Nr. 38/2010 vom 23.09.2010

Der dissidente Flic

Wie Yves Patrick Delachaux vom Quartierpolizisten zum prominenten Kritiker der Genfer Polizei wurde.

Von Helen Brügger

Er wirft sich in die Brust und trompetet im Kasernenhofton: «Delachaux, du hast nichts als eine grosse Schnauze!» Wer so lustvoll seinen früheren Vorgesetzten imitiert, ist Yves Patrick Delachaux, Ex-Quartierpolizist, 44-jährig. Vor zwei Jahren hat er den Bettel hingeschmissen: «Die Genfer Polizeidirektion ist inkompetent, autistisch und verkalkt», sagt er. Schlimmer: «Ein Gebilde, in dem das Gesetz des Schweigens herrscht, wie bei der Mafia.»

Widerstand leisten

«Du trittst in die Polizei ein, weil du ‹Freund und Helfer› sein möchtest. Es dauert etwa drei, vier Jahre, bis du alles durchschaut hast. Dann kriegst du den Blues. Du kannst deine Zweifel im Alkohol ertränken oder Widerstand leisten.» Delachaux, Polizist im «heissen», multikulturellen Genfer Quartier Le Pâquis, leistete Widerstand. Statt auf Repression setzte er auf Prävention und Schlichtung, auf Kontakte mit den ausländischen Gemeinschaften. Daraus entstanden die «îlotiers ethniques», bürgernahe, zwischen den kulturellen Gemeinschaften vermittelnde Quartierpolizisten.

Pragmatischer Utopist

«Ich erhalte enorm viel Unterstützung von meinen ehemaligen Kollegen», sagt Delachaux. Das Problem seien nicht die Polizisten vor Ort, sondern die «kleinen Bosse, die sich gross fühlen, wenn sie wie in Genf grosse schwarze Motorräder anschaffen dürfen». Delachaux warnt vor der Sicherheitshysterie, davor, dass die Polizei wie eine Armee auftrete. «Solche Einsätze schaffen die Probleme erst, die sie zu lösen vorgeben», ist er überzeugt. «Und wem nützt das alles? Der extremen Rechten!»

Ist es nicht ein bisschen naiv, zu glauben, man könne eine Institution wie die Polizei demokratisieren? «Naiv? Nein, aber vielleicht utopisch! Aber ich bin ein pragmatischer Utopist, ich rede nicht nur, ich mache Vorschläge.» Seine Wohnung ist mit Kunstgegenständen aus dem Fernen Osten geschmückt, auf seinen Reisen habe ihn der Zenbuddhismus angezogen, gleichzeitig könne er seine protestantischen Wurzeln nicht leugnen: «Mir ist nicht wohl, wenn ich nicht jeden Tag mit dem Gefühl abschliessen kann, die Gesellschaft ein wenig verändert zu haben.» Deshalb freue es ihn, dass die Genfer Regierung endlich eine Polizeireform plane.

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