Nr. 42/2010 vom 21.10.2010

«Ich bekomme Bauchweh, wenn ich Unrecht empfinde.»

Micha Lewinsky engagiert sich als Filmemacher gegen die SVP-Ausschaffungsinitiative – und auch den Gegenvorschlag. Die WOZ sprach mit ihm über Motivation, Gratisarbeit und Sympathien.

Interview: Jan JirátMail an AutorIn

Der Drehbuchautor und Filmregisseur Micha Lewinsky ist vor allem bekannt durch seine beiden jüngsten Regiearbeiten «Der Freund» (2008) und «Die Standesbeamtin» (2009). Anfang Oktober ist auf Facebook ein kurzer Trailer aufgetaucht, der einen neuen Film des 38-jährigen Zürchers ankündigt: «Vor die Tür!» heisst der Titel, Hanspeter Müller-Drossaart spielt mit. Mehr gibt der Trailer nicht preis.

In seinem Atelier im Zürcher Kreis 4 hat Lewinsky der WOZ «Vor die Tür!» gezeigt – ein Film im Wortsinn ist es nicht. Es handelt sich vielmehr um drei einminütige Spots. Schauplatz ist jeweils ein Klassenzimmer, in dem SchülerInnen ein Diktat schreiben, «Frère Jacques» singen und dem Lehrer (Müller-Drossaart) Fragen stellen. Die Botschaft am Ende der Spots aber ist die gleiche: Nein zur Ausschaffungsinitiative der SVP, Nein zum Gegenvorschlag!

WOZ: Herr Lewinsky, Sie sind bisher nicht als politischer Filmemacher aufgefallen. Wie kommt es zu Ihrem plötzlichen politischen Engagement?

Micha Lewinsky: Ich habe mir selbst zwischendurch immer wieder vorgeworfen, dass meine Filme nicht politisch sind. Es gab in der Vergangenheit Projekte in diese Richtung, aber sie sind gescheitert. Es ist schon schwierig genug, überhaupt einen Film zu drehen, mit dem ich zufrieden bin. Nach der Minarettverbotsinitiative hatte ich allerdings das Gefühl, jetzt müsse ich etwas unternehmen. Es war mir sehr peinlich, dass die Initiative so locker durchgekommen ist – und ich persönlich nichts dagegen unternommen habe.

Es war also eine innere Notwendigkeit, die Sie dazu gebracht hat, die drei Spots zu drehen?

Ja. Es hat mich beelendet, zu sehen, wie die SVP mit einer populistischen und gezielt fremdenfeindlichen Kampagne durchgekommen ist, bei der es nicht um die Sache ging, sondern nur darum, die nächsten Wahlen zu gewinnen und den politischen Gegner zu diskreditieren. Und wir anderen waren zu wenig wach, um ihnen entgegenzutreten.

Wie sind die drei Spots entstanden und umgesetzt worden?

Die Drehbücher hat Jann Preuss geschrieben, der auch sonst mit mir zusammenarbeitet. Er war einer von vielen, die sich ohne Bezahlung für dieses Projekt eingesetzt haben. Das Schöne war, dass ich nur sagen musste: Komm, wir machen etwas! Ich musste niemanden, wirklich niemanden zweimal anfragen. Alle haben gefunden: Endlich kann man einmal etwas machen. Die Umsetzung der Spots – Drehbuchbesprechungen, Castings, das Drehen, der Schnitt – hat über einen Monat in Anspruch genommen. Wären es Werbespots gewesen, hätte das 120 000 Franken gekostet.

Ist es nicht frustrierend, zu sehen, wie die SVP aus ihrer millionenschweren Propagandakasse eine gigantische Plakat- und Inseratekampagne aufziehen kann, während Sie auf Goodwill Ihres Umfelds angewiesen sind und gratis arbeiten?

Durch dieses Projekt sind mir die Dimensionen erst wirklich bewusst geworden. Es ist beunruhigend, wie professionell, hierarchisch und straff die SVP organisiert ist. Die politische Linke mit ihren oft basisdemokratischen Strukturen ist viel ineffizienter. Es ist, als ob ein paar wenige Leute mit bestem Wissen und Gewissen und wenig finanziellen Mitteln gegen einen Berg ankämpfen würden.

Entsteht im Kunstbereich momentan so etwas wie eine politische Bewegung? Ihr Projekt ist ja auch in Zusammenarbeit mit der Initiative Kunst+Politik entstanden, durch die sich Künstlerinnen und Künstler vermehrt politisch engagieren wollen.

Das hoffe ich zumindest. Ich habe aber nicht das Gefühl, dass die Kunst wie früher einmal ganz konkrete politische Ziele verfolgt. Das finde ich auch nicht unbedingt nötig. In der Kunst geht es ja nicht darum, Tagespolitik zu machen. Aber ich finde es super, wenn immer mehr Leute aus der Kunstszene die Öffentlichkeit, die sie durch ihre Arbeit erhalten haben, auch für ihre politischen Ideen und Standpunkte nutzen.

Im Zentrum der Spots steht ein Klassenzimmer. Weshalb haben Sie gerade diesen Ort für Ihre Botschaft gewählt?

Die Frage von Jann Preuss beim Schreiben war, wie man die Ungerechtigkeit und Ungleichbehandlung, die die Initiative schafft, einem Kind erklären kann. Möglichst einfach. Daran haben wir uns gehalten. Jemand wird für das gleiche Vergehen aus dem Unterricht geworfen, während der andere bleiben darf – nur weil er einen roten Pass besitzt.

Gerechtigkeit und Ungleichbehandlung sind Ihre beiden Schlüsselbegriffe.

Ich bin nicht wirklich ein politischer Mensch. Aber Gerechtigkeit, das war mir immer sehr wichtig. Ich bekomme Bauchweh, wenn ich etwas als ungerecht empfinde.

Wann haben Sie zum ersten Mal dieses Bauchweh bekommen?

Es muss Mitte der achtziger Jahre gewesen sein. Damals machten tamilische Flüchtlinge auf die Situation in ihrer Heimat aufmerksam. Die Nationale Aktion, die heutigen Schweizer Demokraten, nutzte das schamlos für ihre fremdenfeindliche Propaganda. Als Teenager war für mich klar, wo meine Sympathien liegen.

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