Nr. 45/2010 vom 11.11.2010

Welches Amt möchten Sie einmal ausüben?

Die Berner FDP-Nationalrätin Christa Markwalder versucht ein Plakat der Economiesuisse zu erklären, hat nie mit einem Leben als Anarchistin geliebäugelt und möchte lieber Stände- als Bundesrätin werden.

Interview: Dinu Gautier

WOZ: Frau Markwalder, als Sie vor vierzehn Jahren in die Parteipolitik einstiegen, setzten Sie sich vor allem für Umweltanliegen ein. Sind Sie nur zufällig bei den Freisinnigen gelandet?
Christa Markwalder: Das war nicht ganz zufällig. Eine liberale Grundeinstellung war mir bereits als Teenager wichtig. Ich habe immer für meine Freiheiten gekämpft.

Da hätten Sie doch autonome Anarchistin werden können.
Oh, das ist nicht meine Welt. Ich wollte mich immer für eine konstruktive Politik einsetzen. Die Jungfreisinnigen haben mich damals angefragt, fürs Burgdorfer Stadtparlament zu kandidieren. Zwei Jahre später konnte ich in den Rat nachrücken. Der politische Virus hat mich infiziert, und ich begann mich auch auf kantonaler und nationaler Ebene zu engagieren.

In den neunziger Jahren kämpften Sie für die Umverkehr-Initiative. Die verlangte die Halbierung des Individualverkehrs.
Schon als Maturandin sammelte ich dafür Unterschriften – ein wichtiger Politisierungsschritt. Bis heute fahre ich nicht Auto. Ich habe auch keinen Führerschein.

Im letzten Nationalratswahlkampf haben Sie sich aber gegen eine Reduktion der Ausgaben im Strassenbau ausgesprochen. Haben Sie die Seiten gewechselt?
Nein, den Tatbeweis erbringe ich ja in meinem Alltag. Letztlich geht es darum, dass begonnene Projekte der landesweiten Strasseninfrastruktur fertiggestellt werden können und nicht durch Budgetkürzungen infrage gestellt werden.

Zurück zu Ihrer Biografie: Sie studierten Rechtswissenschaften, schlossen mit einer LizArbeit über den Flüchtlingsbegriff ab und sind dann beim Grosskapital gelandet.
(Lacht.) Das finde ich eine interessante Abkürzung meines Werdegangs. Zwischendurch habe ich an der Uni als Assistentin für Europarecht gearbeitet, und seit drei Jahren bin ich zu fünfzig Prozent bei der Zürich-Versicherung als Juristin im Bereich Government and Industry Affairs angestellt. Das ist unser Thinktank, der regulatorische, ökonomische und gesellschaftliche Entwicklungen zu antizipieren versucht, Analysen erstellt und Strategien entwickelt. Ich arbeite in einem internationalen Team, was mir sehr gut gefällt. Meine Arbeit ist zum Teil juristischer Natur, zum anderen Teil arbeite ich mit anderen Akteuren wie Verbänden zusammen.

Zu Deutsch: ein Lobbyposten.
So würde ich es nicht bezeichnen, denn ich trenne Politik und Arbeit voneinander. Wenn Sie meine Voten oder Vorstösse im Nationalrat nachlesen, werden Sie sehen, dass versicherungsrelevante Fragen in meiner parlamentarischen Tätigkeit eine untergeordnete Rolle spielen. Meine Themen ergeben sich aus meiner Kommissionsarbeit – in der Aussenpolitik und bei Rechtsfragen. Mein Engagement bei der Abstimmung über den Umwandlungssatz war politisch und nicht beruflich motiviert.

Was verdienen Sie? Mehr oder weniger als ­250  000 Franken, inklusive Parlamentsentschädigung?
Das ist privat. Aber Sie spielen auf die SP-Steuergerechtigkeitsinitiative an.

Können Sie mir das Plakat der Initiativgegner erklären, das Kantonsflaggen in einer brennenden Landschaft zeigt?
Das Plakat soll symbolisieren, dass der Steuerföderalismus eine wesentliche Stärke der schweizerischen Finanzpolitik ist und dass dieser durch die SP-Initiative ausgehöhlt würde, weil eine Mehrheit der Kantone ihre Steuern erhöhen müsste.

Und dann die Kantone die Feuerwehr nicht mehr bezahlen könnten?
Das ist eine originelle Interpretation.

Letzte Woche mussten Sie sich einer partei­internen Abstimmung um die Ständeratskandidatur der FDP im Kanton Bern stellen. Die alten, neidischen Männer, die gegen Sie mobilisiert hatten, waren chancenlos.
Ich bin enorm froh über das klare Resultat und habe eine sehr grosse Unterstützung erfahren, die es nur dank dieser Ausmarchung gegeben hat.

Sie haben letzte Woche gesagt, Sie wollten dort sein, wo es Wichtiges zu entscheiden gilt. Wenn Sie frei wählen dürften: Welches politische Amt möchten Sie einmal ausüben?
Das Amt der Ständerätin natürlich. Der Ständerat gefällt mir als «chambre de réflexion». Da wird mehr debattiert, aufeinander eingegangen und mehr Sachpolitik gemacht als parteipolitischer Schlagabtausch betrieben. Der Ständerat ist eine intellektuelle Herausforderung.

Sie hätten EU-Kommissarin oder Bundesrätin wählen können.
Ich finde es witzig, dass viele Leute das Gefühl haben, man setze sich nur für mehr Mitsprache auf europäischer Ebene ein, weil man selber einen Posten in der EU anstrebe. Das ist Unsinn. So viel zur EU-Kommissarin. Was die Exekutive betrifft: Gerade vor dem Amt der Bundesräte habe ich einen sehr grossen Respekt. Es ist ein schwieriger und harter Job, und man muss sich wirklich zweimal überlegen, ob man eine solch enorme Verantwortung tragen und alle anderen Dinge aufgeben will.

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