Nr. 26/2010 vom 01.07.2010

Verstehen, wie die Liebe spielt

Der Dramatiker Simon Froehling debütiert mit einem Aidsroman: einem packenden Dokument über Schwulensex und Liebe, die nach Leben schreit.

Von Anna Wegelin

Patrick Troesch ist etwas über dreissig, Brillenträger und hat ein Bäuchlein. Er lebt in Zürich und arbeitet als Journalist bei einer Nachrichtenagentur. In einer Yogastunde lernt er einen jüngeren Mann kennen. Und will den schönen Unbekannten mit Haut und Haar: «Mir gefiel das Gefühl, das in mir aufstieg, diese Ahnung, etwas Neues könnte beginnen.» Jirka Sedlak seinerseits ist der Sohn eingewanderter TschechInnen. Er hat sich vom Sachbearbeiter zum Bildredaktor hochgearbeitet. Jirka ist spärlich behaart, dünn, drahtig, ergeben und schweigsam.

Als Patrick Jirka nach einer ersten Liebesnacht, in der sie sich «aneinander austoben», wortlos verlässt – aus Angst, seine Liebe werde nicht erwidert –, taucht Jirka in einen Sex- und Drogenrausch ab. Er steckt sich mit dem HI-Virus an; und Patrick, der wieder zurückgekommen ist, wahrscheinlich auch.

Simon Froehling, australisch-schweizerischer Doppelbürger mit Wohnsitz in Zürich und Berlin, hat bislang vor allem als Theaterautor gewirkt. Nun debütiert der 32-Jährige mit dem Schwulenroman «Lange Nächte Tag», der die Selbstfindung und Selbstauflösung zum Thema hat: Eros und Thanatos – Liebe und Tod. Seinen Protagonisten Patrick lässt er dabei zwischen zwei Erzählebenen des Erinnerns hin und her changieren, mit ein und demselben Ziel: Verstehen, weshalb es so weit kommen konnte. Wir erleben einerseits die ersten Wochen der innig-wilden Liebesbeziehung und wohnen mitunter heftigen erotischen Szenen bei, die via Netz auch über das Schlafzimmer hinaus in Darkrooms und andere Sexhöllen führen. Andererseits suchen wir mit Patrick in immer wiederkehrenden Monologen nach den Gründen für Jirkas selbstmörderische Ansteckung.

Leitmotiv Spiegel

Auf der Suche nach dem «Warum» landet Patrick bei seiner eigenen Kindheit im Emmental: eine englische Mutter, die jede emotionale Regung im Keim erstickt; ein Vater, der plötzlich seine Familie verlässt; eine ältere Schwester, die bei einem Motorradunfall stirbt – für Patrick eine schicksalhafte Verquickung mit Jirkas Krankheit.

Der Liebesgeschichte fehlt zwar der dramatische Countdown. Auch Ausgelassenheit ausserhalb der Liebesszenen suchen wir vergeblich. Doch die Story ist spannend und in knackigen Sätzen geschrieben. Starke, realistische Szenen wechseln mit reflexiven Momenten und Wunschfantasien. Leitmotiv ist der Spiegel, der bereits bei der ersten Begegnung zwischen Patrick und Jirka im Yoga auftaucht: «Zwei Gestalten, vervielfältigt in den beiden raumhohen und saalbreiten Wandspiegeln, schauten sich an und sahen dahinter sich selbst und dahinter den anderen und nochmals sich selbst und den anderen und nochmals, bis sie zerschellten in der Unendlichkeit.»

Ein «Knoten, der barst», heisst es später. Die Sehnsucht, im Du aufzugehen und mit ihm zu verschmelzen, ist total, wie ihre angeschwollenen Schwänze beim Sex unter der Dusche: «Ob es mein Blut war oder seins, spürte ich nicht.»

Engel mit Flügelknochen

Auch wenn die Krankheit dazu führt, dass Jirka Durchfall hat, Schweissausbrüche und entzündetes Zahnfleisch, bleibt er ein seltsam luftiges Wesen. Patrick beschreibt seinen gertenschlanken, stählernen Körper als «zweidimensional fast». Er packt Jirkas «Schulterblätter, die herausstechen wie kleine Flügelknochen» – Engelsflügel. Nicht unwahrscheinlich, dass sich Simon Froehling für seinen Roman von Tony Kushners Aidsdrama «Angels in America» von 1993 hat inspirieren lassen. «Lange Nächte Tag» ist jedoch ein Kammerspiel zweier Liebes- und Lebenshungrigen und lässt den sexualpolitischen Kontext ausser Acht.

Bis fast zuletzt hält Patrick am Wunsch fest, alles ungeschehen zu machen. Er möchte Jirka auf dem Weg zu seiner fatalen HIV-Ansteckung «an der Hand nehmen (...) und ihn zu mir ziehen, weg von der Strasse, hoch hinauf in die Luft ziehen, denn wir sind Hexen und fliegen in einem hohen Bogen direkt zu mir ins Schlafzimmer und in eine andere Zukunft, in der wir aufwachen und diese Tage und Nächte: nie passiert.»

Doch zuletzt muss er sein Schicksal selbst in die Hand nehmen, will er seinem Geliebten wenigstens im Tod gleich sein.

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