Nr. 49/2011 vom 08.12.2011

Zuerst Konfuzius, dann nur noch konfus

Im Roman von Christoph Hein geht es um die prekären Zustände im zunehmend von privatwirtschaftlichen Interessen geprägten akademischen Betrieb.

Von Eva Pfister

Rüdiger Stolzenburg ist stolz auf seine Unabhängigkeit. Als engagierter Wissenschaftler und brillanter Dozent verteidigt er kompromisslos die Freiheit von Lehre und Forschung. Aber nun ist er 59 Jahre alt und stellt fest, dass er zu den Verlierern gehört. Nie wird er über die halbe Stelle hinauskommen, falls ihm diese überhaupt erhalten bleibt, seinem Institut droht die Abwicklung. Die Kulturwissenschaften gelten als «Orchideenfach», für so etwas Exotisch-Überflüssiges finden sich keine Sponsoren. Die einzige Unabhängigkeit, die dem Hagestolz bleibt, ist die private: Er hat viele Freundinnen und keine feste Bindung. Aber in seinem Alter schmeckt diese Freiheit doch etwas schal, die Abenteuerlust lässt nach.

Der Professor als Diplomverkäufer …

Christoph Hein widmet seinen Roman dem aussterbenden Typus des aufgeklärten Geisteswissenschaftlers, der frei und kritisch agiert und so Anerkennung und Auskommen findet. Beides bleibt immer öfter aus, und als Romanprotagonist Stolzenburg eine Nachforderung des Finanzamts erhält, sieht er plötzlich in den Abgrund. Ein junger Finanzjongleur hilft ihm aus der Patsche, aber während dieser die Unterlagen durchsieht, kann er seine Verblüffung nicht verbergen. Von so wenig Geld kann man leben? Dieser Unilehrer erhält weniger Gehalt als ein Briefträger! Und dann stellt er die Frage, die an Stolzenburg nagen wird: Warum macht man das, wenn es doch kaum bezahlt wird?

Jahrelang war sich der Intellektuelle zu fein, um über Geld nachzudenken. Die sinnvolle Arbeit, die Freude an der Forschung, das waren die Dinge, die zählten. Aber da war die Universität noch nicht «auf dem Markt gelandet», wie Hein in einem Interview ausführt: «Immer mehr Stellen fallen weg. Ein Fach zu streichen, weil es dafür nicht genügend Bewerber gibt und kein Geld bringt, ist ein Phänomen, das ich vor dreissig Jahren nur in den USA kennengelernt habe. Mittlerweile hat die Praxis, dass jedes Fach sich selbst tragen muss, auch in Europa Einzug gehalten. (…) Welcher Sponsor sollte eine tote Sprache fördern? Sponsoren sind keine Mäzene. Sie haben ein Eigeninteresse, fördern das, was ihnen Nutzen bringt. Für die übrigen Fächer müsste der Staat einspringen. Aber das macht er nicht mehr.»

Die Unis sind keine Eliteanstalten mehr. In Deutschland sind die Hörsäle hoffnungslos überfüllt. Ein irgendwie geartetes Verhältnis der – meist schlecht bezahlten – DozentInnen zu den StudentInnen ist kaum noch vorhanden. Hein: «Es ist nicht mehr notwendig, dass ein Professor nach drei Jahren die Studenten persönlich gesprochen hat. Das Verhalten der Studenten ist nur eine Folge davon. Ich kenne Dozenten, die davon ausgehen, dass 80 Prozent der Hausarbeiten zusammenkopiert sind.»

«Weiskerns Nachlass» ist eine treffliche Beschreibung des akademischen Lebens und des Bedeutungsverlusts der Geisteswissenschaft. Man erfährt, mit welcher Verzweiflung die PhilologInnen auf verlorenem Posten kämpfen: Nach oben, wo Geld nur fliesst, «wenn etwas angeblich nützlich ist oder schmückt» – nach unten, wo StudentInnen trainieren, Textpassagen aus dem Internet gerade so zu verändern, dass bei oberflächlicher Prüfung der geistige Diebstahl nicht auffällt.

Einmal hatte Stolzenburg eine Diplomarbeit abgelehnt: Er konnte dem Studenten nachweisen, dass die Arbeit aus dem Internet abgeschrieben war. Aber dann holte sich dieser die Unterstützung eines Anwalts, und die Uni knickte sofort ein. Das hatte Stolzenburgs Engagement einen ersten Dämpfer versetzt. Nun kommt ein Student mit einem Angebot: Er müsse dieses Studium seinem Erbonkel zuliebe machen und habe dafür keine Zeit, schliesslich studiere er auch noch etwas Ernsthaftes, nämlich Betriebswirtschaft. Ob der Herr Doktor ihm für 25 000 Euro das Diplom ermöglichen könne?

… und als komische Figur

Ein paar Jahre vorher wäre ein solches Angebot an Stolzenburg abgeperlt. Aber jetzt macht ihn seine Verunsicherung angreifbar, das spürt er auch in Fachkonferenzen, auf der Strasse, wo ihn eine Mädchengang attackiert, oder beim Abendessen mit einer selbstbewussten Frau. Seine Existenz wird in jeder Hinsicht prekär. Nicht einmal die Beschäftigung mit Friedrich Wilhelm Weiskerns Nachlass vermag ihn noch zu retten. Die Forschung über den sächsischen Schauspieler und Topografen Weiskern (1711–1768), der im Wien des 18. Jahrhunderts Karriere machte (er verfasste das Libretto zu Mozarts Oper «Bastien und Bastienne»), ist Stolzenburgs Herzensangelegenheit, sein Traum vom Ruhm. Für die Verwirklichung der Werkausgabe fehlt aber das Geld, kein Verleger mag als Mäzen das Projekt finanzieren. Und doch wird Stolzenburg tief erregt, als ein Händler ihm bisher unbekannte Autografen von Weiskern anbietet. Um dieses Angebot spinnt Hein einen Krimi, der dem ansonsten eher ruhig-analytischen Roman Spannung verleiht.

Hein hat einen Prototyp des akademischen Prekariats geschaffen und mit ihm die Heldendämmerung des Geisteswissenschaftlers beschrieben. Mit seinem umfassenden Wissen über Shakespeare, Weiskern oder Konfuzius ist Rüdiger Stolzenburg verarmt und in den Augen seiner StudentInnen zur komischen Figur geworden. Sie gaben ihm den Spitznamen «Konfuzius»  – oder auch: «Doktor Konfus».

Im Rahmen der Reihe «Die Gedanken sind frei» 
spricht Daniel Cohn-Bendit mit Christoph Hein über seinen neuen Roman in: Zürich Theater Neumarkt,
Do, 15. Dezember, 20 Uhr.

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