Nr. 21/2011 vom 26.05.2011

Grundlos aus der Welt gefallen

Ghislaine Dunant legt die akribische Studie eines rätselhaften Zustands vor.

Von Johanna Lier

Niemand wird je herausfinden, warum es geschieht. Allmählich rückt die Welt immer mehr weg, bis das Individuum mangels Berührung und Widerstand plötzlich zusammenbricht. So ergeht es einer jungen Frau, die in den siebziger Jahren in Paris ein völlig normales Leben führt. Nichts Besonderes hat sich ereignet, es passiert einfach so.

In der Klinik durchlebt sie Monate voller Einsamkeit und Angst. Die Ärzte und Pflegerinnen tun unverständliche Dinge, die PatientInnen existieren völlig entfremdet und beziehungslos. Hartnäckig stellt sie sich allen in den Weg, sucht verzweifelt nach einer Begegnung, um sich gleich wieder erschöpft zu verkriechen. Starrt die Wände an und studiert ihre Körperteile, um dem Fehlen der Resonanz auf die Spur zu kommen. Nicht mal der Urlaub am Meer kann Erleichterung bringen. Die Wellen weichen zurück, die Felsen erstarren, die Palmen bleiben unauffindbar.

Die schweizerisch-französische Autorin Ghislaine Dunant (1950 geboren) legt mit ihrem vierten, auf Französisch bereits 2007 erschienenen Roman die akribische Studie eines rätselhaften Zustands vor. Nur andeutungsweise erfährt man vom frühen Tod der Mutter und Bruchstücke einer Biografie, jede Deutung fällt weg, die Krankheit erscheint als unfassbarer über einen Menschen hereingebrochener Schlag. Radikal aus der Innenwelt der jungen Frau erzählt ist der Text, und so ahnt man lediglich aufgrund der Behandlung, die der Frau widerfährt, dass sie wohl aufgehört hat zu essen und zuweilen tobt.

So schleichend, wie es über sie gekommen ist, geht es auch wieder weg. Mit einem neu gewonnenen Freund besucht sie das Café der Klinik, das für die Insassen Aussenwelt simulieren soll. Gerade diese Künstlichkeit hilft der jungen Frau zu erkennen, dass es in der Welt keine Unschuld gibt. Und zwar weder draussen noch drinnen.

Und so liegen die beiden abends auf der Wiese und spielen Sonnenbaden und Geselligkeit – wie Kinder bereiten sie sich auf das Leben vor, in das sie bald wieder hineinkatapultiert werden müssen. Unvermeidlich ist der Gang der Dinge, wie eine zu Ende gehende Geburt.

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