Nr. 37/2010 vom 16.09.2010

Ist Ihnen das nicht etwas zu viel Familie?

Sein Leben und seine Arbeit sind seit jeher ineinander verwickelt: «Du mich auch» (1986) hat Dani Levy mit seiner früheren Freundin Anja Franke gedreht. Mit der damaligen Lebenspartnerin Maria Schrader realisierte er «RobbyKallePaul» (1989), «Stille Nacht» (1995) und «Meschugge» (1998). In «Das Leben ist zu lang» spielt Levy nun einen Regisseur namens Dani Levy.

Von Bettina Spoerri (Text) und Ursula Häne (Foto)

Dani Levy: «Das war so eine seltsame Lust an Selbstsabotage.»

WOZ: Der Stoff zu Ihrem neuen Film «Das Leben ist zu lang» stammt wesentlich auch aus Ihrem eigenen Leben als Filmemacher. Wann wussten Sie, dass Sie darauf einen Spielfilm aufbauen wollen?
Dani Levy: Das war ein sehr impulsiver und schneller Entschluss, diesen Film zu machen, dem ging keine lange Planung voraus ...

Weil das Leben schliesslich eben eher zu kurz ist?
Ja, weil das Leben zu kurz ist! Und weil ich das Gefühl hatte – ich kann das gar nicht rational erklären –, es war wie ein kindlicher Wunsch. Ich arbeitete an einem ganz anderen Projekt, als plötzlich ein Funken entstand, der ein ganzes Fass von Geschichten, die offensichtlich schon lange in mir lagerten und schwelten, entzündet hat.

Das Filmprojekt «Das Leben ist zu lang» ist dann sozusagen von einem Tag auf den anderen entstanden, ich schrieb auch das Drehbuch sehr schnell – und hatte darauf das Gefühl, dass das gar kein grosser und erfolgreicher Film sein müsste. Er ist einfach meine Liebeserklärung an die Situation eines Künstlers in dieser Gesellschaft.

In «Das Leben ist zu lang» gibt es diesen Moment, in dem die Hauptfigur Alfi Seliger wie durch einen doppelten Boden fällt und die «Realität» plötzlich ganz anders aussieht, als es schien. Dazu löst wie in einer Screwball-Comedy aus dem Hollywood der dreissiger Jahre ein Missgeschick das nächste aus. Wie sind Sie beim Schreiben des Drehbuchs vorgegangen?
Da muss ich vorausschicken: Es gibt Filmprojekte, die entstehen mit viel gedanklicher Vorarbeit, man skizziert Szenenabfolgen, macht eine Struktur, hat den Film als gesamten schon im Voraus im Bild. Und es gibt Projekte wie «Das Leben ist zu lang»: Die schreibe ich aus dem Bauch heraus spontan auf, und ich weiss nicht wirklich, wohin die Geschichte gehen wird. Nach ungefähr sechzig, siebzig Seiten hatte ich aber das Gefühl: Jetzt braucht es einen Bruch, die Geschichte muss sich selber in Frage stellen.

Warum eigentlich?
Das war so eine seltsame Lust an Selbstsabotage. Ich glaube allerdings, dass das etwas sehr Jüdisches ist, dieses Sich-selber-infrage-Stellen ... So entstand die Zäsur in meinem Film, dass Alfi Seliger – im Koma – entdeckt, dass er eine Figur in einem Dani-Levy-Film ist. Und dann anfängt, diesen Dani Levy zu bekämpfen. Das ist ja eigentlich eine völlig hirnrissige Idee, aber sie hat mir offenbar gefallen ...

Allerdings gibt es diese deutliche Selbstreflexivität gerade auch in einigen neueren Filmen, so zum Beispiel in Peter Weirs «The Truman Show» oder «Stranger than Fiction» von Marc Forster.
Ich habe vor allem auch an Spike Jonzes «Being John Malkovich» gedacht, zu dem Charlie Kaufman das Drehbuch geschrieben hat. Dieser Film spielt auch mit der Frage: Auf welcher Ebene bewege ich mich gerade? Da gibt es die Welt hinter der Welt hinter der Welt. Oder, wie in Christopher Nolans neuem Film «Inception», den Traum im Traum im Traum. Natürlich gibt es viele solche Beispiele, auch in der Literatur. Oder in der Filmgeschichte.

Zum Beispiel?
Ich denke an Buster Keaton, wenn er aus der Leinwand rausfällt und dann verzweifelt versucht, wieder in diese zurückzukrabbeln, in die Geschichte hinein. Aber man muss ja nicht das Rad neu erfinden – im Gegenteil: Film ist ein Recyceln, ein Umgehen mit Filmtraditionen, mit dem Filmerbe.

Levy zitiert ja auch Levy. So tauchen in «Das Leben ist zu lang» einzelne Elemente aus Ihrem Kurzfilm «Joshua» auf, der als Ihr Beitrag zu «Deutschland 09 – 13 kurze Filme zur Lage der Nation» im vergangenen Jahr herausgekommen ist. Wie hängen die beiden Filme zusammen?
Zuerst war die Idee zu «Das Leben ist zu lang», und daraus habe ich eine Art von Kurzfilm kondensiert – wobei der ganz anders funktioniert.

In «Joshua» spielt Ihr Sohn mit, in «Das Leben ist zu lang» Ihre Tochter. Nicht zu viel Familie?
Meine Liebe zum «Familienfilm» ist schon alt, ich bin ein Familienmensch. Ich habe ja immer auch schon mit meinen Geliebten oder Freundinnen Filme gemacht. Und ich arbeite immer wieder mit der gleichen Crew, darunter dem Kameramann Carl-Friedrich Koschnick oder dem Musiker Niki Reiser. Ich glaube, dass das Arbeiten in Clans – oder vielmehr: in Gangs – die Qualität befördert, weil man gegenseitig Vertrauen hat, zusammen schon kritische Phasen durchgemacht hat und ehrlich miteinander reden kann.

Die Grenzen zwischen Privatleben und Berufsalltag sind also fliessend?
Mein Leben und meine Arbeit, mein Leben und meine Filme befinden sich in einer unübersichtlichen Verwicklung miteinander. Ich kann da selber nicht mehr orten, wo was aufhört und beginnt. Das ist wie bei zwei Flüssigkeiten, die ineinanderfliessen. Ich war schon ganz früh in meinem Leben fasziniert von Menschen, die ihr Leben und die Kunst nicht scharf voneinander trennen, sondern das eine vom anderen befruchten lassen. Das finde ich ein sehr reizvolles Modell.

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