Nr. 32/2010 vom 12.08.2010

DDR, lyrisch

Von Jochen Kelter

Da sind sie versammelt, die LyrikerInnen der DDR: von Erich Arendt über Bert Brecht, Elke Erb, Peter Huchel, Sarah Kirsch bis Christa Reinig. Bis zuletzt Gebliebene, Ausgebürgerte und Ausgewanderte. Klingende Namen einer grossen Tradition, die die (westdeutschen) Herausgeber Heinz Ludwig Arnold und Hermann Korte mit Gedichten chronologisch vorstellen. Der Zeitraum reicht von 1945 bis 1999. Die DDR hatte auch eine literarische Vorgeschichte, und erst heute dreissig- bis vierzigjährige AutorInnen stehen nicht mehr in der literarischen DDR-Tradition.

Für viele indessen gilt die Zeile aus dem berühmt gewordenen Gedicht «Das Eigentum» (1990) von Volker Braun, in dem es noch heisst: «Was ich niemals besass, wird mir entrissen. / Was ich nicht lebte, werd ich ewig missen.» Zu Recht verweisen die Herausgeber darauf, dass in den fünfziger Jahren das Naturgedicht die gesamte deutschsprachige Literatur dominiert, obschon sich unter den abgedruckten Gedichten der Nachkriegszeit auch viele «politische» finden. Mit noch grösserer Berechtigung verweisen sie darauf, dass der Lyrik in der DDR eine «aus heutiger Sicht kaum nachvollziehbare obrigkeitsstaatliche Aufmerksamkeit» zuteil wurde. Wenn man die heutige gesellschaftliche Bedeutungslosigkeit von Gedichten betrachtet, scheint diese Zensur von Lyrik Lichtjahre entfernt.

Oft konnte man in den achtziger Jahren ein deutschsprachiges Gedicht nicht allein am Thema, vielmehr an seiner Machart als Gedicht aus der DDR identifizieren. Die dortige Lyrikproduktion blieb weitgehend unbeeinflusst von artifizieller Hermetik, neuer Subjektivität oder dem aus den USA importierten Alltagsparlando westdeutscher Lyrik nach 1968. Stattdessen fühlte sie sich der Tradition der deutschen Klassik und Moderne verpflichtet, war also viel «deutscher» als die westdeutsche Poesie.

Beachtlich, dass ein Verlag es wagt, ein solch umfangreiches, kaum bestsellerträchtiges Standardwerk herauszugeben.

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