Nr. 07/2012 vom 16.02.2012

Smarte Musik (von smarten Leuten)

Der Sänger einer geschätzten Band outet sich allen Ernstes als Kreationist. Ist das ein Grund, die Band in die Tonne zu treten?

Von Jan JirátMail an AutorIn

«Evolution? Das kaufe ich keinem ab! Du glaubst doch nicht wirklich, dass wir vom Affen abstammen?!» Diesen Satz sagte Brian Fallon, Sänger der populären US-amerikanischen Rockband The Gaslight Anthem, im letzten Herbst dem deutschen Musikmagazin «Visions». Er wisse wohl, dass diese Ansicht in Europa sehr verbreitet sei, er sei aber überzeugt, dass uns eine höhere Macht auf diesen Planeten verfrachtet habe. Im selben Interview sagte Fallon auch, dass er keineswegs versuche, andere vom Kreationismus zu überzeugen – «Jeder soll denken, was er möchte.»

Die Szenepolizei interessierte allerdings nur der erste Satz. «Mit solchen Menschen und Einstellungen wollen wir definitiv nichts mehr zu tun haben», liess etwa das deutsche Musikmagazin «Ox» verlauten. Auch in den einschlägigen Foren wurde Fallons Aussage kontrovers diskutiert. Die Grundfrage lautete: Ist eine tolle Band noch tragbar, wenn deren Sänger ein Hohelied auf den Kreationismus singt?

Ich selbst mag The Gaslight Anthem sehr. Nicht zuletzt, weil Brian Fallon ein begnadeter Sänger und Songwriter ist. Zugleich halte ich es für plausibel, dass wir von Affen abstammen. (Einen Gott gibt es aber wohl – er heisst Karel und singt über eine Biene namens Maja.)

An der Diskussion habe ich mich trotzdem nicht beteiligt. Ich musste mir dieselbe Grundfrage schon vor über zehn Jahren stellen, als gleich mehrere offen gläubige US-Punk- und Hardcore-Bands grossartige Alben rausbrachten. The June Spirit haben mit «And the Radio Played the Hits» eine Hymne meiner Jugend geschrieben. Und es gab das Plattenlabel «Tooth & Nail Records», das auf christlichen Punkrock spezialisiert war und zwei der besten Melodic-Punk-Alben der neunziger Jahre vertrieb: «Homecoming» von Craig’s Brother und «Sumo Surprise» von Ghoti Hook.

Ich habe damals entschieden, dass ich nicht auf die Musik dieser Bands verzichten möchte, auch wenn mein Motto «Jesus sucks» und nicht «Jesus is the Lord» war. Ich setzte aber eine bewusste Grenze: Solange die Musik im Vordergrund stand und der Glaube nicht offensiv oder gar aggressiv zur Schau gestellt wurde, konnte ich damit leben. Und natürlich half mir die englische Sprache, über das eine oder andere «God» oder «Jesus» in den Songzeilen hinwegzuhören. Wichtig war mir – und das ist es bis heute: Ich wollte selbst entscheiden, ob ich eine Band hören wollte oder nicht. Die Religiosität dieser durchwegs US-amerikanischen Bands befremdete mich zwar, aber sie war kein Grund, sie deswegen zu boykottieren.

Anders ist es mit Rassismus und Diskriminierung, die nicht selten an die Religiosität gekoppelt sind. Sobald eine Band rassistische Texte hat oder sich ein Bandmitglied homophob oder frauenfeindlich äussert, ist die Grenze überschritten, die Band für mich gestorben.

Wobei das sehr viel einfacher gesagt ist als getan. Morrissey, seit Jahren solo unterwegs und einst Leader der allseits vergötterten The Smiths, hat sich schon mehrmals abfällig über MigrantInnen geäussert. Lemmy, der unverwüstliche Sänger von Motörhead, sammelt leidenschaftlich Nazi-Devotionalien. Trotzdem höre ich ihre Musik. Selten zwar, und im Hinterkopf taucht stets die Frage auf, ob das nicht inkonsequent und heuchlerisch sei, aber die Bands sind für mich nicht gestorben. Ich folge also nicht streng meinen Prinzipien, sondern handle meine Grenzen von Band zu Band neu mit mir selbst aus.

Zurück zum Ausgangspunkt: Es ist kein bisschen zwingend, dass hinter smarter Musik auch smarte Menschen stehen müssen. Ich will auch gar nicht wissen, wo die Musik stünde und wie sie sich anhören würde, wenn nur noch smarte Menschen sie machen würden.

Brian Fallon hat sich in einem Interview als Kreationist geoutet, was ich bescheuert finde. Das war es aber auch schon. In seinen Aussagen steckte kein missionarischer Ansatz, er hat weder mich noch sonst jemanden (von den Affen mal ausgenommen) beleidigt oder diskriminiert, und seine Äusserungen waren nicht rassistisch. Ich habe kein Problem damit, ein Album von The Gaslight Anthem zu hören im Wissen, dass der Sänger allen Ernstes an die Schöpfungsgeschichte glaubt.

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