Nr. 34/2016 vom 25.08.2016

Der Kolonialismus herrscht noch immer in den Köpfen

Lagos im Jahr 2001: Um ein Schweizer Paar, das sich hier verliert, geht es im Roman «Bring mir Jagdfang» von Johanna Lier. Das Buch ist Krimi, sozialkritischer Gesellschaftsroman und Familiendrama in einem.

Von Silvia Süess

Das Unheil kündet sich schon auf den ersten Seiten an: ein toter Webervogel. Wenn ein Webervogel singt, bedeute das Glück. Wenn jedoch einer stirbt, bedeute das nichts Gutes, erklärt der aufgewühlte Koch dem jungen Schweizer Paar, das soeben das Haus – inklusive Angestellte – besichtigt.

Wir schreiben das Jahr 2001. Sybil Stettenbach und Laurenz Mayer sind mit ihrem kleinen Sohn Benjamin in Lagos angekommen, der grössten Stadt Nigerias. Hier wird Laurenz als freier Journalist arbeiten, Sybil möchte sich um Haus, Mann und Kind sorgen, FreundInnen finden und sich ihr eigenes kleines Paradies erschaffen. Beide ignorieren die Warnung des einheimischen Kochs und ziehen zuversichtlich in das neue Heim ein.

Doch natürlich kommt alles anders. Während Laurenz sich in die Arbeit vergräbt, treibt Sybil in tatenloser Einsamkeit durch die Tage. Für ihre Idee, aus dem Haus ein Dichterinnenzentrum mit dem Namen «Emily Dickinson and her Sisters in Nigeria» zu machen, erntet sie von ihrem Mann nur ein verständnisloses «Spinnst du?». Abgeschottet vom Leben in Lagos verbringt sie die Tage in ihrem grossen Haus, verkehrt mit anderen Expats und fühlt sich von ihren nigerianischen Angestellten, die sie gerne als ihre FreundInnen hätte, zurückgewiesen. Ihr Alltag ist dominiert von ständiger Angst um ihren Sohn. In Rückblenden, die ein tragisches Familienereignis aus ihrer Jugendzeit aufrollen, wird klar, warum sie den kleinen Benjamin in übertriebenem Ausmass umsorgt und behütet.

Detaillierte Recherche

Mehrere Jahre arbeitete die Zürcher Autorin Johanna Lier, die auch für die WOZ schreibt und sich als Gedicht- und Theaterautorin einen Namen gemacht hat, an ihrem ersten Roman «Bring mir Jagdfang». Nach einem kurzen Aufenthalt in Nigeria 2001 recherchierte sie über Jahre hinweg aus der Schweiz über den Alltag in der nigerianischen Grossstadt, über die politische Situation des Landes und die gesellschaftlichen Zustände – ein Glossar gibt zusätzlich Auskunft über wichtige Personen, Krankheiten oder historische Ereignisse. Detailliert und in meist langen, atemlosen Sätzen beschreibt Lier das Leben in Lagos, die Gerüche, das Essen, den Lärm auf den Strassen und das Treiben auf dem Markt.

«Bring mir Jagdfang» ist in drei Teile gegliedert. Im ersten Teil mit dem Titel «Bin ich in seinen Augen wie ein Gaukler» stehen die Beziehung von Laurenz und Sybil im Zentrum sowie deren Zurechtfinden im neuen Leben in Lagos. Im zweiten Teil des Buchs mit dem Titel «Mach mir Leckerbissen zurecht, wie ich es liebe» kommt es zur Eskalation: An der legendären Westafrikaparty eines österreichischen Hoteliers inmitten von «Tagliolini mit Jakobsmuscheln, überbackenen Gnocchi, Wolfsbarsch mit Artischocken, Tintenfischragout, Steinbutt in Orangensauce, pochiertem Lachs, Seeteufel mit Radicchio», inmitten von Gesprächen zwischen einheimischen JournalistInnen und europäischen EntwicklungshelferInnen über Humanismus, Herrschaftssysteme, Völkermord, Bürgerkrieg und Hygiene fällt ein Schuss – und nichts ist mehr, wie es war. Das Resultat dieses von der «Ausländeraristokratie» gefeierten dekadenten Festes sind: «Lügen, eine heimliche Liebe und ein unaufgeklärter, frühzeitiger Tod». Und eine völlig zerstörte Sybil.

Um deren psychischen und physischen Zerfall geht es im dritten Teil des Buchs, der den Titel «Nicht weiss ich den Tag meines Sterbens» trägt. Ihren Zerfall erleben wir auch immer wieder aus Sybils Perspektive, die Lier durchs gesamte Buch hindurch als kursiv geschriebene innere Monologe einstreut. Das ist manchmal fast unerträglich, ist Sybil doch in ihrer seltsam trägen Unterwürfigkeit, mit der sie verzweifelt nach Liebe lechzt, alles andere als eine sympathische Protagonistin. Und doch kann man sich ihr kaum entziehen.

Den Opfern eine Stimme geben

Liers Buch ist jedoch weitaus mehr als die Nabelschau einer zugrunde gehenden Schweizerin in Lagos. 2001 tagte in Lagos das «Oputa Panel», die Wahrheitskommission, die in Tausenden von Einzelanhörungen die Verbrechen von Nigerias Militärdiktaturen zwischen 1966 und 1999 untersuchte. Laurenz nimmt als Journalist an den Anhörungen teil mit dem Ziel, den Opfern eine Stimme zu geben. Doch in Diskussionen mit anderen EuropäerInnen muss er rasch feststellen, wie stark der Kolonialismus nach wie vor in deren Köpfen herrscht. Grossartig zeichnet Lier das Bild der resignierten EuropäerInnen in Nigeria, die hierherkamen, um zu helfen, die jedoch kläglich scheiterten. Was bleibt, ist ein überheblicher Zynismus, der schleichend in erschreckenden Rassismus übergeht. Sie alle lassen sich von ihren einheimischen Fahrern herumchauffieren, haben Hausangestellte und sagen Sätze wie: «Meiner Meinung nach hat der Kolonialismus – neben aller Grausamkeit – den Weg zur Zivilisation und zur Demokratie geebnet.»

«Bring mir Jagdfang» ist Krimi, sozialkritischer Gesellschaftsroman, Familiendrama sowie Psychogramm einer einsamen Frau und Mutter in einem. Das Buch entwickelt einen Sog, der mitreisst und aus dem man nach 400 gelesenen Seiten erschüttert wieder auftaucht. Zwar singt am Schluss der Webervogel – ob dies jedoch wirklich Glück bedeutet, bleibt offen.

Die Autorin liest am Freitag, 26. August 2016, um 19.30 Uhr in der Buchhandlung Wolf in Küsnacht.

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