegs, erklärte der damalige Premierminister Menachem Begin: Wenn er den Bunker von PLO-Chef Jassir Arafat in Beirut bombardiere, fühle er sich, als würde er Hitlers Bunker in Berlin bombardieren. Bereits damals bemerkte der israelische Schriftsteller Amos Oz: Jeden Tag erweckt man Hitler erneut zum Leben, um ihn töten zu können.

Welche politischen Auswirkungen hat dieses Trauma?

Israel ist zur Insel geworden! Die Juden, die vor der Gründung Israels hier in der Region lebten, waren Teil der islamischen Gesellschaft, und jene in Europa gehörten der christlichen Welt an – dann liessen wir alle unser Leben hinter uns, doch wir sind nicht in der neuen Welt angekommen: Wir bauen rund um uns Mauern und Zäune, und wir versuchen nicht ernsthaft, die Konflikte mit unseren Nachbarn zu lösen. Wir vertrauen weder der alten noch der neuen Welt.

Wie erklären Sie sich dieses Trauma?

Der Holocaust ist ja keine Fiktion. Die Traumatisierung hat stattgefunden.

Ein Trauma kann man überwinden ...

Das Problem ist: Es gibt hier tatsächlich viele Gefahren – die Leute lesen in der Zeitung von iranischen Atomplänen, von Raketen, die aus dem Gazastreifen abgefeuert werden. Und diese Gefahren werden dann politisch missbraucht – aber schauen Sie ihr eigenes Land an, in dem es der Partei von Christoph Blocher gelungen ist, mit ein paar Minaretten und zwei, drei Burkas das Land in Angst zu versetzen; und überlegen Sie sich dann, wie einfach das bei uns sein muss. Aber ja, die Frage ist tatsächlich: Wollen wir das Trauma überwinden, oder benutzen wir unsere Geschichte als Ausrede, um unser Trauma nicht überwinden zu müssen, damit wir uns der Welt nicht öffnen müssen? Israel steht vor der Alternative: einer Strategie des Traumas oder einer Strategie des Vertrauens.

Sie plädieren für mehr Vertrauen in die Welt?

Ja, das ist die Strategie, die ich meinem Volk vorschlage.

Und welche Lehren ziehen Sie aus dem Holocaust?

Mein Lehrer sagte einmal, es seien zwei Arten von Menschen aus Auschwitz zurückgekehrt. Jene, die sagten: ‹Nie wieder›, und die damit meinten: ‹Nie wieder den Juden› – und dazu brauche es die dicksten Mauern, die mächtigste Luftwaffe und die tiefsten Bunker. Und jene, die ‹Nie wieder› sagten, und damit meinten: ‹Nie wieder der Menschheit›. Für mich ist das die universalistische Botschaft des Holocaust. Doch bis heute bewahren wir uns das Monopol.

Ein Monopol?

Ja, ein Monopol über das Leiden. Wer auch immer in der Welt leidet: Sein Leiden ist nie so gross wie unseres.

Was meinen Sie mit Universalismus?

Dass wir dieser Welt angehören und ihr gegenüber eine Verantwortung wahrzunehmen haben. Philosophen wie Baruch Spinoza, Walter Benjamin – sie alle haben dieser Welt etwas gegeben und im Gegenzug etwas zurückbekommen. Das ist seit der Gründung Israels vorbei. Ich will wieder Teil dieser Welt sein und, dass die Welt ein Teil von mir ist.

Sie schreiben, der Holocaust sei Israels neue Religion. Doch die Siedlerbewegung, die Ihr Land dominiert und seit Jahrzehnten den Friedensprozess torpediert, beruft sich nicht auf den Holocaust, sondern auf das Judentum.

Einerseits sind die Siedler zwar von einer tief messianischen Theologie getrieben. Doch andererseits: Nach der Eroberung des Westjordanlandes 1967 warnte der damalige israelische Diplomat Abba Eban davor, sich auf die – Zitat! – ‹Auschwitzgrenze› zurückzuziehen. Der Sechstagekrieg wurde also auch als Ausbruch aus Auschwitz gedeutet. Und der Holocaust beeinflusst die Siedlungspolitik noch auf eine andere Weise.

Wie denn?

Auch wenn wir Israelis es lieben, zu behaupten, die gesamte Welt sei gegen uns: Wir können uns wegen des Holocaust Dinge leisten, die niemand sonst kann: Warum toleriert die Welt seit über vierzig Jahren unsere Kolonialpolitik?

Sie behaupten, die Siedlerbewegung halte Israel in Geiselhaft. Doch die Siedler sind dort, weil Ihr Land das so will. Auch Ihre ehemalige Partei, die Arbeiterpartei.

Sicher. Schimon Peres, Jitzhak Rabin: Sie haben die ersten Siedlungen gegründet. Beide waren Mitglied der Arbeiterpartei – und beide sind Nobelpreisträger!

Die Siedler tragen also nicht die alleinige Schuld.

Sie haben wohl eine Zeile in meinem Buch überlesen: Die Siedler halten nicht nur das Land in Geiselhaft, die Israelis haben ein Stockholmsyndrom entwickelt – sie haben sich mit den Siedlern solidarisiert. Und jede Regierung hat irgendwann resigniert.

Resigniert? Die Siedlungen werden seit Jahrzehnten von jeder Regierung aktiv gefördert.

Sie haben recht. Und das ist ein Verbrechen gegen den Frieden.

Sie waren in den Achtzigern Peres’ Berater, später Knessetsprecher – und das für eine Partei, die nicht nur seit jeher den Siedlungsbau unterstützt, sondern in den letzten vier Jahren als Koalitionspartnerin der Rechten zweimal in den Krieg zog – zuerst Libanon, dann der Gazastreifen. Und auf einmal kritisieren Sie das alles?

Klären wir das auf: Ich war in den siebziger Jahren einer der Gründer der Friedensbewegung Peace Now, habe die Protestbewegung gegen den ersten Libanonkrieg lanciert, war Mitunterzeichner der Genfer Initiative und habe den Osloer Friedensprozess mitinitiiert. Ich stand also politisch schon immer da, wo ich jetzt stehe. Sicher, ich war in der Arbeiterpartei, und wenn man in der Politik ist, macht man Kompromisse. Die Kröten, die ich in den neunziger Jahren zu schlucken hatte, waren für mich okay, solange der Friedensprozess voranging. Doch in den letzten Jahren ist die Arbeiterpartei in eine Richtung abgedriftet, die ich nicht mehr unterstützen kann. Also habe ich sie verlassen. Ich war immer auf dem linken Flügel der Arbeiterpartei – war das links genug? Ich weiss es nicht.

Vor drei Jahren noch haben Sie sich für die Kandidatur von Ehud Barak zum Parteivorsitzenden der Arbeiterpartei ausgesprochen – ein gutes Jahr später zog Barak dann als Verteidigungsminister in den Gazakrieg.

Ich habe Barak unterstützt, weil wir damals gerade aus dem Libanonkrieg heimkamen und das grösste Problem des Landes darin bestand, dass die Leute das Vertrauen in Israels Verteidigung verloren hatten. Barak war damals die richtige Person, um dieses Vertrauen zurückzugewinnen. Bin ich glücklich mit dem, was er daraufhin tat? Weit davon entfernt!

Sie sind ein guter Freund von Ex-Premierminister Ehud Olmert ...

... das ist auf rein persönlicher Ebene.

2006 liess Olmert Beirut bombardieren, 2009 dann den Gazastreifen – was haben Sie ihrem Freund gesagt?

Dass es grauenhaft ist! Als er aus Libanon nach Hause kam und seine Popularität am Boden lag, sagte er: ‹Avrum, was soll ich machen?› Ich sagte ihm: ‹Ehud, nimm die bestehende Genfer Friedensinitiative und mach sie zu deiner neuen Strategie.› Er sagte: ‹Aber dann werden fünfzig Prozent aller Israelis gegen mich sein.› Und ich antwortete: ‹Das ist ja perfekt, denn jetzt sind es hundert Prozent.› Ich sprach zu ihm – aber als Freund. Ein Freund ist ein Freund. Und Fehler sind Fehler.

Beobachtet man die israelische Politik, hat man das Gefühl, dass es den Politikern nicht wirklich ernst ist mit der Gründung eines palästinensischen Staates.

Ich habe genau dasselbe Gefühl. Sie haben sich in den Prozess verliebt. Sie wollen nicht ans Ziel.

Warum?

Ich wünschte, ich hätte eine Antwort.

Weil es sich in Israel auch ohne Frieden gemütlich leben lässt?

Ja, das Leben ist gemütlich. Und die Welt toleriert, dass wir über Frieden reden und gleichzeitig seit über vierzig Jahren ein Land besetzen. Wir mussten bis heute keinen Preis dafür bezahlen.

Dieser Artikel wurde ermöglicht durch den Recherchierfonds des Fördervereins ProWOZ. Dieser Fonds unterstützt Recherchen und Reportagen, die die finanziellen Möglichkeiten der WOZ übersteigen. Er speist sich aus Spenden der WOZ-LeserInnen.

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