Nr. 14/2011 vom 07.04.2011

Mit Seife zum Sarkophag

Einst sang Anna Kosizkaja (61) in der Sowjetunion Songs von ABBA. Nach der Atomkatastrophe von Tschernobyl wurde sie 1989 als Liquidatorin beim zerstörten Reaktor eingesetzt und putzte die radioaktiv verseuchte Zone. Heute lebt Kosizkaja in Basel – und denkt immer noch oft an Tschernobyl.

Von Thomas Bürgisser

«Ich spürte physisch, wie mir vor Schreck die Haare zu Berge standen», erinnert sich Anna Kosizkaja an jene Nacht des 26. Aprils 1986. Kosizkaja lebte damals mit ihrem Mann im Kiewer Vorort Irpin. Ein Freund, der bei der Feuerwehr arbeitete, hatte die Eheleute aus dem Schlaf gerissen: «Verschliesst alle Türen und Fenster», schrie er, «Tschernobyl brennt!» Bevor er zu seinem Einsatz fuhr, riet er ihnen, die Wohnung von allem Staub zu reinigen und sich die Haare zu waschen, damit sich keine radioaktiven Partikel festsetzen können.

Bereit für den Atomkrieg

Zwischen 600 000 und einer Million SowjetbürgerInnen arbeiteten seit der Katastrophe als sogenannte LiquidatorInnen in Tschernobyl. Kosizkaja, die seit 2002 in der Nähe von Basel lebt, war eine davon. Aus der Traum von Haus und Familie, das sei ihr in jener Nacht schon klar geworden. Als sie Ende der sechziger Jahre am Institut für Fremdsprachen in der ukrainischen Provinzstadt Gorlowka studiert hatte, war vor allem die medizinische und radiologische Schulung der Mädchen im Vordergrund gestanden. Man hatte sie für Erste-Hilfe-Einsätze im Falle eines Atomkriegs vorbereitet. Die Schulabgängerinnen waren automatisch Reservistinnen – Kosizkaja musste nach der Reaktorkatastrophe mit einem Aufgebot rechnen.

Geboren wurde Anna Kosizkaja 1949 im ostukrainischen Donbass-Gebiet. Die lebensfrohe und eigenwillige Russin wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf. Als Tochter eines ehemaligen Oppositionellen und einer während des Kriegs nach Deutschland verschleppten Zwangsarbeiterin, die nach ihrer Rückkehr als «Verräterin» Repressionen ausgesetzt war, setzte sie sich schon früh kritisch mit dem System auseinander. Nachdem sie die in Abschriften unter der Hand kursierenden Werke Alexander Solschenizyns gelesen hatte, sagt sie heute, «wusste ich, in was für einem Land ich lebte».

Als Lehrerin, wie vom System vorgesehen, mochte Kosizkaja bald nicht mehr arbeiten: «Ich wollte die Köpfe der Kinder nicht mit den Lügen füllen, an die ich selbst schon nicht mehr glaubte.» Ihr Traum war immer die Musik gewesen, der Gesang. 1970 konnte sie ins Musikgeschäft wechseln und bereiste fortan die ganze Sowjetunion, sang in Restaurants und an Parteiveranstaltungen die begehrten Poptitel von ABBA und Boney M. aus dem so fernen Westen. 1985 beschloss sie, ihre Karriere als Sängerin abzubrechen und eine Familie zu gründen. Ihre ganzen Ersparnisse steckten sie und ihr damaliger Mann in den Bau eines Hauses in Irpin.

Als sich die Behörden nach dem Zwischenfall von Tschernobyl in Schweigen hüllten, hatte Kosizkaja Angst: «Wir entschlossen uns zu fliehen.» Nie werde sie die bedrückende Atmosphäre am Kiewer Bahnhof vergessen, wo Tausende für Billette anstanden, um aus dem verseuchten Gebiet zu entfliehen. «Es herrschte Grabesstille», keiner habe ein Wort gesprochen. Kosizkaja und ihr Mann flohen zu Verwandten nach Sibirien. Später übersiedelten sie nach Turkmenistan, arbeiteten dort auf dem Bau. Ihr Mann jedoch wollte zurück nach Hause. 1989 liess sie sich zur Rückkehr nach Kiew überreden. Immer noch dienstpflichtig, wurde Kosizkaja umgehend als Liquidatorin mobilisiert.

Zwischen 1989 und 1992 war sie damit betraut, die radioaktiv verseuchte Zone – Gebäude, Dächer, Anlagen, Fassaden – zu dekontaminieren. Alles war Handarbeit, die Ausrüstung war mangelhaft, über Strahlenschutzanzüge verfügten die Liquidatoren nicht. Keine Geräte, keine Technik. «Alles, was wir hatten, waren Wasser und Seife.» Spritzen, schrubben, putzen, bürsten. «Eigentlich arbeiteten wir», lacht Kosizkaja, «wie normale Reinigungskräfte.» Ihre Einsatzzentrale lag unmittelbar gegenüber dem «Sarkophag» aus Beton, der über dem zerstörten Block 4 des Reaktors hochgezogen worden war. Die LiquidatorInnen arbeiteten im Schichtbetrieb, doch auch in den Erholungsphasen verliessen sie das verstrahlte Gebiet nicht: «Es war eine Katastrophe, ein Verbrechen, ein Albtraum.» Kosizkaja erzählt nicht viel über ihre Arbeit dort.

Schockiert über Fukushima

Dann wurde sie krank. Die Ärzte entdeckten Knoten in den Brüsten und im Kehlkopf. Nach einer Operation an den Stimmbändern wurde ihr dringend geraten, das Gebiet zu verlassen. Die Sowjetunion mit ihren versiegelten Grenzen hatte mittlerweile aufgehört zu existieren. Auf verschlungenen Wegen schlug sich Kosizkaja allein in den Westen durch – auch auf der Suche nach medizinischer Hilfe. Kosizkaja leidet unter chronischen Beschwerden, die sie auf die Verstrahlung zurückführt. Ständig muss sie in medizinische Behandlung. Sie wurde mehrfach operiert. Müde sei sie, sagt Kosizkaja. «Tschernobyl» ist für sie noch lange nicht vorbei.

«Ich bin schockiert über das, was in Japan passiert ist, ich fühle mit allen Betroffenen mit», sagt sie nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima. Ihr ganzer Organismus habe darauf reagiert – «genau wie damals, 1986».

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