Nr. 06/2012 vom 09.02.2012

Durch die Stadt der Kräne

Sind KünstlerInnen schuld an Quartieraufwertungen? Steigen Mieten nach Börsencrashs? Und braucht es Enteignungen von WohneigentümerInnen? Antworten gibt Gentrifizierungsexperte Andrej Holm während eines Spaziergangs in Zürich.

Von Anja Suter

«Résistance des Ghettos» steht in grellem Grün auf dem schwarzen Shirt von Andrej Holm. Der renommierte Stadtentwicklungsforscher hielt in Zürich einen Vortrag über Strategien gegen den Aufwertungsprozess von Stadtteilen. Eingeladen haben ihn die BetreiberInnen des «Autonomen Beauty Salons», dem selbst organisierten Kulturzentrum, das vor gut fünf Monaten auf dem besetzten Gelände der ehemaligen Farbenfabrik Labitzke in Zürich Altstetten errichtet wurde.

Die WOZ war vor Ort und ergriff die Gelegenheit, mit dem Soziologen einen Rundgang durch Altstetten zu machen, das am Rande des städtischen Entwicklungsgebiets Zürich West liegt.

Unsere erste Station ist die Europabrücke, die das ehemalige Industriequartier Altstetten mit dem Hönggerberg verbindet, einem beliebten Wohnort für Gutverdienende. Wir blicken Richtung Innenstadt, auf die neue Skyline Zürichs mit Mobimo und Prime Tower.

Andrej Holm: Schon beeindruckend, die vielen Baustellen, die Kräne, die aus der Stadt hochschiessen. Da wird einem tatsächlich das Bild vermittelt: Hier wird eine neue Stadt gebaut. 
Die umliegenden Hausbesitzer kommen bestimmt auf die Idee, dass nun auch sie aufrüsten könnten, sanieren oder umbauen, um dann höhere Mieten zu verlangen.

WOZ: Der englische Begriff «gentrification» beschreibt die Verdrängung der ursprünglichen Stadtbevölkerung, der Arbeiterinnen und Handwerker, durch den Zuzug der «gentry», des gehobenen Bürgertums. Wie kommen solche Verdrängungsprozesse überhaupt ins Rollen?
Es gibt diverse Formen und Akteure der Gentrifizierung: Eigentümer wollen mehr Rendite aus ihren Grundstücken herausholen, Stadtregierungen wollen sich mit Prestigeprojekten im sogenannten Standortwettbewerb positionieren und ihre kommunalen Einkommen erhöhen, indem sie grosse Konzerne auch mit Steuererleichterungen in die Stadt locken. Die Firmen kaufen ganze Areale auf, errichten Neubauten, was sich unmittelbar auf die Bodenpreise und somit auf die Lebenshaltungskosten der Quartierbevölkerung auswirkt. In anderen Quartieren beginnt die Aufwertung mit der Festlegung von Entwicklungsgebieten, um die sogenannte Durchmischung zu fördern. Dabei wird oft argumentiert, dass es an einem Ort zu viele Arme gebe und das Ansiedeln von Reichen einen heilenden Einfluss auf das betreffende Gebiet haben könne. Zum Beispiel auf die Schulen: Die Qualität des Unterrichts würde sich heben, wenn mehr Mittelschichtskinder die Klassen füllten. Dass solche Strategien letztlich die Verdrängung der ärmeren Schichten bewirkt, wird völlig ausgeblendet. Um den Unterricht zu verbessern, könnte man auch die Lehrkräfte besser ausbilden oder die Schulpläne anders gestalten – doch das kostet etwas.

Stadtforscherinnen nennen nicht nur Immobilienfirmen und Stadtplaner als Akteure. Studenten, Kunstschaffende oder Besetzerinnen werden oft als Pioniere der Aufwertung bezeichnet, weil sie durch ihren Zuzug vormals angeblich uninteressante Quartiere symbolisch aufwerten – und somit das Interesse der Immobilienfirmen wecken würden.
Ich halte nicht viel von dieser These. Der Pionieransatz ist letztlich ein soziologisches Modell, das die politischen und ökonomischen Interessen ausblendet. Immobilienwirtschaftliche Investitionen brauchen keine Galerien. Gentrifizierung gibt es vielfach ganz ohne eine symbolische Aufwertung im Vorfeld. Für die Gentrifizierung ist kein Quartier zu heruntergekommen. Oft trifft es gerade die Stadtteile der Ärmsten, denn die geringen Bodenpreise werden als Ertragslücke angesehen und versprechen hohe Gewinne. Sagen Sie, steht eigentlich hinter dem Prime Tower auch eine schweizerische Immobilienfirma?

Ja, die Swiss Prime Site AG, mit Sitz in Olten. Weshalb?
Was ich an Zürich sehr speziell finde, ist, dass hinter vielen dieser Grossprojekte lokal verankerte Immobilienentwickler stehen. Bei den meisten Städten in Deutschland kommen die Investitionen von aussen, und man weiss meistens sehr wenig über die jeweiligen Firmen. Das scheint hier anders zu sein. Das hängt vermutlich auch damit zusammen, dass Zürich ein Finanzzentrum ist und somit auch die Situation hat, die sich ansonsten alle Stadtplaner immer wünschen: dass die, die das Geld haben, auch tatsächlich bei ihnen wohnen und ihr Unternehmen hier aufmachen.

Ist das von Vorteil oder von Nachteil für den Kampf der Mieterinnen und Mieter?
Wie sich bei meinem Vortrag gezeigt hat, kennen die Leute hier die jeweiligen Firmen, ihre Geschichte, wissen, wer hinter dem Firmennamen steht und wo überall investiert wird. Es ist sicher ein Vorteil zu wissen, mit wem man es zu tun hat, und dass Investoren für einen lokalen Protest unmittelbar erreichbar sind. Auf der anderen Seite haben lokal verankerte Firmen oft mehr Einfluss auf die Stadtpolitik und können ihre Beziehungen spielen lassen.

In vielen Grossstädten Europas und auch der USA schliessen sich derzeit verschiedene Stadtteilinitiativen unter der Parole «Das Recht auf die Stadt» zusammen. In Deutschland gibt es unzählige Quartierinitiativen, die sich unter diesem Slogan bündeln. Was machen die verschiedenen Gruppen genau?
Unter dem Slogan sind alle denkbaren städtischen Konflikte vertreten: Gruppen, die Grossprojekte wie die «Media Spree» in Berlin verhindern wollen, die mehr Geld für die Stadtteilkultur fordern, die gegen rassistische Polizeikontrollen protestieren, sich gegen Mietsteigerungen organisieren. Gemeinsamer Nenner bei den meisten Initiativen ist es aber, eine offene Struktur zu bieten, an der sich möglichst viele beteiligen können.

In Berlin werden beispielsweise selbst organisierte Umfragen unter Quartierbewohnern zur Entwicklung ihrer Miete und zur Wahrnehmung des Wandels ihrer Nachbarschaft genutzt, um auf Veranstaltungen und Internetseiten miteinander ins Gespräch zu kommen und gemeinsame Forderungen zu diskutieren.

Prallen da nicht die verschiedensten Interessen aufeinander – ist es nicht idealistisch, die unter eine Parole zu fassen?
Ganz im Gegenteil. Das Prinzip von «Recht auf Stadt»-Initiativen lebt genau davon, dass wir wissen, dass es keine Stadtpolitik gibt, die für alle gleichermassen gut ist. Weltweit versprechen Parteien, eine Stadtpolitik für alle zu machen. Aber in einer zunehmend ungleichen und fragmentierten Gesellschaft ist das eine Illusion. Stadtpolitik ist immer mit einer Umverteilung von Ressourcen verbunden. Die zentrale Frage ist doch, wer da verliert und wer gewinnt. Die «Recht auf Stadt»-Bewegungen stehen für das Prinzip der Anerkennung dieser Differenzen und machen das, was früher einmal als Politik verstanden wurde: verschiedene Interessen ausloten und schauen, wie sie sich kombinieren oder gar verbinden liessen.

Von der Europabrücke gehen wir weiter stadtauswärts Richtung Bahnhof Altstetten. Hier, hinter den Geleisen, entstanden die neusten grossen Headquarters und Back Offices von nationalen und internationalen Konzernen, von der UBS bis zum Computergiganten IBM. Vor dem grossen lachsroten Gebäude der UBS bleiben wir stehen.

Inwiefern hängt Gentrifizierung auch mit Kapitalmarktkrisen zusammen?
Ziemlich direkt. Finanzinstitute wie die UBS, aber auch private Investoren suchen stets neue gewinnbringende Kapitalanlagen. Da die Warenproduktion immer weniger Profit abwirft, investieren auch Finanzinstitute seit Ende der achtziger Jahre immer häufiger in Immobilien, weil die halbwegs sicheren Gewinn versprechen. Diese Finanzialisierung der Immobilienwirtschaft bedeutet, dass Investitionsentscheidungen zunehmend losgelöst von den lokalen Bedingungen und dem lokalen Bedarf getroffen werden.

Der Zusammenbruch des Hypothekenmarkts in den USA hatte in Europa paradoxerweise diese Flucht in die Sachwerte und somit den Druck auf die Städte verstärkt.

Was könnte diesem Druck entgegengesetzt werden?
Langfristig kann Gentrifizierung nur verhindert werden, wenn die Wohnungsversorgung dem Diktat der Tauschwerte entrissen wird. Geeignet sind dabei alle Instrumente, die die Marktlogik und die Immobilienspekulation einschränken. Das kann von höheren Handänderungssteuern über die Ausweitung fixer Wohnzonen bis hin zur Enteignung und Unterstützung von Selbstverwaltungsstrukturen der Bewohnerinnen und Bewohner reichen.

Zuletzt die Königinnenfrage: Wie könnte eine demokratische Urbanisierung gelingen?
Indem Dinge, die alle angehen, in einer Form verhandelt werden, in der alle Zugang zur Diskussion haben. Wie in den klassischen Abstimmungs- oder Partizipationsverfahren einfach nur zu sagen, dass alle mitmachen dürfen, reicht nicht aus. Es gibt ja sehr unterschiedliche Ressourcen für die Beteiligung an diesen Debatten. Und Gruppen, die strukturell benachteiligt sind, müssten gestärkt und bevorzugt werden. Eine Vernetzung von Quartieraktivisten kann da ein erster Schritt sein, denn grössere Stadtentwicklungsprojekte sind von einzelnen Initiativen kaum zu beeinflussen. Doch der Bau von Strassen und Tramlinien, die quer durch Quartiere führen, oder der Verkauf alter Industrieareale sind ja Dinge, die alle angehen und über den lokalen Konflikt hinausweisen. Genau darin liegt das Potenzial der «Recht auf Stadt»-Initiativen: Sie heben eine Vielzahl von kleinen Konflikten auf diese grosse Arena, in der es heisst: «Hier wird die Stadt verhandelt, hier wird unsere Stadt gemacht.»

Wir sind wieder beim «Autonomen Beauty Salon» angekommen. Im Januar 2011 wurde das Labitzke-Areal an die Mobimo AG verkauft. Bis vor kurzem war noch nicht sicher, ob die neue Eigentümerin das Gelände räumen würde. Die kultur- und stadtpolitische Besetzung wird derzeit von der Mobimo geduldet, solange die BesetzerInnen sich «an die Abmachungen» hielten. Anfang 2013 will die Firma mit einer 300 Wohnungen umfassenden Überbauung «im marktüblichen Preissegment» beginnen. Bis dahin soll dieser Raum weiterhin für Initiativen und Ideen einer demokratischen Stadtentwicklung genutzt werden.

www.rechtaufstadt.ch

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