Nr. 26/2012 vom 28.06.2012

Saturn Hula-Hoop

Von Fredi Bosshard

Zuerst das Knistern einer alten Schallplatte, dann sind die warmen, getragenen Klänge eines Fagotts zu hören. Knackend wird ein Rille übersprungen. Schrecksekunde: Das neu gekaufte Doppelalbum schon zerkratzt? Eine Fehlpressung?

Streicher und Bläserinnen setzen ein, drehen und wenden die Klänge, zerdehnen sie. Der Schlagzeuger drischt einmal knapp auf ein Becken. Zwitschern da Vögel im Hintergrund, oder singen sie vor dem Fenster? Scharfer Schnitt: Ein Salonorchester der dreissiger Jahre spielt in einem plüschigen Konzertsaal und weckt Erinnerungen an Gangstermovies. Zartes Geflirre der Streicher, jemand drückt die Repeattaste, metallische Tastengeräusche und wieder das Fagott. Tägliche Routine auf messerscharf gestochene Preziosen verdichtet. Musikalische Assoziationen, variiert, durch den Wolf gedreht und wieder ausgespuckt. Crescendo! Das Andromeda Mega Express Orchestra aus Berlin hebt ab, steigt auf in den Klangbombast und landet auf sanft gestrichenen Saiten. Sie haben «Hektra Mumma Gulla» gespielt. Der Klarinettist und Saxofonist Daniel Glatzel, der zwischendurch auch mal Melodica spielt oder seine Stimme mit einem Vocoder verfremdet, hat das Stück als musikalisches Tagebuch im kalten Winter 2009 konzipiert. Es ist auf der zweiten CD des Orchestras mit dem irreführenden Titel «Bum Bum» zu finden, das an seinen Erstling «Take Off!» von 2009 anschliesst. Nichts von «Bum Bum», hier werden die nächsten Ideen gezündet. Das achtzehnköpfige Orchester entführt auf unnachahmliche Weise in bekannte unbekannte Galaxien, schweisst neue Klassik und Jazz zusammen, entlehnt bei Muzak, Pop, Swing und Barock, bei Tanz- und Filmmusik – wirft die HörerInnen aus der Bahn und beherrscht den ästhetischen Rückwärtssalto.

«Hinreissend!», hat ein Hörer am vergangenen Sonntag im Zürcher «Moods» gerufen. Glatzel selbst hat den Hit «Rainbow Warrior» als «Pseudo-Latin-Hybrid im Geist von Anton Webern» bezeichnet. Recht haben beide: Endlich ein Orchester.

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