Nr. 27/2011 vom 07.07.2011

Frauen auf die Kanzel

Das Pflichtzölibat fällt, und Frauen dürfen in der römisch-katholischen Kirche alle Ämter bekleiden: Das will eine Gleichstellungsinitiative beider Basel. Sie hat gute Erfolgschancen.

Von Sara Winter Sayilir

Es waren die Missbrauchsskandale innerhalb der römisch-katholischen Kirche, die die progressiven Mitglieder der Kirchen von Basel-Stadt und Baselland zum Ungehorsam veranlassten. Sie beschlossen, die Diskussion um die Zulassung von Frauen zum Priesteramt und die Abschaffung des Pflichtzölibats neu aufzurollen. Dies, obwohl unter dem Pontifikat Johannes Paul II. Mitte der neunziger Jahre ein Diskussionsverbot über das Thema Frauen im Priesteramt verhängt worden war. Der damalige Kardinal und heutige Papst Joseph Ratzinger erklärte in seiner Schrift «Responsum ad dubium» unmissverständlich, dass die Priesterweihe einzig Männern vorbehalten sei. Unfehlbar sei diese Lehre, und allen, die dies nachdrücklich bezweifeln, drohe die Exkommunikation.

Nun haben sich die Basler KatholikInnen der päpstlichen Weisung widersetzt. Seit Pfingsten sammeln sie Unterschriften für eine entsprechende Initiative (vgl. unten «Die Gleichstellungsinitiative»).

BefürworterInnen und GegnerInnen der Zulassung von Frauen zum Priesteramt argumentieren ähnlich. Beide suchen nach einem Beleg für ihre Forderungen in der Bibel. Der deutsche Theologe Joseph Schumacher, erklärter Gegner der Öffnung des Priester- und des Diakonenamts für Frauen, behilft sich mit dem Verweis nach oben und sagt, dass «die Frage des Empfängers der Priesterweihe keine Vorschrift ‹rein kirchlichen Rechtes› ist, die etwa von der Kirche geändert werden könnte», sondern dass es sich um göttliches Recht handle, über das weder ein Konzil noch der Papst noch irgendwer sonst Verfügungsgewalt habe. Wer sich nach den ratzingerschen apostolischen Schreiben noch für die Priesterweihe der Frau einsetze, stelle sich gegen den Glauben der Kirche, ist Schumacher überzeugt. Ein geweihter Priester sei Abbild und Repräsentant Christi, der bekanntlich männlich war, und Jesus habe nun mal keine Frauen zu Aposteln (altgriechisch «Sendboten») berufen – eine klare Botschaft aus Sicht der konservativen KatholikInnen.

Kirchenfrauen im Kampf vereint

Die Basler Kirchenfrauen sehen das ganz anders. Am Frauenstreiktag am 14. Juni hatten sie sich auf dem Theaterplatz versammelt, um sich mit den Gewerkschaftsfrauen zu solidarisieren. Zwar ist die Lohngleichheit – das Thema des Frauenstreiks – in beiden Kirchen, reformiert und römisch-katholisch, bereits verwirklicht. Doch denselben Zugang zu allen Ämtern haben sie noch lange nicht. Weil es auch innerhalb der reformierten Kirche trotz amtlicher Gleichberechtigung die übliche Dominanz von Männern in Führungspositionen gibt, gingen die Kirchenfrauen am Frauenstreik gemeinsam konfessionsübergreifend auf die Strasse – die Frauenstelle der römisch-katholischen Kirche Basel-Stadt hatte per E-Mail dazu eingeladen.

Monika Hungerbühler ist Leiterin der Frauenstelle und Ko-Leiterin der offenen Kirche Elisabethen. Für sie ist das Frauenpriesteramt «eine Frage der Gerechtigkeit». Es spreche keine Stelle der Bibel gegen die Priesterweihe von Frauen, ist sie überzeugt. Die Theologin bezeichnet sich als links und feministisch. In ihrer Familie sei das nicht selbstverständlich. Ihre Grossmutter sei eine konservative, gläubige Katholikin gewesen. Diese habe kein Verständnis für das Theologiestudium ihrer Enkelin gehabt. Sie könne doch nicht einmal Priesterin werden, habe sie gesagt. Hungerbühler hegt keinen Groll: «So erzieht die katholische Kirche eben ihre Gläubigen.» Doch das solle sich endlich ändern.

Der römisch-katholischen Kirche fehle heute die Glaubwürdigkeit, sagt Hungerbühler. Wegen der Missbrauchsgeschichten, wegen der Antiquiertheit der Strukturen und Leitideen. Absurd und schwer zu vermitteln sei auch die Überhöhung der Maria, der zentralen Frauengestalt des katholischen Glaubens, einerseits und die fehlende Gleichberechtigung der gläubigen Frauen andererseits. Und nicht nur das: Auch der Nachwuchs ist ein Problem. Schon jetzt kommen viele TheologInnen aus Deutschland. Zwar ist die Mehrheit der TheologiestudentInnen in der Schweiz weiblich, doch solange römisch-katholische Gläubige weder Priesterinnen noch Diakoninnen werden dürfen, ist damit kaum jemandem geholfen. «In unserer jetzigen Kirche möchte ich nicht Priesterin sein», gibt Hungerbühler zu. Zunächst sollten erst einmal alle Menschen Zugang zum Priesteramt erhalten – gleichgültig welchen Geschlechts oder welcher sexueller Orientierung. «Doch auch dann muss sich innerhalb der Kirche an der Hierarchie und der Machtverteilung noch massiv etwas ändern.» Da stelle sich einem die ewige Frage, ob aus dem Inneren eines Systems oder von aussen mehr zu bewegen sei. Beides sei wohl gleich wichtig, meint sie.

Haben denn die Benachteiligung von Frauen und die päpstliche Weigerung, diese als gleichwertig anzusehen, niemals an ihrem Glauben gekratzt? Monika Hungerbühler weicht aus. Sie sehe keine biblisch haltbare Begründung gegen die absolute Gleichberechtigung von Frauen. Jesus habe doch gerade alle Menschen als gleich angesehen, so sei das Engagement für die Gleichstellung ein Gebot ihres Glaubens. Über den Papst und dessen konservative Haltung möchte sie lieber nicht sprechen.

Mehr Mitsprache in der Schweiz

Dorothee Becker, Theologin an der Pfarrei Heiliggeist in Basel-Stadt, hält den restriktiven Umgang ihrer Kirche mit dem Thema für ungeschickt: «Denk- und Sprechverbote sind immer schlecht.» Streitgespräche mit konservativen KatholikInnen führe sie aber selten. In ihrem Umfeld sei die Meinung zu diesem Thema ziemlich einhellig. «Das duale System von Staatskirche und Bistumskirche in der Schweiz lässt viel mehr Mitspracherecht zu als die römisch-katholische Kirche in Deutschland beispielsweise», so Becker. Dort würde der Gemeindeleiter oder Pfarrer nicht gewählt, sondern vom Bischof eingesetzt. Deshalb ist die Hoffnung auf Wandel in der Schweiz auch grösser als anderswo.

Und wie soll dieser Wandel aussehen? Für Gabriele Kieser, Ko-Leiterin des Pfarramts für Industrie und Wirtschaft, müssen die Reformen in der richtigen Reihenfolge geschehen: Zuerst müsse das Priesteramt auch Frauen zugänglich werden, erst dann könne man auch das Pflichtzölibat abschaffen. Geschehe es andersherum, würde sich von selbst wieder eine patriarchale Ordnung ergeben, in der die Männer – deren Anwärterzahl ohne Zölibatsverpflichtung signifikant steigen würde – der konservativen Tradition folgend zuerst ordiniert würden, womit die Frauen wieder in die zweite Reihe verwiesen würden. Die katholische Theologin ist deshalb für eine stufenweise Reformierung der Kirchenstrukturen. Nach der Öffnung des Priesteramts für Frauen und der Abschaffung des Pflichtzölibats soll die Öffnung des Diakonenamts für Frauen folgen. Diese letzte Forderung ist zwar diejenige, welche womöglich am schnellsten durchgesetzt werden könnte, doch das würde die Position der Frauen nicht wesentlich verbessern. Denn DiakonIn heisst übersetzt DienerIn.

Wunsch nach Reformen verbreitet

Und wie steht die Katholikin zu einem Papst, von dem keinerlei Regung in Bezug auf die Frauenthematik zu erwarten ist? Kieser lacht und sagt: «Da muss ich jetzt ganz genau nachdenken, was ich dazu sagen will.» Hat sie Angst vor einer Exkommunikation, wenn sie sich dazu öffentlich äussert? «Manchmal hat es auch einen Vorteil, dass unsere Kirche so weitläufig ist», sagt Kieser lächelnd. Dass Rom speziell auf sie aufmerksam würde, sei doch sehr unwahrscheinlich. Zudem sei der neue Basler Bischof, Felix Gmür, sehr aufgeschlossen und persönlich durchaus für eine Öffnung des Priesteramts für Frauen. Allerdings sei er der Meinung, die Zeit für eine weltweite Reform sei noch nicht reif. Man könne den römisch-katholischen Gemeinden in anderen Teilen der Welt schlecht in alter kolonialer Tradition vorschreiben, was sie zu denken hätten. Auch Gmürs Kollege, der St. Galler Bischof Markus Büchel, sprach sich jüngst in einem Interview für eine offene Diskussion über die Priesterweihe von Frauen aus.

Es ist ein gutes Zeichen, dass sich der Gesinnungswandel auch in der Kirchenhierarchie nach oben fortpflanzt. Ein direkter Zusammenhang mit der Basler Initiative besteht allerdings nicht. Dass das Thema an mehreren Orten zeitgleich prominent verhandelt wird, zeigt jedoch, wie verbreitet der Wunsch nach Reformen ist. Nach Kieser handelt es sich hierzulande womöglich nur noch um ein paar Hundert Kirchenleute und konservative Gläubige, die sich vehement gegen die überfällige Öffnung sperren. So warnt derzeit die Kommission für Staatskirchenrecht und Religionsrecht der Römisch-Katholischen Zentralkonferenz vor der Gleichstellungsinitiative. Die Zuständigkeiten für solche Belange lägen beim Papst und den Bischöfen und seien nicht durch regionale, kantonalkirchliche Vorstösse zu unterlaufen, hiess es an ihrer letzten Plenarversammlung Ende Juni. Es sei zu befürchten, dass weitere Kantonskirchen dem Basler Vorbild folgen würden.

«Grundsätzlich geht es dabei um Macht», sagt Gabriele Kieser, «und kein System der Welt gibt Macht freiwillig ab.» Sie ist jedoch überzeugt, dass der Zeitgeist sich von selbst auch in der römisch-katholischen Kirche durchsetzen wird. Der Wandel werde von unten kommen, bis die Obersten sich nicht mehr dagegen sträuben könnten. Und wenn er abgeschlossen sei, so Kieser, dann würde es sich endlich nicht mehr so absurd anfühlen, eine emanzipierte Frau und gleichzeitig eine gläubige Katholikin zu sein.

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