Nr. 03/2012 vom 19.01.2012

Sind Sie der Pyropräsident?

Der frisch gewählte Präsident des FC Basel über die «spannende Jugendkultur» der Fans, gefährliche Selbstjustiz und Parteien, die plötzlich für Repression statt für Freiräume kämpfen.

Von Carlos Hanimann, Etrit Hasler (Interview) und Friedel Ammann (Foto)

Bernhard Heusler: «Es kann nicht sein, dass jemand, der eine Fackel in der Hand hält, ohne dass Drittpersonen zu Schaden kommen, im Internet zur Fahndung ausgeschrieben wird.»

WOZ: Herr Heusler, Sie gelten als einer der wenigen Klubpräsidenten der Schweiz, die in der aktuellen Debatte um Gewalt und Pyrofackeln in den Stadien nicht in den Ruf nach mehr Repression einstimmen. Den einen gelten Sie deswegen als «Stimme der Vernunft», die anderen nennen Sie dafür den «Pyropräsidenten» …
Bernhard Heusler: Damit muss ich leben. Die Debatte wird derzeit sehr emotional und teilweise populistisch geführt, da wird einem schnell vorgeworfen, man setze sich nicht für Sicherheit ein, wenn man zu differenzieren wagt. Persönlich bin ich davon überzeugt, dass wir die Fanbewegung und deren Anliegen ernst nehmen müssen, wenn wir Sicherheit in den Stadien wollen. Und dabei dreht sich viel um die Haltung zu den Pyros.

Befürworten Sie eine Legalisierung von Pyrofackeln?
Nein, aber das ist gar nicht die entscheidende Frage. Vielleicht würde sich damit die Situation bei den Eingangskontrollen etwas entschärfen, aber das Hauptproblem in den Stadien wäre nicht gelöst.

Nach den Fackelwürfen im Letzigrund und der Petardenexplosion in Rom wurde der Vorschlag gemacht, dass Spiele sofort abgebrochen werden sollen, sobald ein Pyro gezündet wird.
Das ist eine Überreaktion. Ich bin gegen Kollektivstrafen. Und was ich persönlich noch viel schlimmer finde: Das ist eine Massnahme, die auf der Idee beruht, dass sie eine «wütende Reinigung» innerhalb der Stadien auslösen soll, also dass Fans sich untereinander disziplinieren. Ich glaube nicht, dass irgendein Klub in Europa unter solchen Umständen noch die Verantwortung für die Sicherheit übernehmen könnte.

Sie fürchten Selbstjustiz?
Nicht nur. Aber es kann zu höchst gefährlichen Situationen führen, wenn ein Spiel mit 30 000 Zuschauern nach fünf Minuten schon wieder abgebrochen wird. Oder noch schlimmer: im entscheidenden Spiel der Meisterschaft fünf Minuten vor Schluss. Das ist auch eine Frage der Verhältnismässigkeit: Es kann nicht sein, dass jemand, der eine Fackel in der Hand hält, ohne dass Drittpersonen zu Schaden kommen, wie ein Schwerstdelinquent übers Internet zur Fahndung ausgeschrieben wird. Bei allem Verständnis für das Ziel, Fackeln aus den Stadien zu verbannen, müssen wir ein gewisses Augenmass behalten.

Und was ist für Sie das Hauptproblem?
Wenn Menschen im Umfeld der Spiele zu Schaden kommen. Zu vermeiden sind vor allem gewalttätige Auseinandersetzungen. Oft ist der Streit um die Pyros beim Eingang Anlass gefährlicher Auseinandersetzungen, also nicht die Pyroverwendung selbst.

Was müsste denn getan werden, damit keine Menschen mehr zu Schaden kommen?
So absolut formuliert ist dieses Ziel nicht zu erreichen. Wer behauptet, er kenne so ein Rezept, der ist im Ansatz unehrlich – damit kommen wir nicht weiter. Es wird immer Gewaltereignisse geben – egal unter welchem Sicherheitsregime. Wir können nur versuchen, durch vernünftige Massnahmen Gefahrenelemente zu reduzieren. Und dazu gehört auch, mit Menschen – auch im Umfeld von Fussballspielen – nicht umzugehen, als wären sie Tiere. Das sind Menschen in den Fankurven, die ein Teil unserer Gesellschaft sind, die nicht nur während der Spieltage existieren. Die auch enorm wichtig sind für den Fussball. Wir müssen mit denen doch den Dialog führen und nicht nach kollektiven Strafen suchen, um sie aus den Stadien zu bekommen. Wer das versucht, verliert zuletzt – und zwar auf Kosten der Sicherheit und der Klubs.

Wenn Sie sagen, die Fankurven seien enorm wichtig für den Fussball, heisst das, sie sind – mitsamt den Problemfans – unverzichtbar?
Ich spreche aus Prinzip nicht über die Verzichtbarkeit von Menschen. Interessanterweise hat man den Klubs in der Vergangenheit immer wieder unterstellt, wir seien wirtschaftlich von sogenannten Problemfans abhängig und steckten mit ihnen unter einer Decke. Das ist eine populistische Unterstellung, und ich kann ob solcher Behauptungen nur den Kopf schütteln. Tatsache ist aber, dass die Fans für den Klub und den Fussball wichtig sind. Da steckt eine Energie, ein Zusammenhalt drin, der nicht so einfach zu ersetzen ist.

Wie meinen Sie das?
Das ist doch eine spannende Jugendkultur, die sich hier formiert hat, die erstaunlich werteheterogen ist. Und die eine enorme, durchaus positive Entwicklung durchgemacht hat in den letzten Jahren, zum Beispiel, dass die Kurve auch dann zur Mannschaft steht, wenn es einmal nicht so gut läuft und auf den Tribünen schon längst wieder gemeckert wird.

Auch das Verschwinden des offenen Rassismus in den Stadien wird der Ultrakultur zugeschrieben …
… und das, obwohl sich die Kurven ja per se als unpolitisch verstehen. Aber diese Wahrnehmung ist sicher richtig. Gerade deswegen erstaunt es mich dann umso mehr, wenn gewisse politische Parteien, die sich sonst «Freiraum für die Jugend» auf die Fahne schreiben, hier plötzlich sehr restriktive und fast grundrechtsfeindliche Positionen einnehmen.

Der Wirtschaftsanwalt Bernhard Heusler (48) 
ist Präsident des FC Basel.

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