Nr. 19/2012 vom 10.05.2012

Gepacktes Schweigen

Hans Gysis neuste Gedichte bringen einen ins vergnügliche Nachdenken.

Von Anna Wegelin

Poesie entsteht beim «Rüeblischellen», beim Rumalbern mit Stimmung, Laut, Idiom und Bedeutung. Das lyrische Ich kann sich ausdrücklich einbringen oder das Du mit Worten liebevoll umarmen. Dichtung besingt die Sommernacht, widmet sich einem kuriosen Loch im Dachstock, betet das Auto statt das Vaterunser.

So jedenfalls geht es zu in seinen «Pocket Songs», der sechsten Buchveröffentlichung von Hans Gysi, geboren 1953, Lyriker, Theatermann und Berufsschullehrer aus dem thurgauischen Märstetten.

Seinen neuen Band lesen heisst: nachdenken über das Leben, ohne dessen tierischem Ernst zu erliegen. Die Texte sind thematisch gruppiert. Immer wieder erweist der Autor seinen Vorbildern Reverenz, von Rainer Maria Rilke über Gottfried Benn bis Ingeborg Bachmann. Man kann sich Gysis Poesie im Internet anhören, mit seinem bühnengeschulten Vortrag und musikalischen Klängen.

Lyrik, so Gysi, entstehe aus dem Hinhören und dem Schweigen, und sie besitze sehr gute Möglichkeiten, philosophische ebenso wie banale Dinge auf den Punkt zu bringen. Wichtig ist Gysi dabei, dass die «Gedichte ihre Bodenhaftung und Realität behalten und nicht abgleiten in eine unverbindliche Wortspielerei».

Die «Pocket Songs» nehmen für Gysi das «Thema des Sängers in moderner Form» wieder auf und könnten mit der Musik zusammen zu richtigen Songs werden. So impulsiv und ultimativ die Texte auch daherkommen: Die Spielerei bleibt für ihren Schöpfer existenziell. Aus dem Gedicht «poetik II»: «… gedichte sind gepacktes schweigen / sie sind geschunden und verdreckt / sie verspielen die salonfähigkeit sofort / sie klagen und trüben die sicht / sie sind schmerzattacken im ornat / sie sind bruchstellen des lebens».

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