Nr. 05/2012 vom 02.02.2012

Sie subventionieren politische Literatur mit Freizeitkost?

Im März wird über die Wiedereinführung der Buchpreisbindung abgestimmt. Seit diese 2007 fiel, sind in der Deutschschweiz dreizehn Prozent der Buchhandlungen eingegangen. Andreas Simmen vom Rotpunktverlag über Preise und bürgerliche Harry-Potter-Fans.

Von Susi Stühlinger (Interview) und Ursula Häne (Foto)

Andreas Simmen: «Wenn ein Bestseller in der Grossbuchhandlung deutlich billiger angeboten wird, kauft den im kleinen Buchladen keiner mehr.»

WOZ: 2007 wurde die Buchpreisbindung aufgehoben. Wie hat der Rotpunktverlag darauf reagiert?
Andreas Simmen: Es waren gewisse Ängste da. Man wusste ja, was in anderen Ländern passiert war, als die Buchpreisbindung aufgehoben wurde: Massenweise verschwanden Buchhandlungen. Und wo Buchhandlungen verschwinden, leiden natürlich auch die Verlage. In der Schweiz war es nicht viel anders: Das Netz der Buchverkaufsstellen hat sich in den letzten vier Jahren ausgedünnt. Eigentlich haben wir ja bei der kommenden Abstimmung eine einmalige Ausgangslage, denn wir kennen das Dafür und das Dawider nicht nur wie sonst üblich aus den Argumentkatalogen der Gegner und Befürworter, sondern aus der Praxis. Und diese besagt, dass eine Preisbindung bei den Büchern unter dem Strich eindeutig positiv ist – für alle, inklusive der Konsumenten. Zudem ist es eine vernünftige Form der Kulturförderung, die die öffentliche Hand nichts kostet und auch sonst für niemanden Nachteile bringt.

Die Gegner der Buchpreisbindung behaupten, bei einer Wiedereinführung würden die Bücher teurer.
Das Gegenteil ist der Fall. Unsere Bücher wurden seit der Aufhebung der Preisbindung praktisch alle teurer. Auch die relativ gut verkäuflichen Bücher aus unserem Wander- und Freizeitbereich. Als es noch feste Buchpreise gab, konnten sich die kleinen Buchhandlungen ein breites Sortiment leisten und dieses mit dem Absatz der Bestseller querfinanzieren. Doch wenn ein Bestseller in der Grossbuchhandlung deutlich billiger angeboten wird, kauft den im kleinen Buchladen keiner mehr.

Spielt eine Querfinanzierung wie jene in den Buchhandlungen auch im Verlag?
Das geht gar nicht anders. Wir machen Erfolgsrechnungen bei jedem einzelnen Titel, da sieht man dann, dass man an einzelnen Büchern nichts verdient oder sogar drauflegt. Das ist bei gewissen Sachbüchern so und teilweise auch bei belletristischen Titeln. Um – ökonomisch gesehen – «gewagte» Titel machen zu können, braucht es als Kompensation in jedem Halbjahresprogramm ein, zwei Titel, die absehbar gut laufen; bei uns sind das vor allem Bücher im Bereich Wandern und Freizeit.

Sie subventionieren die eher schwere politische Literatur mit leichter Freizeitkost?
So kann man das nicht sagen. Es gibt auch viele politische Sachbücher, die gut bis sehr gut laufen. Aber klar, zwischen einem polittheoretischen Buch des bolivianischen Soziologen und Vizepräsidenten Alvaro García Linera und dem Buch eines deutschen Staatsanwalts über den Fall des CDU-Politikers Uwe Barschel liegen, was die Verkaufszahlen betrifft, Welten.

In Deutschland gibt es eine Buchpreisbindung, und Bücher sind insgesamt günstiger. Wie schlägt sich das in der Preispolitik des Rotpunktverlags nieder?
Wir führen getrennte Franken- und Eurokassen. Der Frankenpreis war immer ein bisschen höher, was auch mit der unterschiedlichen Kaufkraft zu tun hat. Doch das Wechselkursgefälle zwang die Verlage jetzt, die Frankenpreise massiv nach unten zu korrigieren. Ein Buch, das man vor zwei Jahren noch für 32 Franken verkauft hätte, kostet heute vielleicht noch 24. Da müssen Schweizer Verlage massive Umsatzeinbussen verkraften. Das hat allerdings nichts mit der Buchpreisbindung zu tun.

Es wird behauptet, bei deutschen Onlinehändlern könne man Bücher auch mit Preisbindung zu Dumpingpreisen beziehen …
Da wird Unsinn verbreitet, der auf die mangelnde Dossierkenntnis von Bundesrat Johann Schneider-Ammann zurückzuführen ist. Das Gesetz bezieht sich nur auf den gewerbsmässigen Verkauf der Bücher an den Endkunden. Das bestätigt auch ein Experte für Wettbewerbsrecht. Tatsache ist, dass sich die grossen Onlinehändler in Deutschland an die Preisbindung halten. Es bleibt ihnen auch gar nichts anderes übrig. Ich gehe davon aus, dass der Lärm, der darum gemacht wird, ein Manöver der Gegner ist, um Unsicherheit zu säen, was ja in vieler Hinsicht geschieht.

Inwiefern?
Bei den Buchpreisen zum Beispiel. FDP-Präsident Fulvio Pelli behauptet, dass Verlage den Kunden mit der Wiedereinführung der Buchpreisbindung unzumutbare Preise aufdrücken würden. Und dass die grossen Verlage dann unverhältnismässige Gewinne machen würden. In Wirklichkeit kann es sich natürlich kein Verlag leisten, völlig überhöhte Preise zu setzen – denn dann kauft einfach niemand mehr das Buch.

Ruedi Noser, Mitglied des Referendumskomitees, sagt, es sei halt einfach eine Tatsache, dass die Leute heute statt Dürrenmatt lieber Harry Potter lesen würden.
Auch da hat Noser nichts Neues entdeckt. Vor hundert Jahren lasen auch viel mehr Leute Hedwig Courts-Mahler als Franz Kafka. Ja und? Was hat das mit der Preisbindung zu tun? Das Peinliche an der FDP ist ja, dass sie hier wieder einmal einer Sau hinterherrennt, die die SVP durchs Dorf treibt. Und der SVP ist diese Buchpreisfrage wahrscheinlich völlig schnuppe; die dachten sich einfach, dass da wieder einmal eine Abstimmung leicht zu gewinnen sein könnte. Ich hoffe, dass sie sich irren.

Andreas Simmen (58) war bis 1998 WOZ-Redaktor. Dann wurde er zum ersten 
(und bislang einzigen) Programmleiter des Rotpunktverlags.

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