Nr. 16/2012 vom 19.04.2012

Baut tausend Gaskraftwerke!

Von Susan Boos

Bundesrätin Doris Leuthard scheint es schwerzufallen, sich eine moderne Stromversorgung vorzustellen. Die Energieministerin wirkt zwar jung und frisch, aber was sie vorschlägt, orientiert sich an dem, was sie als ehemalige Verwaltungsrätin eines grossen Energiekonzerns kennt: Grosse Kraftwerke sollen die Schweiz vor der angeblich drohenden Dunkelheit retten, und wenn schon keine neuen Atomkraftwerke gebaut werden können, dann sollen es mindestens neue Gaskraftwerke sein.

Doris Leuthard liess ihre Idee am letzten Wochenende perfekt inszenieren. Gleich drei Sonntagszeitungen vermeldeten den Primeur und zitierten aus einem «geheimen Aussprachepapier», das voraussichtlich noch diese Woche im Bundesrat diskutiert werde. Vier bis sieben Gaskraftwerke sollen pro Jahr 20 Terawattstunden Strom bereitstellen – zum Vergleich: Die fünf Schweizer Atomreaktoren produzieren heute etwa 25 Terawattstunden. Die Medien reagierten sehr aufgeregt. Die «NZZ am Sonntag» titelte: «Atomausstieg – die Energiewende wird teuer und schmutzig». «Skandalöser Vorschlag», ereiferte sich im «Tages-Anzeiger» Chefredaktor und AKW-Fan Markus Eisenhut und schimpfte über den «kopflos beschlossenen Atomausstieg». Die Debatte wirkt ziemlich albern oder aber furchtbar altmodisch.

Doch einmal angenommen, es geht nicht so rassig mit dem Zubau von erneuerbaren Energien, was dann? Braucht es dann tatsächlich einige neue Gaskraftwerke, auch wenn es Dreckschleudern sind? Die Frage ist falsch gestellt. Gas ist nicht einfach böse, und Strom ist nicht einfach nur Strom. Wenn man die Realität einmal eher technisch und weniger ideologisch anschaut, wird offensichtlich, wie absurd die heutige Energieversorgung ist.

Atomkraftwerke sind nicht nur gefährlich – sie sind auch ungeheure Fehlkonstruktionen. Denn eigentlich heizen sie primär die Umwelt und produzieren daneben noch Strom. Physikalisch ausgedrückt: Zwei Drittel der eingesetzten Energie verpuffen als Abwärme. Nur ein Drittel kann tatsächlich in Strom umgesetzt werden.

Die Atomkraftwerke produzieren zusammen pro Jahr umgerechnet etwa 90 Petajoule Strom – das Doppelte an Energie, also 180 Petajoule, geht über die Kühltürme in die Luft oder über das Kühlwasser in die Aare. Das ist ungefähr dieselbe Menge Energie, die wir einsetzen, um unsere Häuser mit Erdöl zu heizen. Weil die Anlagen aber zu gross sind und nicht dort stehen, wo man sie benötigt, lässt sich ihre Abwärme nicht nutzen. Leuthards Vorschlag ist nicht deshalb falsch, weil er auf Gas setzt, sondern weil er auf Grosskraftwerke setzt.

Will man mit möglichst wenig Energieverlust Strom produzieren, braucht es kleinere, dezentrale gasbetriebene Wärmekraftkopplungsanlagen, sogenannte Blockheizkraftwerke. Diese kleinen Wundermaschinen mit einer Leistung von höchstens 50 Megawatt (ein neues AKW liefert 1600 Megawatt) können Strom produzieren und gleichzeitig mit der dabei entstehenden Abwärme einzelne Häuser oder ganze Siedlungen heizen. Die dezentrale Versorgung wäre auch sicherer, weil es einfacher ist, ein kaputtes kleines Kraftwerk zu ersetzen als ein Megakraftwerk.

Und vor allem lassen sich durch die Wärmekraftkopplung Hunderte von Ölheizungen entsorgen – womit Millionen Tonnen Kohlendioxid, die durch die Ölheizungen freigesetzt werden, gar nicht mehr anfallen. Das ergibt bezüglich des CO2-Ausstosses einen gewaltigen Spielraum, denn die Ölheizungen verursachen weit über die Hälfte des gesamten CO2-Ausstosses der Schweiz.

Blockheizkraftwerke sind sicher nicht die allein seligmachende Lösung, aber sie würden Zeit verschaffen, CO2-neutral an einer anderen, modernen, nachhaltigen und sicheren Energieversorgung zu bauen.

Das braucht aber nicht nur Zeit, es braucht auch eine neue Generation von EntscheidungsträgerInnen. Die alte Garde in den Grosskonzernen stemmt sich dagegen – und zwar aus nachvollziehbaren Gründen: Eine dezentrale, kluge Energieversorgung ist nicht nur nachhaltig, sie beraubt die Konzerne eben auch ihrer Macht, sie verlieren die Kontrolle und die satten Gewinne. Das ist das Problem, und nicht das Gas.

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