Nr. 16/2012 vom 19.04.2012

Erzählen, maulen, lästern

Seit Jahrzehnten wird dem Theater immer wieder vorgeworfen, unzeitgemäss zu sein, krank – oder gar am Ende. Gedanken eines Theatermachers, der seit einem halben Jahrhundert tätig ist.

Von Peter Schweiger

Zuerst einsteigend: Nun ja, die Kulturdebatte – Verzeihung, dass ich mich dazu nur in einer sehr persönlichen Form auslassen möchte. Denn eigentlich ist darüber alles Richtige und Kluge, auch notwendig Unvernünftige längst gesagt.

Zufälligerweise bin ich seit genau fünfzig Jahren im «Geschäft» mit und im Geschäft ohne Anführungszeichen. Und das heisst, ich stehe oder sitze vor der Bühne als Regisseur, rede oder gehe auf der Bühne als Darsteller und agiere hinter der Bühne als Theaterleiter. Aber ungemütlicherweise gilt gerade das Theater exakt als jene Kulturstätte, die am meisten öffentliche Gelder verschlingt und entweder als «Hoch»-Kultur für eine Elite verstanden und damit von der einen Seite oft als unnötig, von den anderen als ihr eigener Leuchtturm angesehen wird – oder als «Alternativ»-Kultur hin und wieder gehätschelt werden darf, obwohl sie nur wenige erreicht, aber dafür entschieden weniger kostet.

Ich bin im Lauf meiner Arbeiten zwischen diesen angeblichen Polen hin- und hergependelt. Es war im ersteren Fall angenehm, über Geld zu verfügen, dabei genügend zu verdienen, vor allem aber den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern nicht entschuldigend die Gagen oder Honorare nennen zu müssen und ihnen darüber hinaus den Rahmen ihrer Arbeit grosszügiger bemessen zu können. Es war im zweiten Fall auch in Ordnung, weniger zu verdienen, bei jedem Mitarbeitenden und den Gestaltungselementen die Kosten mitberechnen zu müssen oder ihn/sie/es zu streichen, wenn dafür die Mittel nicht reichten.

Was sich im einen wie im anderen Bezugsrahmen jedoch jeweils nicht veränderte, war die Art und Weise der Arbeit mit allen Beteiligten, die Neugierde auf immer neue inhaltliche und formale Probleme und Lösungen dafür, die Fülle des Glücks im Gelingen, die kritischen Augenblicke des profunden Zweifels, die Zuneigung oder Ablehnung des Publikums oder einzelner, sich genau äussernder ZuschauerInnen. Es ist ein Spiel, eine Arbeit, ein Auftrag, eine Ehre, eine enorme Belastung. Mit oder ohne Unterstützung von irgendwem.

Was an der Theaterarbeit so anregend ist: der Umstand, dass ihr Umfeld sie zwar zur Kultur, aber eher nicht zur Kunst rechnet. Sie habe eben, wie es sich im Umgangssprachlichen so anhört, eine Narrenkappe auf. Sie dürfe alles sagen oder nicht, und man hört auf sie oder nicht. Insofern wäre das für alle praktisch.

Jedoch spricht das Theater laut und stellt seine Gedanken, wenn auch in meist verdunkelten, so doch in prinzipiell öffentlichen Räumen vor. Es mault, philosophiert, weckt Gefühle, erzählt, lästert, behauptet, versucht einzugreifen – und das ganz öffentlich. Das mag sich an den Einzelnen wenden oder an eine Gemeinschaft, möglicherweise sogar an den Lebensraum, in dem wir gemeinsam stecken. Keiner der Menschen, die dabei beteiligt sind, kann sich verbergen: Sie oder er steht als Person gerade für das, was hier und jetzt passiert, im nächsten Augenblick verschwindet, um vielleicht später wieder aufgenommen und weitergeführt zu werden. Theater ist eine ephemere, eine flüchtige Sache (wie die Musik) – es findet statt, oder es ist nicht. Es ist kein Kapital, mit dem sich wuchern oder andere übers Ohr hauen lässt.

Wenn, worauf ich eigentlich nicht hinweisen wollte, ein Infarkt droht, so ist diese Gefahr dem Theater immanent. Seit ich denken kann, wird dem Theater immer wieder einmal vorgeworfen, unzeitgemäss, in der Krise, überflüssig, krank, überholt zu sein, am Ende. Die entsprechenden Diagnosen, von Kolleginnen, Kritikern, Kulturbeamten und nun selbstverständlich auch ManagerInnen einem an den Kopf, vor die Füsse geworfen, lauten: zu elitär, zu politisch, zu verspielt, zu vertrackt, zu publikumsfreundlich.

Nach all diesen Jahren sehr lustvoller Tätigkeit im Theater denke ich manchmal ans Aussteigen, gelassen, ja freudig anderen den Platz überlassend, nur noch ein fachkundiger Zuschauer. Vielleicht sollten jene, denen das Handling der Kulturbereiche wichtiger ist als ihre Inhalte, einfach aussteigen, bevor der letzte Tropfen Sinn aus dem hybriden Begriff herausgepresst werden konnte – und wir wieder über das nachdenken, reden, diskutieren und daran arbeiten können, was bisher von den Kassandrarufen verschont geblieben ist: das Kunstwerk, dem man in begnadeten Augenblicken sogar im Theater begegnen kann.

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